In Rekordzeit haben die Führer des Weltsports gerade 40 Reformpunkte für das Internationale Olympische Komitee (IOC) durchgewunken, doch auch in einem weiteren Punkt war man sich in Monte Carlo inoffiziell einig. Die schweren Dopingvorwürfe gegen Russlands Athleten gehören schnell aufgeklärt, „um die Integrität unseres Sports zu schützen“, wie der frühere ukrainische Stabhochspringer Sergej Bubka, heute Vizepräsident des IOC und beim Leichtathletik-Weltverband IAAF, betonte.
Sein IOC-Kollege Richard Pound forderte insbesondere die IAAF zur Eile auf. Aus Gründen der Glaubwürdigkeit dürfe sich die Untersuchung „nicht über zwei, drei Jahre hinziehen wie bei der Fifa“, meinte der ehemalige Chef der Weltantidopingagentur Wada.
Die ARD-Dokumentation „Geheimsache Doping – Wie Russland seine Sieger macht“ hatte jüngst belastbare Beweise für ein staatlich unterstütztes Doping- und Korruptionssystems geliefert. Valentin Balachnitschew, Russlands Leichtathletik-Verbandschef und zugleich Schatzmeister des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF, war zudem vorgeworfen worden, in einen Schmiergeld-Skandal um die derzeit gesperrte russische Marathon-Läuferin Lilia Schobuchowa verwickelt zu sein.
Diese hatte vor laufender Kamera erklärt, dass sie sich durch eine Zahlung von umgerechnet 450.000 Euro ihren Start bei den Olympischen Spielen 2012 in London erkauft hatte. Ein Teil dieses Geldes sei ihr über eine Firma aus Singapur zurückgezahlt worden. Nach ARD-Informationen war der Sohn des mächtigen IAAF-Präsidenten Lamine Diack (Senegal), Papa Diack, eng mit dieser Firma verbunden.
Diplomatenpass für Kontrolleure
Alles schwere Vorwürfe, die auch bei den Athleten selbst das ohnehin vorhandene Misstrauen noch einmal wachsen lassen. „Wenn es nach mir geht, könnten bei der IAAF alle zurücktreten. Dort vertraue ich gar keinem mehr“, sagte Diskus-Olympiasieger Robert Harting nun sogar der „Sport-Bild“. Der Berliner formulierte in gewohnt offener Weise: „Die ganzen geldintensiven Disziplinen in der Leichtathletik sind mit Doping verseucht.“
Harting sieht insbesondere die deutschen Sportler, die strengstens kontrolliert würden, als Opfer: „Wir ruinieren hier unsere Körper mit dem größten Verschleiß im Training und sind dabei sauber. Dabei verlieren wir bestimmt fünf Athleten-Jahre, während sich die anderen zu Hybrid-Wesen spritzen und durch Doping länger leistungsfähig bleiben“, sagte der 30-Jährige: „Die sauberen Athleten sind für mich die neuen Doping-Opfer.“
Besonders gelitten unter gedopten Konkurrenten haben seiner Ansicht nach Kugelstoßerin Nadine Kleinert (Magdeburg), Hammerwerfer Markus Esser (Leverkusen) und Geher André Höhne (Berlin). Die Magdeburgerin Kleinert hatte bei ihrem Karriereende 2013 selbst gesagt, sie sei ein Doping-Opfer und später einmal gemeint: „Ich bin die ewig Betrogene.“
Um wirtschaftliche Chancen beraupt
Nach ihren Berechnungen war sie bei internationalen Meisterschaften 13 Mal hinter einer Konkurrentin gelandet, die später nachträglich des Dopings überführt wurde. So wurde sie nach den Olympischen Spielen 2004 Jahre später vom Bronze- auf den Silberrang hochgestuft, weil die russische Siegerin Irina Korschanenko positiv getestet worden war.
Erst im Mai 2014 hatten Kleinert und Esser nach dem Skandal um die Leichtathletik-WM 2005 jeweils Bronze zugesprochen bekommen. Beide profitierten davon, dass die damaligen Goldmedaillengewinner Nadeschda Ostaptschuk und Iwan Tichon aus Weißrussland überführt worden waren. Ihnen wären trotzdem wirtschaftlich existenzielle Werte und Chancen bei Sponsoren geraubt worden, zum Beispiel für die Absicherung der Zeit nach dem Sport
Den Berliner Kollegen Höhne nannte Harting wohl deshalb, weil die Russen seit vielen Jahren starke Geher haben. Höhne habe nicht schlafen können, „weil er sich so ungerecht behandelt fühlte“, berichtete der Diskuswerfer. „Der trainierte, bis er blutige Füße hatte. Andere stopfen sich Mittel rein und sind einfach mal zehn Minuten schneller als er.“
Unter falschem Namen unterwegs
Harting schlussfolgert, das IOC und Wada einen neuen Anti-Doping-Fond auflegen müssten, um so in allen Ländern gleiche Kontrollen zu finanzieren. Auch sollte Kontrolleuren Diplomatenstatus verpasst werden, um endlich ohne Visum auch in Ländern wie Russland, Kenia oder Jamaika unangekündigt agieren zu können.
Harting erzählte zudem, dass eine Russin aus dem ARD-Film wiedererkannt wurde, die sich vor Kontrollen versteckte. „Meine Freundin (Diskuswerferin Julia Fischer – d. Red.) sagte mir, dass eine Athletin aus dem ARD-Bericht mit uns in Portugal trainiert hat. Sie war unter falschem Namen eingecheckt. Direkt neben uns hat das stattgefunden, aber wir haben es nicht bemerkt. Die Athleten sind dabei aber gar nicht die, die betrügen. Sie sind ihren Trainern so hörig, dass sie gar kein Gefühl mehr für Fairness entwickeln. Und wenn Athleten keine Moral haben, sind bei ihnen Antidoping-Maßnahmen quasi nicht durchführbar.“
Harting rechnet damit, dass er bald auch einen starken russischen Gegner hat. Ohne Nennung von Namen erzählt er von einem Talent, das zuletzt in kurzer Zeit 20 Kilogramm Muskelmasse zugelegt hat und nun bald die Weltspitze erreichen würde: „Wie er dort hingekommen ist, bleibt ungewiss.“
BM


