Volleyball

Wie Volleys-Trainer Mark Lebedew mit Ruhe zum Erfolg fand

Die BR Volleys kämpfen von diesem Sonntag an gegen den VfB Friedrichshafen um die Deutsche Meisterschaft im Volleyball. Großen Anteil am Berliner Erfolg der vergangenen Jahre hat Trainer Mark Lebedew.

Foto: Felix Kästle / picture alliance/dpa

Es wird wieder brodeln in ihm, im ersten Finale um die deutsche Volleyball-Meisterschaft zwischen seinen BR Volleys und dem VfB Friedrichshafen. An diesem Sonntag (Beginn 16 Uhr) wird Mark Lebedew in der Schmeling-Halle vor der Berliner Bank auf- und abschreiten, die Taktiktafel in der Hand, hin und wieder ein paar Notizen draufkritzeln, die in den Auszeiten seiner Mannschaft weiterhelfen könnten.

Manchmal wippt er stehend ein bisschen nach hinten, als wolle er selbst zum Schmetterschlag ausholen. Nebenher süffelt er zwei Flaschen Cola weg – seine übliche Ration süßer Brause pro Spiel. Die einzige Marotte, die seine Spieler an ihm entdeckt haben und über die sie ihre Späße machen.

Äußerlich wirkt der Trainer der BR Volleys sehr ruhig. „Fast schon stoisch“ nennt ihn Manager Kaweh Niroomand. „Es ist ganz gut, dass niemand weiß, wie es in mir wirklich aussieht“, sagt Lebedew dazu und schmunzelt.

Der Australier hat einen Traum vom Volleyball: das perfekte Spiel. „Es muss kein 25:0 sein“, schränkt er ein, „es geht um unser Zusammenspiel, wie die Mannschaft schwierige Situationen löst.“ Jede Flüchtigkeit, jeder Fehler durch Mangel an Konzentration ist da nur schwer zu ertragen. Er könnte dann losbrüllen vor Ärger und Enttäuschung. So, wie Lebedew es früher, als junger Trainer oft getan hat. Viel zu oft. „Ich habe geschrien“, erinnert sich der 45-Jährige. Bis er realisierte, dass seine Spieler ihm irgendwann nicht mehr zuhörten. „Ich habe gelernt, dass die Spieler tun wollen, was du ihnen sagst. Sie machen die Fehler nicht mit Absicht.“ Er tat etwas, was ihm sehr schwer gefallen ist. Mark Lebedew zwang sich zur Ruhe. Und mit der Ruhe kam mehr Erfolg.

Dabei ist er immer noch ein Rocker. Das behauptet Lebedew von sich selbst. Früher, als Spieler, hatte er schulterlanges Haar. Er tobte auf dem Feld, wenn es nicht nach seinem Geschmack lief. Das Haar ist jetzt kurz, und es ist grau geworden. Trotzdem: Wenn er schon nicht mehr oft laut wird, die Musik, die er vorzugsweise hört, ist es geblieben: Led Zeppelin, Foo Fighters, Guns N’Roses. Im September war er in der Columbiahalle bei Soundgarden, auch eine Rockband nicht mehr der ganz jungen Garde. Sie haben es ordentlich krachen lassen. Lebedew hat es genossen.

Auszeit vom Volleyball nach dem Tod der Tochter

Was er noch mehr genießt: Seine Familie mit dem kleinen Daniel, nicht mal ein Jahr alt. Von seiner Facebook-Seite lächeln der stolze Vater und der niedliche Spross mit sehr ähnlichem Gesichtsausdruck die Besucher an. Nicht vergessen, aber überwunden ist das tragischste Erlebnis des Trainers, dessen erstes Kind wenige Tage nach der Geburt in Berlin gestorben war. Lebedew nahm sich eine Auszeit vom Volleyball, der Verein gewährte sie ihm. Zwei Spiele musste die Mannschaft ohne ihren Trainer auskommen, dann kehrte er zurück. Am Ende jener Saison waren die BR Volleys Deutscher Meister.

Lebedew ist erst in Berlin zu einem erfolgreichen Trainer geworden. In seiner vierten Saison coacht er die BR Volleys, zum vierten Mal führte er sein Team ins Meisterschaftsfinale. „Seine Erfolge sprechen für ihn“, lobt Kaweh Niroomand. „Er ist ein sehr professioneller Arbeiter. Er sieht das nicht nur als Beruf. Mark lebt für den Volleyball.“ Das ist so eine Sport-Floskel, die gern verwendet wird, aber auf den Rocker aus Adelaide trifft sie zu.

Nicht das größte Talent, aber die beste Einstellung

Er wurde in den Sport hineingeboren. Sein Vater, auch ein Volleyballspieler, war aus der Ukraine auf den Fünften Kontinent übergesiedelt, wurde sogar Chef des australischen Verbandes. Der kleine Mark war immer dabei, wurde selbst Nationalspieler als Außenangreifer, nicht schlecht für einen nur 185 Zentimeter messenden Mann. Die Mannschaften, in denen er spielte, hatten nicht das größte Talent. „Aber wir haben besser gekämpft als andere, besser zusammengespielt, waren ehrgeiziger.“ Das prägt ihn bis heute. Nicht das Budget allein ermöglicht den Erfolg.

Zunächst als Spieler, danach als Trainer ist Lebedew weit herumgekommen, arbeitete in Italien, Belgien, Polen, wo er seine heutige Frau kennenlernte, und in der Bundesliga. Sein Ziel ist es, „Volleyball weiterzuentwickeln, das ist unsere gemeinsame Aufgabe“. Auch sich selbst weiterzuentwickeln. Deshalb assistierte er Bundestrainer Vital Heynen im Nationalteam. Er schreibt einen Blog („At Home on the Court“), in dem er sich mit Kollegen austauscht, seine Beobachtungen weitergibt, neue Ideen mitteilt.

Ein Querdenker mit offenem Ohr für die Wünsche seiner Spieler

Seine Spieler wundern sich manchmal über seine Übungen im Training. „Mark ist ein Querdenker, macht andere Sachen, verrückte Sachen“, sagt der Berliner Star Robert Kromm. So wird es immerhin nie langweilig. Weil Lebedew aber noch ein junger Coach ist, gibt es auch mal Kritik von den älteren Spielern. Kapitän Scott Touzinsky etwa kann sich nicht damit anfreunden, dass der Trainer oft erst kurz vor den Spielen bekannt gibt, wer in der Startformation steht: „Es wäre für das Aufwärmen wichtig, das eher zu wissen.“

Was sie jedoch alle loben: Mit Lebedew kann man reden, er weist Änderungswünsche nicht zurück als vermeintliche Schwächung seiner Autorität. Und er ist ehrlich. Jeder Spieler kennt seine Rolle, gerade die Bankspieler brauchen Zuspruch und erhalten ihn. Vielleicht liegt das daran, dass Lebedew früher selbst oft auf der Bank gesessen hat. Aber „es geht um die Mannschaft. Unsere individuellen Ziele erreichen wir nur als Mannschaft“. Dafür müssen alle Opfer bringen. Und sei es, dass man sich zur Ruhe zwingt, auch wenn tief im Inneren der Rock’n‘Roll tobt.