Der neue Präsident im Weltverband IAAF, der Brite Sebastian Coe, hatte nach seiner Wahl angekündigt, künftig unbequeme Wahrheiten schonungslos ansprechen zu wollen. Um so mehr überraschte nun sein WM-Fazit, in dem er die Leichtathletik als „augenscheinlich saubere Sportart“ bezeichnete. Zwar gebe es „Herausforderungen, die keiner bestreitet“, aber man finde in der Geschichte keine Hinweise darauf, dass der Weltverband nicht immer „alles in unserer Macht stehende unternommen hat, um so viel wie möglich in diesem Bereich zu unternehmen“.
Nach neuen Berichten von ARD und „Sunday Times“ sind die Lücken im Kontrollsystem unter Coes Vorgänger Lamine Diack aber noch größer gewesen als angenommen. Die Blutdoping-Experten Michael Ashenden und Robin Parisotto übten harsche Kritik. Parisotto sagte zur Einführung des Blutpass-Programms im Jahr 2009: „In den Folgejahren führte die IAAF nur etwa 25 Prozent aller Kontrollen außerhalb von Wettkämpfen im Training durch. Es ist unredlich, wenn ein Sport behauptet, ein wirksames Blutpass-Programm zu haben, ohne die bestmöglichen Werkzeuge gegen Doping einzusetzen, die er effektiv hat“, sagte Perisotto.
Ashenden kritisierte die Verzögerung von Bluttests bei Athleten, die bereits mit auffälligen Blutwerten aufgefallen waren. „Es gab etwa 500 abnormale Blutergebnisse zwischen 2009 und 2011, und die Richtlinien besagen, dass Experten sofort solche Fälle untersuchen müssen. Jedoch gab es laut Datenbank im Durchschnitt eine Verzögerung von acht Monaten bis zum nächsten Bluttest bei verdächtigen oder hochverdächtigen Athleten“, sagte Ashenden: „In einigen Fällen dauerte es sogar länger als ein Jahr. Und ich habe gesehen, dass bei ungefähr einem Viertel der Fälle überhaupt keine weiteren Bluttests durchgeführt wurden.“
Ashenden folgerte aus den Daten auch Doping bei jungen Athleten, vor allem Russen seien aufgefallen. „Schon 2007, als man Athleten unter 23 Jahren testete, gab es unverkennbare Beweise, dass Blutdoping in die jüngeren Jahrgänge reingesickert war. Acht von neun russischen Athletinnen hatten Werte, bei denen lag die Wahrscheinlichkeit, dass es nicht auf Doping zurückzuführen war, bei 1:10.000“, sagte der Australier: „Die männlichen russischen Junioren hatten die drei abnormalsten Werte bei jedem der Wettbewerbe. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Russen dabei nicht clean waren, lag bei mehr als 20.000.00:1.“ Ashenden bemängelte geringe Häufigkeit von Bluttests der IAAF bei jungen kenianischen Läufern: „Kenianer hatten 2010 bei der Junioren-WM 30 Medaillen gewonnen, doch nur sieben der 215 Bluttests wurden bei Kenianern gemacht. Da frage ich mich, wie ernsthaft die IAAF diese Athleten wirklich kontrollieren wollte.“
Da vewundert zumindest nicht mehr ganz so stark, dass Kenia in Peking sogar an der Spitze der Nationenwertung lag. „Wir Kenianer schreiben hier in Peking Geschichte. Das ist das beste Team, das wir jemals beisammen hatten“, jubelte Verbandssprecher Evans Bosire, obwohl das Rekordergebnis von 2011 (sieben Gold, sechs Silber, vier Bronze) nicht ganz erreicht wurde. Neben alten Domänen wie beim Vierfach-Erfolg über 3000 Meter Hindernis feierten die Ostafrikaner diesmal auch Überraschungs-Coups wie durch den Speerwerfer Julius Yego.
Russland stürzt richtig ab
Allerdings ging auch der Tiefpunkt der Titelkämpfe auf die Kosten Kenias: Joyce Zakary (400 Meter) und Koki Manunga (400 Meter Hürden) sorgten für die einzigen bestätigten Dopingfälle der WM. „Wir kooperieren mit Weltantidopingagentur und Weltverband in diesen Fällen. Man sollte das jetzt aber nicht über die Verhältnisse aufblasen“, sagte Bosire. Die Kenianer neigen demnach weiterhin dazu, ihr Dopingproblem zu verharmlosen. Dabei wurden seit 2012 über 30 Athleten aus Kenia gesperrt.
Die Russen erlebten in Peking dagegen einen beispiellosen Absturz. „Wir machen eine schwierige Phase durch“, sagte Sportminister Witali Mutko. Er hoffe aber auf einen Neuanfang ohne Doping. Lord Coe sieht das sicher ähnlich, formuliert es nur anders.
dpa

