Sechstagerennen

Die nächste Generation auf dem Rad

Marcel Barth und Nico Heßlich eifern beim Sechstagerennen in Berlin ihren erfolgreichen Vätern nach. Aber mit unterschiedlichen Aussichten.

Berlin.  Gerd Dörich ist schuld. Sonst wäre Marcel Barth wohl nie zu dem geworden, was er darstellt. Dörich, diese Sechstage-Legende. Zu der wurde er nicht wegen seiner Ergebnisse. Sicher, Dörich gewann auch mal, aber am meisten verzückte er die Leute als Anführer der Karawane, als der Mann für die Show auf dem Fahrrad, auf der Sechstagebahn. Als Marcel Barth (29) das zum ersten Mal sah, bekam er Gänsehaut, das wollte er auch machen. Inzwischen heizt er dem Publikum ein, am Donnerstag startete Barth in sein siebtes Berliner Sechstagerennen.

Es war kein Zufall, dass Barth sich als kleiner Junge oft das wilde Kreisen auf der Bahn anschaute. Vater Thomas gehörte früher zu den Großen im Straßenradsport der DDR, eine Friedensfahrtlegende ist er, war wichtiger Helfer von Olaf Ludwig und Uwe Ampler. Auf der Bahn dominierte damals Lutz Heßlich, einer der besten Sprinter aller Zeiten, zweifacher Olympiasieger, vierfacher Weltmeister. Sein Sohn Nico (25) startet in Berlin ebenfalls.

Zuletzt in Bremen aktiv

Dass sie die Söhne namhafter Väter sind, ist den beiden gemein, sonst geht es ihnen um andere Dinge. „Ich erwarte, dass ich neben meinem Beruf noch so viel Form habe, dass ich nicht Letzer werde“, erzählt der Erfurter Barth. In Bremen war er gerade Schlusslicht, da hat er sich aber eingerollt und will mit Partner Achim Burkart nun gern Achter werden. Der Cottbusser Nico Heßlich fährt an der Seite von Christian Grasmann (München). „Er ist einer der Erfahrensten in Deutschland. Wenn wir Dritter oder Vierter werden würden, wäre ich zufrieden“, sagt Heßlich. Die beiden gelten als Geheimtipp in Berlin, Grasmann gewann in Bremen, Heßlich wurde dort Sechster.

Vor zwei Jahren fuhren Heßlich und Barth als Team in Berlin. „Nico ist extrem gut geworden, weil er sehr diszipliniert ist“, erzählt Barth. Mit der Disziplin haperte es bei ihm selbst immer, das war schon der große Unterschied zwischen Vater und Sohn Barth. Talent hatte Marcel mitbekommen und auch ein paar Erfolge im Nachwuchs. Er war Junioren-Weltmeister im Punktefahren, gewann später sogar ein paar Weltcuprennen bei den Männern.

Spät zum Radfahren

Weiter ging es nicht auf dem Niveau. „Ich brauche meine Auszeiten, meine Partys, Freunde und Spaß. Das hat dazu geführt, dass ich nicht so den großen Durchbruch hatte wie mein Papa“, sagt Barth. Früher hatte ihn sein Vater mehr oder minder „gezwungen“, an Radrennen teilzunehmen. Damals war ihm die Quälerei zu anstrengend, doch weil alle um ihn rum sein Rennrad toll fanden und „ich bei uns im Dorf plötzlich ein Trendsetter war“, trat er richtig in die Pedale. Mit den Erfolgen kam dann auch der Spaß. Bis eben andere Sachen wichtiger wurden.

Aus- und abschweifen vom Sport musste Nico Heßlich nie. „Auf der Couch sitzen, das gibt es bei uns nicht. Wir sind eine sportliche Familie“, erzählt er. Dabei war es ihm überlassen, was er tut, sein Vater drängte ihn nicht zum Radsport. Obwohl der sogar einen großen Fahrradladen in Cottbus führt, in dem Nico aufgewachsen ist. Ihn zog es dennoch erst zum Fußball, dann zur Leichtathletik. Erst mit 17 Jahren entschied er sich, doch in den Radsport zu wechseln. Weil ihm die Perspektive, zur erweiterten Spitze in der Leichtathletik zu gehören, nicht genügte.

Im Umfeld hieß es, „endlich machst du das, was für dich bestimmt ist“. Das führte natürlich auch gleich zum Sprint, wie sich herausstellte, ein Missverständnis. „Mein Vater und ich sind keine identischen Typen“, sagt Nico, „ich habe mich zwei Jahre gequält.“ Anschließend orientierte er sich zwei Jahre lang um auf Ausdauer – taktisch, trainingstechnisch. Fast immer mit Vater Lutz an der Seite, der ihn hauptsächlich trainiert.

Vorbereitung in Thailand

Mit dem großen Namen hatten weder Heßlich noch Barth größere Probleme, Vergleiche wurden zur Gewohnheitssache. Für Barth hatte der Sport ohnehin bald keinen Vorrang mehr. Seit zwei Jahren arbeitet er als Polizist im Schichtdienst. Seinen ganzen Urlaub opfert er dennoch der Sechstagesaison. Zur Vorbereitung fuhr er im Dezember mit zwei Freunden vier Wochen mit dem Rad durch Thailand und Kambodscha, 2200 Kilometer. „Eine coole Sache.“ Aber mehr als eine weitere Saison hält er nicht durch. „Weil ich merke, psychisch und körperlich, dass das mit einem Beruf auf Dauer viel zu hart ist. Die Rennen werden immer schneller, die breite Masse wird qualitativ immer hochwertiger“, sagt Barth. Mit 30 wollte er ohnehin immer aufhören.

Nico Heßlich, der halbtags im Laden des Vaters mitarbeitet, sieht noch alles vor sich. Ein paar Medaillen hat er schon, aber er war noch bei keinem Weltcup, keiner EM, WM. Olympia ist sein Traum. „Ich will nach und nach mehr erreichen“, sagt er. Obwohl er durch seinen späten Einstieg einige Zeit verpasst hat, hilft ihm sein Talent, das aufzuholen.