Sportler des Jahres

Diskuswerfer Robert Harting schlägt Löws Weltmeister

Dass der Berliner Robert Harting von Sportjournalisten als Deutschlands Sportler des Jahres geehrt wird und keiner der Fußball-Champions, ist eine Überraschung - aber eine nachvollziehbare.

Foto: THOMAS KIENZLE / AFP

Am Sonntagabend wurden im Kurhaus Baden-Baden die Götter des deutschen Sports gekrönt, und für Verfechter der Vielfalt sah das Ergebnis verheißungsvoll aus: eine Skifahrerin, ein Leichtathlet und die Fußball-Weltmeister. Muss einer, um sich von der Sonne des Blitzlichtgewitters wärmen zu lassen, also gar nicht unbedingt Fußballstar sein?

Die Antwort ist ein knallhartes Doch. Denn lange wird sich König Fußball diese Majestätsbeleidigung nicht mehr bieten lassen, sondern mit dickem Hals fragen: Was ist das für eine Wahl, bei der meine Weltmeister mit dem Trostpreis abgespeist werden und dort, wo es um die Wurst geht, keine Rolle spielen?

Die Qual dieser Wahl ist folgende: Äpfel werden mit Birnen in denselben Obstkorb geworfen, zwei Sorten, zwei Welten, unvereinbar. Oder sagen wir es so: Robert Harting muss seinen Diskus verdammt oft über die Wiesen schleudern, bevor er am Ende auf die 540.000 Euro kommt, die Marco Reus als Fußballer des Jahres allein dafür geschwind locker aus dem Ärmel schüttelt, dass er jahrelang ohne Führerschein durch die Prärie gebrettert ist – zuletzt mit einem 500 PS starken Aston Martin, in dem normalerweise James Bond die Welt vor der Apokalypse rettet.

Unsere Nachbarn wählen anders

Warum Harting jetzt Sportler des Jahres geworden ist und keiner der DFB-Stars, die die Welt zwar nicht gerettet, aber immerhin erobert haben? Weil wir Sportjournalisten abstimmen und am Glücksrad gewaltsam drehen, im Sinne des Minderheiten- und Artenschutzes und nach der herzensguten, alten Devise: Füttert die hungernden Vögel. Die Artisten des Millionenspektakels Fußballs überleben den Winter auch so. Ihr Zirkus boomt, mehr denn je.

Man benötigt keine blühende Fantasie, um zu ahnen, mit welchem Ergebnis eine Volksabstimmung geendet hätte, im Internet, per Massenmausklick. Mannschaft des Jahres wären dann ebenfalls die DFB-Weltmeister geworden, vor dem FC Bayern, den Champions-League-Siegerinnen des VfL Wolfsburg und der Ersatzbank des FC Bayern. Sportler des Jahres wäre jetzt Manuel Neuer vor Philipp Lahm und Miro Klose, oder umgekehrt, und Sportlerin des Jahres Nadine Keßler vom VfL Wolfsburg.

Sie lachen? Sie glauben nicht, dass König Fußball den Rest des Sports überrollt? Dann hilft vielleicht ein kurzer Blick in die Realität, genau gesagt ins benachbarte Ausland. In Österreich beispielsweise ist soeben zum zweiten Mal kein Skifahrer und Schanzenspringer Sportler des Jahres geworden, sondern David Alaba, der linke Verteidiger des FC Bayern. Und in Holland können sogar die Eisschnellläufer inzwischen einpacken. Trainer des Jahres wurde Louis van Gaal, Mannschaft des Jahres seine WM-Dritten – und Sportler des Jahres Arjen Robben, als erster Fußballer seit dem großen Ruud Gullit anno 87.

Um ein Haar hätten wir jetzt die USA vergessen. Dort ist uns dieser Tage das „Time“-Sonderheft mit dem Jahresrückblick in die Hände gefallen, und es ist voller Fußball. Unter den „Gesichtern des Jahres“ findet man Jürgen Klinsmann, den deutschen US-Trainer, und bei der Erinnerung an die WM-Rekordeinschaltquoten und die „World Cup Mania“ wird die US-Revolution im Denken ausgerufen: „Als die Bars der Nation sich füllten mit schreienden, feiernden, gesichtsbemalten Fans, war das der jähe Umkehrpunkt – diese WM ließ unsere nationale Vergangenheit, das liebe, alte Baseball, urplötzlich aussehen wie das Spiel unserer Großväter – oder gar wie unsere Großväter selbst.“

Noch nie gewann ein Fußballspieler

Selbst für die traditionslastigsten Yankees ist der Fußball nicht mehr oval, sondern eine bedrohlich runde Sache. Bebildert ist die Soccer-Hymne mit Bastian Schweinsteiger, der den Pokal stemmt, und in der Sprache des neuen Weltmeisters steht dabei: „Deutschland über Alles.“ Die Amerikaner werden staunen, wenn sie hören, dass Schweini nicht Sportler des Jahres geworden ist.

Aber so ist das bei uns. Sportler des Jahres war ein Fußballer noch nie, nicht Franz Beckenbauer, nicht Uwe Seeler, nicht Fritz Walter – selbst Halla, die Wunderstute von Hans-Günter Winkler, hätte man dem „Helden von Bern“ im Zweifelsfall vorgezogen, wir Deutschen wählen lieber Wurftaubenschützen, Vielseitigkeitsreiter oder Einhandsegler.

Aber die Zeiten ändern sich, und der Tag rückt näher, an dem es Schweinsteiger, Lahm oder Neuer schaffen könnten. Notfalls muss Uli Hoeneß demnächst einen Freigang nutzen und wieder Druck machen wie vor ein paar Jahren. Damals blieb er dem Kurhaus mitsamt seinen auf den erniedrigenden dritten Platz untergebutterten Bayern fern und teilte mittels Videobotschaft mit: „Wenn wir mal Erster werden, kommen wir.“ Unter den 600 Gästen im Benazet-Saal machte spontan das Wort vom FC Größenwahn die Runde – dabei wollte Hoeneß die unterbelichtete Wahl-Schurnallje nur erinnern an die drei wesentlichen Dinge des Sports: Fußball, Fußball und Fußball.

Seine Drohung hat jedenfalls gefruchtet: Die Bayern, Borussia Dortmund und nun die Weltmeister – zumindest die Mannschaftswahl hat der Fußball seit ein paar Jahren im Sack. Fehlt nur noch der letzte Schritt. Wenn nicht jetzt, wann dann? Das Ballfieber hat alle am Wickel, was wir erleben, ist der größte Boom der Sportgeschichte, und es gilt das gesprochene Wort des ehemaligen Außenministers Joschka Fischer: „Fußball ist des Mannes zweitgrößtes Glück.“ Auch in der Winterpause werden uns auf dem Sofa jetzt nicht die Füße einschlafen, denn das Fernsehen wird aus den Trainingslagern garantiert wieder Testspiele der Bundesligisten gegen anatolische Prominentenmannschaften senden oder live übertragen, wie sich Lothar Matthäus morgens im Beisein seiner neuen, werweißwievielten Ehefrau die Socken anzieht, und nicht auszuschließen ist auch ein Exklusivinterview mit der Rasenheizung der AllianzArena oder mit Paul Breitner. „Sportschau“-Moderator Reinhold Beckmann hat es einmal auf den Punkt gebracht: „Sollten noch irgendwelche Fragen offen sein, die Antwort lautet immer: Fußball.“

Der Fußball reißt erstens alle mit und lässt zweitens keinen kalt. Allein der Hoeneß-Prozess verursachte dieses Jahr Rekordeinschaltquoten, als sei Napoleon noch mal nach Elba verbannt worden, und den durchschnittlich veranlagten Sportsfreund riss beispielsweise der Eistanz unserer Deutschen Meister Zhiganshina/Gazsi bei Olympia in Sotschi weit weniger mit als der berühmte Gaucho-Tanz der Weltmeister beim Empfang in Berlin. Kurzum: König Fußball regiert den Sport wie noch nie, und der Ausgang der Wahl ist von der Realität nicht im Geringsten gedeckt.