Hockey

Alles für den einen, großen Traum von Olympischen Spielen

23 Jahre lang trug Pilt Arnold das Trikot des Berliner HC. Am Sonnabend kommt er erstmals als Gegner an die Wilskistraße.

Im Nationaltrikot: So möchte sich Pilt Arnold auch in Rio sehen. Für seinen Olympia-Traum nahm er sogar einen Vereinswechsel in Kauf

Im Nationaltrikot: So möchte sich Pilt Arnold auch in Rio sehen. Für seinen Olympia-Traum nahm er sogar einen Vereinswechsel in Kauf

Foto: Eibner-Pressefoto / picture alliance / Eibner-Presse

Berlin.  Eines wird beinahe so sein wie immer, wenn Pilt Arnold an diesem Sonnabend mit Sporttasche und Hockeyschläger zum Bundesligaspiel beim Berliner HC aufkreuzt. Er betritt das Haus mit den Umkleideräumen, „man geht da rein, und gleich links ist die BHC-Kabine“. Er muss noch seine Mitgliedskarte über ein Lesegerät ziehen, um hineinzukommen, schließlich soll ja nicht jeder hier herumspazieren.

„Eine seltsame Vorstellung, gegen den BHC anzutreten“

Aber dann wird plötzlich alles ganz anders sein. Der 27-Jährige will nämlich nur schnell „Hallo“ sagen. Vermutlich fragt jemand, wie es ihm geht oder sogar, wie sein Juraexamen gelaufen ist, das er gerade absolviert hat. Wahrscheinlich fällt irgendwann auch die Frage: „Und, Pilt, wie ist es in Hamburg?“ Was soll er anderes antworten als „ganz gut“, denn genauso ist es ja.

Dann wird er rübergehen in die Gäste-Kabine und sein Trikot vom Uhlenhorster HC mit der Nummer 34 anziehen. Um 16 Uhr beginnt auf der Anlage an der Zehlendorfer Wilskistraße das Spiel zwischen BHC und UHC, Tabellenachter gegen -siebter. Beide Teams hoffen noch auf das Erreichen eines Play-off-Platzes. Zum ersten Mal in seinem Leben wird Pilt Arnold gegen den Berliner HC antreten. „Ich kann mir das noch gar nicht vorstellen, wie das ist“, sagt er. Zum Glück hatte er in den vergangenen 14 Tagen sieben fünfstündige Klausuren für sein Examen zu schreiben, da blieb wenig Zeit, darüber nachzudenken. Nur so viel ist klar: „Es ist eine seltsame Vorstellung.“

Kurz vor London aus dem Olympia-Kader gestrichen

Als Pilt Arnold vier Jahre alt war, hat er mit dem Hockey begonnen. Beim Berliner HC, denn dort waren ja auch seine Eltern Anja Arnold und Holger Beck schon in der Bundesliga aktiv. Pilt ist das älteste von sieben Geschwistern, die es ihrem großen Bruder nachmachten. Seine Schwester Pahila, 20, hat jetzt einen Stammplatz bei den BHC-Damen; sein Bruder Leon, 22, wird an diesem Sonnabend als Außenverteidiger auf der anderen Seite stehen. Auf seiner, auf Pilt Arnolds Position. „Seltsam“, wiederholt er.

Er blieb seinem Klub all die Jahre treu und hat viel gewonnen, wurde mit dem BHC Deutscher Meister, hat mehr als hundert Länderspiele bestritten, wurde Europameister. Nur sein größter Traum erfüllte sich nicht: bei Olympischen Spielen dabei zu sein. Dabei zu sein hätte für ihn bedeutet: 2012 in London Olympiasieger zu werden. Doch Bundestrainer Markus Weise sortierte den Berliner als einen der letzten aus seinem Kader aus. Statt Gold um den Hals ein Kloß im Hals.

Gut zu sein ist dem Bundestrainer nicht gut genug

Er gab nicht auf, schaffte danach den Sprung zurück ins Nationalteam. Aber je näher die Spiele in Rio rückten, um so wackeliger wurde seine Position. Weise hat jetzt neun bis zehn Kandidaten für fünf bis sechs Plätze in der Abwehr und sagt: „Gut zu sein, reicht nicht. Man muss herausragend sein.“

Es musste etwas geschehen. Da kam das Interesse von UHC-Trainer Kais al Saadi. „Ich habe alle Register gezogen“, erzählt der Hamburger Coach. Geld, wie inzwischen auch im Hockey üblich, war nicht das Thema. Arnold sollte und wollte nach 24 Jahren beim BHC neue Reize setzen. Al Saadi sieht ihn nicht als Außenverteidiger wie bisher; Er glaubt, als Innenverteidiger könne er seine Stärken besser zeigen. Gleichzeitig wurden in Hamburg die Schwächen des Berliners angegangen: Schnellkraft und Schnelligkeit zu verbessern. „Ich habe ihm klargemacht“, sagt Al Saadi, „das ist eine Win-Win-Situation.“ Arnold konnte dem folgen. „Es war keine leichte Entscheidung“, erzählt er vom Zwiespalt seiner Gefühle, „aber ich musste einmal noch etwas anderes machen.“ Heraus aus dem gewohnten Umfeld, sich neu beweisen, neu motivieren. „Auch noch einmal mehr Leistung aus mir herauskitzeln.“ Damit das Ziel Rio wieder näher rückt.

Keine der üblichen Abwerbungen

Viel darüber gesprochen hat er nicht, „aber ich wollte auch nicht durch die Hintertür gehen, keine verbrannte Erde hinterlassen“. Also teilte er seine Gedanken jahrelangen Mitspielern und Freunden wie Martin Häner und Martin Zwicker mit. BHC-Trainer Matthew Hetherington, dem Vorstand. „Natürlich haben wir versucht, ihn zum Bleiben zu bewegen“, sagt BHC-Präsident Michael Stiebitz, „aber rein sachlich kann ich ihn verstehen.“ Die Mannschaft, erzählt Zwicker, war „ein bisschen verblüfft“, als sie davon erfuhr, „aber Pilt hat seine Gründe auf Nachfrage ganz sachlich erklärt.“ Es war ja auch keine der üblichen Abwerbungen: Komm zu uns, kriegste Geld, Auto, Wohnung. Es ging um den einen, großen Traum und was man tun kann, um ihn zu verwirklichen.

Nun wird sich noch zeigen müssen, ob das in Hamburg gelingt. „Pilt hat sich super eingefügt, er ist ein absoluter Teamplayer und definitiv eine Verstärkung für uns“, sagt Al Saadi. Für die nächste Maßnahme der Nationalmannschaft erhielt Arnold eine Einladung von Weise. Es geht um die Vorbereitung auf das World-League-Turnier Ende November in Indien. „18 Leute fahren mit“, sagt Arnold, „und ich wäre schon gern dabei.“ Auch die Meinung des Bundestrainers hatte er sich eingeholt. Weise lobt: „Pilt geht mit der Situation richtig um, dass er nicht mehr nominiert war. Weil er aktiv wird.“

Seinen Mitgliedsausweis hat er nicht abgegeben

Damit der Traum von Olympia neue Nahrung erhält. Und dann: zurück nach Berlin? Oder Dauerumzug in die Hansestadt? „Ich hätte nichts dagegen, wenn er bei uns bleiben würde“, wirbt UHC-Trainer Al Saadi, weiß aber selbst: „Ich habe Pilts Wort nur für ein Jahr. Mehr hat er nie zugesagt.“ Obwohl der Berliner sich wohlfühlt, wie er sagt. Wegen der schönen Hafenstadt? Der anderen Mentalität? Der frischen Brise? Alles gut und schön, aber vor allem: Der Klub ist eben ähnlich familiär wie der Berliner HC.

Da hat einer eben nicht abgeschlossen mit seinem Heimatverein. „Ich habe von Anfang an gesagt, das ist nur für diese Saison“, erklärt Arnold offen und ergänzt: „Wahrscheinlich komme ich zurück. Es ist ja nicht so, dass ich mich in Berlin nicht wohlfühlen würde.“ Seinen Mitgliedsausweis hat er sowieso behalten. Schon, damit er am Sonnabend vor dem Spiel wie üblich in die BHC-Kabine kommt.