Amateurfußball

Wie eine Posse den 1. FC Neukölln in den Ruin treibt

Vor 20 Jahren baute der Traditionsverein 1. FC Neukölln ein neues Vereinsheim. Nun bringt eine Posse mit dem Bezirk einige der Vereinsmitglieder an den Rand des Ruins. Es geht um Existenzen.

Foto: Jörn Lange

Viel heiler als bei Detlef Carus kann die Welt eigentlich nicht sein. Über dem Schreibtisch in seiner Hinterhofwohnung in Moabit stehen ausgewählte Stücke einer Modelleisenbahn, im Wohnzimmer thront ein akkurat arrangiertes Miniatur-Krippenspiel samt darüber schwebendem Weihnachtsstern und Christbaum. Carus, 59, ist pensionierter Beamter, wegen etlicher Ehrenämter aber ein viel beschäftigter Mann. Momentan jagt eine Weihnachtsfeier die nächste – adventlicher Freizeitstress. Das Problem: Die Idylle trügt.

Knapp drei Jahre ist es her, dass ein folgenschwerer Brief ins Haus flatterte. Absender war der Berliner Senat, der Carus aufforderte, 25.000 Euro zu zahlen. Der vorläufige Höhepunkt einer Posse, die an Absurdität kaum zu übertreffen ist. Die Protagonisten: der Traditionsverein 1. FC Neukölln, das Rathaus Neukölln und Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky.

Um die Geschichte zu verstehen, muss man gut 20 Jahre zurückblicken. 1994 will sich der 1. FC Neukölln, damals in Berlins höchster Spielklasse, den Traum von einem neuen Vereinsheim erfüllen. Der Senat gibt sich gesprächsbereit – gemeinsam wird ein Finanzierungsmodell entwickelt. 20 Prozent übernimmt der Verein, 20 Prozent der Senat, die restlichen 60 Prozent werden vom Senat als zinsloses Darlehen vorgestreckt. Gängige Praxis, bedient werden soll der Kredit aus den Einnahmen des künftigen Klubhauses.

Ein harmloses Stück Papier

Als Sicherheit muss der Verein allerdings Bürgschaften vorlegen. Die werden den Klubmitgliedern als harmloses Stück Papier unter die Nase geschoben. Ein Info-Flyer informiert: „Eine Stille Bürgschaft beinhaltet kein Risiko für den Bürgen“, sie sei nichts weiter als das schriftliche Bekenntnis der Mitglieder zu ihrem Klubhaus. Reine Formsache. Für Carus, im Verein seit 1966, eine Selbstverständlichkeit. Er bürgt mit 50.000 D-Mark. Insgesamt geht es um rund 700.000 Euro.

Schon ein Jahr später knallen am Hertzbergplatz die Korken. Buschkowsky gratuliert zur Einweihung, der Plan geht auf. Bis der Bezirk kurz vor der Jahrtausendwende plötzlich die Pacht für das Grundstück erhöht. Rund 6000 D-Mark zusätzlich pro Jahr kann der Verein jedoch nicht stemmen. „Wir sind der 1. FC Neukölln und nicht Hertha Zehlendorf“, sagt Carus. Weil die Gespräche mit dem Bezirk scheitern, geht es vor Gericht. Dort ziehen Buschkowsky und Co. den Kürzeren, doch damit fängt der Ärger erst an.

Denn nun schickt der Bezirk „Testkäufer“ los. Auszubildende, die ein paar Cola ordern – und den Verein damit des Vertragsbruchs überführen. Denn: Laut Pachtvertrag dürfen umliegende Gastronomen durch das Klubhaus nicht geschädigt werden, offiziell dürfen daher nur Vereinsmitglieder bewirtet werden. Das Ende ahnt man bereits. Der Bezirk wirft dem Verein Vertragsbruch vor, 2008 muss der 1. FC Neukölln das Gebäude räumen.

49 Bürgen sind betroffen

„Buschkowsky ist der Übeltäter“, sagt Carus, „der konnte nicht verlieren.“ Tatsächlich macht der zeitliche Zusammenhang zwischen dem Rechtsspruch und den Testkäufen stutzig. Bis dahin, sagt Carus, habe der Senat dem Verein nie Schlechtes gewollt. Dass im Klubhaus jeder bewirtet wurde, der kam, sei ein offenes Geheimnis gewesen. Buschkowsky selbst war bei diversen Veranstaltungen zu Gast.

In einem Interview mit dem RBB sagt Buschkowsky, ihm seien die Folgen seines Handelns bewusst gewesen. Die sind für den Verein verheerend. Ohne das Geld aus dem Klubhaus ist die Darlehensrückzahlung von 22.000 Euro pro Jahr utopisch. Und weil beim Verein nichts zu holen ist, werden die Bürgschaften aus dem Archiv geholt. Dabei erzielt der Bezirk durch die neuen Pächter weiter Einnahmen mit dem Gebäude. „Da verliert man den Glauben an alles“, sagt Carus.

Das Vereinsurgestein ist kein Einzelfall. Insgesamt 59 Mitglieder haben gebürgt, 49 leben noch, nicht wenige sind Rentner. Michael Eichler, 45, steht hingegen mitten im Leben, ärgert sich aber trotzdem, dass er einst so gut Fußball spielte. Anfang der Neunziger wurde er von den Neuköllnern angeworben, auch er unterschrieb eine Bürgschaft.

Horrende Prozesskosten

Inzwischen hat er die von ihm geforderten 12.500 Euro bezahlt. Auf das Eigenheim, für das er gespart hatte, muss er vorerst verzichten. „Klar fragt man sich, ob man damals naiv war“, sagt er heute. „Aber ich habe den Menschen im Vorstand vertraut.“ So wie alle.

Vor Gericht bekam er zwar in erster Instanz Recht, das Kammergericht urteilte jedoch gegen ihn. Auch bei Verhandlungen seiner Leidensgefährten war er meist vor Ort. Denn: Jeder Fall wird einzeln verhandelt. Allein mit den Anwalts- und Gerichtskosten hätte ein erheblicher Teil des Gebäudes bezahlt werden können. Eicher haben seine Prozesse weitere 10.000 Euro gekostet.

Detlef Carus steht am 14. Januar vor dem Kammergericht. Hoffnung hat er angesichts der bisherigen Urteile nicht. Er bangt um seine Existenz. „Fassen sie einem nackten Mann in die Tasche“, sagt er. „Wer hat schon so viel Geld liegen? Bei mir werden sie pfänden müssen.“ Kämpfen wird Carus bis zum Letzten. Er will den Fall bis zum Bundesgerichtshof treiben.