Normalerweise gestalten sich die Trainingseinheiten des EHC Eisbären an einem Dienstag wenig aufregend, dafür aber oft anstrengend. Kondition bolzen ist da meist angesagt. Das wird sich kaum grundsätzlich ändern, der Grad der Aufregung allerdings dürfte ungeahnte Höhen erreichen. Auf dem Eis selbst, aber ebenso auf der sicher ungewohnt gut gefüllten Tribüne. Denn unter den Spielern des Titelverteidigers der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) werden dann erstmals die neu verpflichteten Superstars aus der nordamerikanischen Profiliga NHL sein, Claude Giroux und Daniel Briere.

Wahrscheinlich werden sie erst einmal staunen, wo sie da gelandet sind. Das Training findet im alten Wellblechpalast in Hohenschönhausen statt. Die Spielstätte, die O 2 World, lernen sie aber unmittelbar danach kennen, dort werden die beiden vorgestellt. Briere, der schon auf eine große Karriere verweisen kann, und Giroux, dem eine noch größere Karriere von vielen prophezeit wird.

Wilde Entschlossenheit

Mit seinen 24 Jahren fasziniert der Kanadier Kollegen und Trainer. Briere (35) ist noch immer ein wenig sprachlos ob der Szene, die sich im sechsten Spiel gegen die Pittsburgh Penguins in der ersten Play-off-Runde im Frühjahr zugetragen hat. Sekunden vor Spielbeginn fuhr Giroux da zu Briere. „Schau auf den ersten Wechsel“, sagte der zu ihm. „Was er dann abgezogen hat, ich wusste nicht, was ich zu ihm sagen sollte“, so Briere. Einfach besessen von dem Gedanken, dieses Spiel ganz allein zu bestimmen, fuhr Giroux ganze sechs Sekunden nach dem Eröffnungsbully einen harten Check gegen Superstar Sidney Crosby. Nur 26 Sekunden später schoss er das 1:0 für die Flyers und leitete danach die Treffer zwei und drei ein. Mit seiner Entschlossenheit entschied Giroux das Spiel und die Serie. „Es war einfach wundervoll, das mit anzusehen“, sagt Briere.

Das erzählt schon viel vom Charakter dieses bemerkenswerten jungen Profis. Damals hatte er sogar seinem Trainer Peter Laviolette gesagt, dass er unbedingt diesen ersten Wechsel spielen möchte. Peter John Lee, der Manager der Eisbären, kennt Giroux von früher. Er kommt wie Lee aus Ottawa. „Ich habe ihn schon als Jungen gesehen, er war nie der Größte und Stärkste, aber er hat sich überall durchgekämpft“, sagt Lee. Sein Weg war nicht so gradlinig wie der anderer Stars. Giroux musste in einer zweitklassigen Juniorenliga anfangen, er schaffte es auch nicht direkt in die NHL, sondern lief noch eine Weile in der AHL auf. Aber das hat ihn geformt, es hat seinen Ehrgeiz befeuert, ihn unermesslich werden lassen. „Er ist wahrscheinlich der härteste Wettkämpfer, mit dem ich je gespielt habe“, sagt Teamkollege Scott Hartnell: „Er will so unglaublich gern gewinnen.“

„Ich möchte der Beste sein“

Dafür tut der Mittelstürmer alles, dafür gibt er alles. „Das ist das beeindruckendste an ihm. Talentierte Spieler gibt es viele, aber sein Wettkampfwille hebt ihn auf eine neue Stufe“, sagt Peter Laviolette. Diese Leidenschaft hat sich in Philadelphia schon als ansteckend erwiesen, Giroux reißt sein Team mit. Weshalb er als Favorit auf den Kapitänsposten gilt, wenn die Saison wieder anfängt. „Er ist absolut bereit“, sagt Tschechiens Superstar Jaromir Jagr, mit dem er vergangene Saison in einer Reihe spielte. „Er ist besser als ich in diesem Alter“, so Jagr. Giroux ist vor allem trotz seines Alters schon ein unglaublich kompletter Spieler.

Nach den Zahlen, 93 Punkte sammelte er vergangene Saison in der NHL-Hauptrunde und war damit drittbester Scorer, deutet alles auf einen reinen Offensivmann hin. Doch Giroux ist viel mehr. Er kann mit Höchstgeschwindigkeit atemberaubende Spielzüge auf das Eis zaubern, aber genauso selbstverständlich blockt er vor dem eigenen Tor gegnerische Schüsse. Giroux fühlt sich auf beiden Seiten des Eises wohl, er dirigiert die Überzahlformationen der Flyers, aber auch die Unterzahl. Giroux ist stark am Bullypunkt, und er teilt gern Checks aus. Selbst vor Faustkämpfen schreckt er nicht zurück, erst recht nicht, wenn es darum geht, Zeichen zu setzen. Es sind alles Dinge, die auf dem Eis dazugehören, für die es aber oft Rollenspieler gibt. Giroux möchte überall mitmischen. Nicht einfach so, sondern: „Ich möchte in allem, was ich mache, der Beste sein“, sagt er. Mit ihm, so sein Trainer in Philadelphia, hätte er gern mal zusammengespielt.

Forsberg oder Lemieux?

Mit seinem Verhalten, seiner Spielweise animiert er oft zu Vergleichen. Jaromir Jagr sieht in ihm einen neuen Mario Lemieux, nur etwas kleiner von der Statur her. Andere fühlen sich eher an den schwedischen Überspieler Peter Forsberg erinnert. „Vielleicht ist das noch etwas früh, aber er hat den gleichen Stil“, sagt NHL-Profi Simon Gagne. Die Komplimente ehrten ihn, sagt Giroux, „aber ich bin ein junger Spieler und muss noch viel lernen.“ Bei den Flyers sehen sie ihn bereits jetzt als zentrale Figur des Teams.

Seit 13 Jahren erzielte kein Spieler im Trikot des Klubs mehr so viele Punkte in der NHL wie Giroux in der Vorsaison. Es war die erste Spielzeit, in der er richtig im Fokus stand, nachdem zuvor zwei ältere Führungsspieler, Mike Richards und Jeff Carter, weggeschickt wurden. Gleichzeitig spielte der Mittelstürmer seine bisher beste Saison in einer Mannschaft, die sehr auf die Zukunft ausgerichtet ist, in der viele junge Spieler stehen. Den Superstar-Status konnte sich Giroux damit bereits erarbeiten in Nordamerika. Jetzt muss er ihn bestätigen. Zweifel daran, dass ihm das gelingt, sind in seinem Umfeld nicht zu vernehmen. „Er ist mit seiner Entwicklung noch nicht am Ende“, glaubt auch Eisbären-Manager Lee. Trainer Don Jackson lächelt nur, wenn er über Claude Giroux und Daniel Briere spricht: „Wir freuen uns auf eine besondere Zeit mit ihnen.“ Wenn der Jetlag nicht zu groß ist, beginnt sie schon am Dienstag und macht den Alltag bei den Eisbären etwas aufregender.