Berliner Eisbären

"Müllmann" Sharrow hält das Tor sauber

Als Kind hatte Eisbär Jim Sharrow einen ganz anderen Traumberuf: Er wollte Müllmann werden. Aufräumen muss er nun trotzdem.

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Ihm war es einfach zu ruhig. Ein bisschen zu leblos, für das, was da alle gerade erlebt hatten. Also drehte Jim Sharrow noch einmal in die Kurve ab. Obwohl das im Play-off nicht angesagt ist, da werden Siege von den Profis ruhig hingenommen, erst beim letzten Erfolg einer Serie wird das Publikum wieder einbezogen. Aber so lange wollte Sharrow nicht warten, er wollte einheizen, aufpeitschen – und riss in der Kurve kurz seine Arme nach oben, während er laut schrie. Ein bisschen sah es zwar danach aus, als würde das Adrenalin ihn antreiben, nachdem er zum Spielende noch in eine Prügelei verwickelt gewesen war. „Aber ich habe das nur gemacht, weil ich wollte, dass alle lauter feiern. Wir hatten doch gewonnen“, sagt Sharrow. Die Zuschauer taten ihm den Gefallen, das 2:0 der Eisbären im ersten Finalspiel der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) gegen die Adler Mannheim war ja auch ein Grund zum Jubeln.

Nicht zum ersten Mal suchte der Verteidiger der Eisbären die Interaktion mit den Fans, letztens sprang er im Halbfinale in Straubing gegen das Plexiglas vor den Berliner Fans, nachdem er einen Treffer erzielt hatte. Solche Aktionen bringen beide Seiten einander näher, und Sharrow will den Fans nah sein, ihre Anerkennung spüren. Das gibt ihm Schub.

Ausflug in das Leben der Fans

Deshalb ist er sich für nichts zu schade. Er fährt auch mal ein paar Stunden auf einem Müllwagen der Stadtreinigung mit, weil ein Fan ihn dazu eingeladen hat. „Das hat einfach Spaß gemacht. Meine Eltern hätten bestimmt gelacht, wenn sie das gesehen hätten. Denn als Kind wollte ich immer Müllmann werden“, sagt der 27-Jährige US-Amerikaner. Er spielte sogar mit kleinen Mülltonnen damals.

Ganz so sehr unterscheidet sich sein jetziger Beruf nicht mal von dem Traum aus Kindertagen. Zumindest im übertragenen Sinne, denn das Aufräumen vor dem eigenen Tor gehört zu seinen Hauptaufgaben. Obwohl Sharrow derzeit besonders durch seine Leistungen in der Offensive auffällt. „Natürlich freue ich mich darüber, aber wichtig ist das nicht für mich“, sagt er. Lediglich die erste Reihe kann seine drei Tore und die drei Vorlagen im Play-off überbieten. So dominant hatte Sharrow niemand erwartet.

Für den schlaksigen Abwehrspieler ist es die zweite Saison in Berlin, und erst jetzt gelingt es ihm, etwas herauszustechen aus dieser Mannschaft, die voll ist mit individuell begabten Persönlichkeiten. Spieler wie Sharrow haben es da schwer, sich Anerkennung zu erarbeiten. Weil sie in den Punktelisten eher selten vorn zu finden sind. „Ich bin nicht der superoffensive Typ, der viel trifft“, sagt er. Obwohl seine Rolle schon offensive Elemente beinhaltet.

Kapitän Ustorf ist beeindruckt von Sharrow

Sharrow musste sich umstellen, als er nach Berlin kam, seiner ersten Station in Europa. „Er kannte die Liga nicht und dachte, er muss gleich nach vorn spielen“, sagt Stefan Ustorf. Der verletzte Kapitän ist ziemlich beeindruckt von dem Amerikaner, der in seiner Heimat nur in unterklassigen Ligen spielte. „Aber das hat nichts zu sagen, da spielen immer so viele Faktoren eine Rolle“, sagt Ustorf. Aussagekräftig ist für ihn nur die Entwicklung, die Sharrow bei den Eisbären genommen hat: „Und die ist toll.“

Natürlich auch wegen der Punkte, die er nun sammelt. Aber nicht nur. Auffälligkeiten, die sich vor allem an Statistiken ablesen lassen, sind eben nicht immer das beste Kriterium. „Diejenigen, die nicht so oft zu sehen sind, machen auch die wenigsten Fehler“, sagt Manager Peter John Lee. Gerade bei Verteidigern gilt das. Bei Sharrow ist das Defensivspiel die Basis, das, was er gelernt und immer getan hat. „Ich mag es einfach, andere zu frustrieren, indem ich verhindere, dass sie punkten“, sagt er. Darin ist Sharrow sehr geschickt, er weiß, was die Stürmer nervt. Kleine Dinge, von denen im Eishockey oft gesprochen wird, sind das. Sharrow legt sich gern mal aufs Eis, um Schüsse zu blocken. Oder er setzt seinen Stock ein, ganz fair, und stiehlt damit dem Gegner den Puck.

Das kann er wirklich gut, Teamkollege Florian Busch hasst es, im Training gegen Sharrow zu spielen. Der hat nämlich einen sehr langen Schläger, dazu noch lange Arme, diese Reichweite ist sehr nützlich. „Früher war mein Stock eher kurz, mit der Zeit habe ich aber gemerkt, dass ich mehr damit anfangen kann, wenn er länger ist“, erzählt Sharrow. Die Angreifer der Adler Mannheim durften das gerade auch erleben. Ken Magowan konnte am wenigsten damit umgehen, er war es, der sich mit Sharrow am Ende anlegte.

Nicht zufällig ist Magowan bei den Adlern Teil der ersten Reihe. Deshalb trifft er häufig auf Sharrow, denn er und Abwehrkollege Jens Baxmann sind die Spezialisten, wenn es darum geht, die Top-Angreifer des Gegners aus dem Spiel zu nehmen. „Er hat viel an seinen Defensivaufgaben gearbeitet und sich so in seinem Spiel verbessert“, sagt Ustorf. Diese Sicherheit half ihm auch in der Offensive, an der er nun mehr teilhat. Gemeinsam mit Torhüter Rob Zepp und Baxmann schätzt Ustorf Sharrow als bislang stärksten EHC-Profi im Play-off ein. Ausgeschöpft sieht er dessen Potenzial allerdings noch nicht.

Aber er soll bei den Eisbären weiter daran arbeiten, das zu tun, sein Vertrag wurde verlängert, genauso wie der von Zepp. Vielleicht kann er sich in Zukunft auch schneller entfalten, das erste Jahr gestaltete sich schwierig, weil er und Mads Christensen die einzigen Neulinge in diesem eng verbundenen Team waren. Inzwischen sind auch die beiden, die gute Freunde wurden, mehr mit den anderen vertraut. So sehr, dass nun jeder in der Kabine weiß, dass Jim Sharrow gern tanzt. „Aber er kann das nicht wirklich gut“, sagt Ustorf. Sharrow vertritt da eine andere Meinung. Aber egal, die gewonnene Nähe machte vieles leichter im zweiten Jahr.

Langsam wird der bislang unauffällige Sharrow nun auch von den Fans wahrgenommen. Am Mittwoch in Mannheim im zweiten Spiel kann er wieder den Kontakt suchen, er hat durchaus Potenzial, sich zu einem Liebling zu entwickeln.