Triathlon

Berlins eiserner Rentner startet zum vierten Mal auf Hawaii

Der 72 Jahre alte Siegfried Schmidt stellt sich erneut der großen Herausforderung, die aus Schwimmen, Radfahren und Laufen besteht.

Siegfried Schmidt, Teilnehmer am Ironman in Hawaii

Siegfried Schmidt, Teilnehmer am Ironman in Hawaii

Foto: privat / BM

Berlin.  Als richtiges Bier würde das hier gar nicht durchgehen. Diese Art von Getränk mag eigentlich kein Deutscher. Aber in den USA ist das Light-Zeug ein Renner. Bei Siegfried Schmidt auch. „Ich trinke es furchtbar gern. Da ist ganz wenig Alkohol drin“, sagt er. Letztens gab es erst wieder eins. Zum 72. Geburtstag. Der wurde in prächtiger Umgebung gefeiert, auf Big Island, Hawaii. Nur zum Spaß und Leichtbiertrinken machte sich Siegfried Schmidt jedoch nicht auf die lange Reise.

Genuss in homöopathischen Dosen war daher erst einmal angesagt. Erholen vom strapaziösen Flug, von den Vorbereitungen. Die sind nicht ohne, wenn man das tut, was Schmidt macht. Vor allem das Rad zu verpacken, bereitet „einen Haufen Arbeit“. Er braucht es aber für den Triathlon. Für den Ironman. Genau, Schmidt nimmt am Sonnabend am berühmtesten aller Triathlon-Wettkämpfe teil. Zum vierten Mal schon. Vor zwei Jahren stand er in seiner Altersklasse von 70 bis 74 Jahren sogar als Fünfter auf dem Podium.

Sein geheimes Ziel ist das auch jetzt wieder. Aber der Mann aus Berlin-Lichterfelde ist Realist. „Nur vier Starter sind älter als ich, die anderen jünger. In dem Alter macht jedes Jahr viel aus, das ist ein himmelweiter Unterschied, ob du 70 bist oder 71“, erzählt Schmidt. Die Top Ten wären also schon optimal unter 28 Athleten. Ach was, Hauptsache gesund ankommen.

Dem Berliner scheint keine Anstrengung zu groß

Nur die extremen Bedingungen könnten ihm da einen Streich spielen. Fit ist er. Kleine Kostprobe des Jahrespensums 2015, vor Hawaii: zwei Ironmen, zwei Mitteldistanzen, eine olympische Distanz, dazu ein halbes Dutzend Sprints, Halbmarathon in Berlin, obendrein ein paar andere Läufe, die der Herr lieber nicht erwähnen möchte. Training auch noch. Wem ist beim Lesen gerade schwindelig geworden? „Ich habe jetzt schon 23 Jahre hintereinander das goldene Triathlonabzeichen absolviert“, sagt Schmidt. Dafür muss man 400 Wettkampf-Kilometer Rad fahren, 100 Kilometer Laufen und 10 Kilometer Schwimmen. Wenn er sich nicht schon vier Mal für Hawaii qualifiziert hätte, wäre er 33 Mal in Folge den Berlin Marathon gelaufen.

Mit dem Laufen fing es an, ab 1972 joggte er regelmäßig. Fünf Kilometer, zweimal die Woche. Nach dem ersten Marathon 1983 langweilten die Strecken, die Erweiterung ums Schwimmen und Radfahren brachte ab 1985 die neue Erfüllung. Den perfekten Ausgleich. Schmidt war Lehrer an einem Oberstufenzentrum. „Da lässt es sich auch bei allergrößtem pädagogischen Geschick nicht ganz vermeiden, dass man das eine oder andere abbekommt und sich nicht so wehren kann“, sagt er. Das gab ihm den Antrieb für den Ausdauersport.

Der hat ihm immer gut getan. Die Monotonie der immer gleichen Bewegung animiert zum Nachdenken. „Der von Reizen überforderte Organismus erhält die Gelegenheit, in einen passiven Zustand zu verfallen. Mitunter ähnelt der Zustand einem Tagtraum, und der Rhythmus führt im besten Fall in eine bewusstseinserweiternde Trance“, sagt Schmidt. Klingt philosophisch. So wie bei einem, für den Laufen, Schwimmen und Radfahren mehr ist als nur Laufen, Schwimmen und Radfahren. Für Schmidt ist das sogar literarischer Gegenstand. Genauso lange wie er läuft, schreibt er auch. Lyrik. Mit der Liebe ging es los, die Themen fächerten sich später auf. Politik, Gesellschaftskritik. Und Ausdauersport.

Der älteste Teilnehmer auf Hawaii ist sogar schon 85

Ein paar Sachen hat Schmidt veröffentlicht, Gedichtbände. Er hält Lesungen, war beim literarischen Marathon eingeladen, der im Zuge des Berlin Marathon stattfindet. „Das Reflektieren über literarische Inhalte und Zusammenhänge gelingt mir recht gut bei längeren Trainingseinheiten“, erzählt der frühere Lehrer, der einst Germanistik studierte und Theater unterrichtete. Kultur gehört zu ihm genauso wie der Sport.

Dem kann er sich nicht mehr ganz so intensiv hingeben wie noch vor ein paar Jahren. Trainingslager zum Beispiel, die lässt er inzwischen weg. „Das macht mich sonst kaputt“, sagt er. Einen strengen Übungsplan verfolgt er auch nicht, nach Lust und Gefühl bringt sich der rastlose Rentner in Form. Sehr gern im Einklang mit seinen sozialen Kontakten. Also möglichst nicht allein. Und auch mal mit Kaffeepausen bei einer langen Radausfahrt. War das Training hart, muss er sich danach einen Tag Ruhe gönnen. „Früher brauchte ich das nicht“, so Schmidt. Bis zu 18 Stunden die Woche ist er in der heißen Vorbereitungsphase unterwegs.

Zipperlein plagen den Berliner nicht. Obwohl er sagt: „Der Triathlon kann nicht gesund sein.“ Der Weg dahin aber schon. Vielleicht hat ihn das so fit gehalten, die ständige sportliche Herausforderung. Der Riesenspaß an der Bewegung. Die bei ihm ja auch ziemlich teuer ist. Alles finanziert Schmidt komplett selbst. Etliche tausend Euro sind da über die Jahre zusammengekommen. Wobei er viele Wettkampfreisen gleich mit Urlaub zu kombinieren versucht. Auf Big Island bleibt er noch fast zwei Wochen nach dem Rennen. Diesmal will er frische Lava anschauen.

Für den Ironman wird er etwa 14 Stunden benötigen

Zuvor muss sich Schmidt erholen vom Rennen, für das er etwa 14 Stunden braucht. Die Profis benötigen knapp über acht Stunden für den brutalen Parcours. Vielleicht schaut er, der viel früher startet, bei denen noch vorbei. Ein paar der Spitzenathleten kennt er persönlich, Sebastian Kienle, den deutschen Vorjahressieger etwa. Den Berliner Nils Frommhold. „Vielleicht kann der dieses Jahr aufdrehen“, sagt Schmidt, der die Atmosphäre bei den Profis mag: „Das sind alles gute Jungs. Eine große Gemeinschaft.“ An der können auch Sportler wie er bei den Wettkämpfen teilhaben.

Falls ihm die ganze Anstrengung mal zu viel wird, und die „natürliche Auslese“, wie er es nennt, nicht mehr nur dazu führt, dass seine Platzierungen im mit dem Alter schrumpfenden Teilnehmerfeld stetig besser werden, liegt bei Siegfried Schmidt ein Plan bereit. Dann macht er eben nicht mehr alle drei Sportarten, sondern nur noch eine oder zwei. Oder er setzt sich ins Ruderboot, oder Skilanglauf. Hauptsache bewegen. Und vielleicht mal ein Leichtbier trinken. Möglicherweise in Hawaii. Denn der älteste Teilnehmer dort ist diesmal 85 Jahre alt. Ein bisschen Zeit bleibt also noch, um sich mit Alternativen zu beschäftigen.