Felix Fischer muss lachen. „Mann, das ist echt lange her“, erinnert sich der 30-jährige Mittelblocker der BR Volleys. In der Saison 2003/2004 gingen die Berliner, damals noch als SC Charlottenburg, zuletzt als Tabellenführer der Volleyball-Bundesliga ins Play-off um die Deutsche Meisterschaft. Neun Jahre sind vergangen, bis ihnen dies wieder gelungen ist. Von ganz oben grüßt der Titelverteidiger die Konkurrenz, aus für ihn ungewohnter Perspektive.
Mit einer beeindruckenden Bilanz: nur eine Niederlage in zwanzig Spielen, mit deutlichem Vorsprung auf die vermeintlichen Hauptkonkurrenten Generali Haching und VfB Friedrichshafen und nur vier abgegebenen Sätzen in der Schmeling-Halle. Da der Bundesligaerste in jede Play-off-Runde mit dem Heimvorteil startet, scheint der Weg zur erfolgreichen Titelverteidigung geebnet zu sein. Viertelfinalgegner VC Dresden ist am Sonntag (16 Uhr, Schmeling-Halle) jedenfalls krasser Außenseiter.
Spieler spüren die hohen Erwartungen
Doch die erhöhte Position birgt auch ihre Risiken. „Verlierst du einmal zu Hause, stehst du gleich mit dem Rücken zur Wand“, sagt Geschäftsführer Kaweh Niroomand. Es werde nicht einfacher, glaubt Fischer, sondern sogar schwerer: „Man merkt schon, was alle von uns erwarten.“ So wie die Saison verlaufen ist: nicht mehr und nicht weniger als den erneuten Titelgewinn. Aber, warnt der Nationalspieler, „in der vergangenen Saison waren wir das beste Beispiel dafür, dass alles auch ganz anders kommen kann“.
Da startete die Mannschaft von Trainer Mark Lebedew als Tabellendritter ins Play-off, knackte zunächst im Halbfinale den vermeintlichen Heimnimbus des VfB Friedrichshafen, um schließlich das fünfte Finale bei Generali Haching nach der Abwehr von zwei Matchbällen zu gewinnen. So kann es eben auch laufen. Ohne Heimvorteil.
Mit großem Selbstvertrauen in die wichtigsten Wochen
Natürlich sind solche Gedanken Luxussorgen. Die Situation sei wohl anders, sagt Lebedew, der sie noch nie zuvor in seiner Trainerlaufbahn erlebt hat, „aber schwerer ist es nicht. Vergangene Saison wollten wir nicht zurückschauen, sondern nur nach vorn. Diesmal tun wir es ganz bewusst.“ Denn dieser Rückblick „ist sehr gut für unser Selbstvertrauen“.
Genauso sieht es der Star des Teams, Robert Kromm. „Es ist auf jeden Fall besser so. Natürlich muss man sehen, wie wir mit der Favoritenrolle umgehen. Aber durch den ersten Platz haben wir uns viel Selbstvertrauen für die entscheidende Saisonphase geholt.“ Auch nicht zu verachten: Haching oder Friedrichshafen können sich den Berlinern erst im Finale in den Weg stellen. Bis dahin bekommen die Volleys immer den jeweils vermeintlich schwächsten der verbliebenen Konkurrenten zum Gegner.
In der Punkterunde war Dresden ein leichter Gegner
So wie jetzt Dresden. In der Punkterunde haben die Sachsen zweimal 0:3 gegen Berlin verloren – einmal in 66, das andere Mal in 71 Minuten. Das bedeutet, übersetzt aus dem Volleyball-Deutsch: im Schnelldurchgang, ohne Nebengeräusche.
Der Aufsteiger hat mit dem Klassenerhalt sein größtes Ziel schon erreicht. Trotzdem warnt Fischer: „Wir dürfen niemandem respektlos gegenübertreten. Gegen die Dresdner muss man auch aufpassen. Ihre größte Stärke ist ihre mannschaftliche Geschlossenheit.“
Touzinsky und Sikiric nach Verletzungen wieder fit
Das allerdings trifft erst recht auf sein eigenes Team zu. Zwar haben die Berliner in Kromm den herausragenden Angreifer und in Tomas Kmet den besten Blockspieler der Bundesliga. Doch sie haben in Paul Carroll und Aleksandar Spirovski weitere Akteure, die immer in der Lage sind, zum Topscorer aufzusteigen. Berlin ist nicht ausrechenbar. Kapitän Scott Touzinsky und Roko Sikiric haben sich in den vergangenen Wochen so weit von ihren Knieverletzungen erholt, dass Lebedew sie bedenkenlos wieder einsetzen kann.
Beide haben im Trainingslager in Italien in der vergangenen Woche große Fortschritte gemacht. Nur Björn Höhne, der an Pfeifferschem Drüsenfieber leidet, fällt noch aus. Aber so ausgeglichen wie die BR Volleys ist keine andere Mannschaft besetzt.
Die Berliner Fans sehnen das Play-off herbei
Bleiben die hohen Erwartungen, die einem Favoritenteam das Siegen manchmal schwer machen können. Erfreulich ist, dass Manager Matthias Klee am Sonntag über 4000 Zuschauer erwartet, denn: „Unsere Fans sind heiß auf das Play-off.“ Vermutlich noch auf etwas mehr. Der erneute Titelgewinn, sagt Niroomand, wäre schon „enorm wichtig“ – für die sichere Champions-League-Teilnahme, für Sponsorengespräche, für die Wahrnehmung des gesamten Projektes. Momentan fühlt Lebedew noch keinen so großen Druck, „aber die Erwartungen werden steigen von Runde zu Runde“.
Aber der Australier will sich die gute Ausgangslage nicht schlechtreden lassen: „Wir freuen uns auf das, was jetzt kommt. Es geht um das Wichtigste in der Saison.“ Vielleicht hilft ja auch der Blick noch weiter zurück als von ihm gefordert. Das letzte Mal, als Berlins Volleyballer als Tabellenerster ins Play-off starteten, also 2004, wurden sie Deutscher Meister.





