Nach den Randalen

Union hat viel versprochen, aber nichts gehalten

Versprochen hatte Union-Präsident Dirk Zingler eine zügige, konsequente Aufklärung und Bestrafung der Täter bei den Ausschreitungen in Stockholm. 50 bis 60 Stadionverbote kündigte er an. Bis jetzt wurde allerdings keins ausgesprochen.

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Dirk Zingler blickte ernst und entschlossen, als er kurz nach den Ausschreitungen beim Testspiel bei Djurgardens IF in Stockholm am 25. Januar sprach. Die Partie musste wegen eines Platzsturms vor dem Anpfiff und ausgiebigen Pyro-Einsatzes in der zweiten Halbzeit abgebrochen werden. Drei Tage später nahm der Union-Präsident im Vereins-TV also Stellung und kündigte Konsequenzen an: „Ich rechne am Ende mit 50 bis 60 Identifizierungen. Und ich sage es so deutlich: Diese Jungs und Mädels werden die nächsten Jahre kein Fußballspiel mehr besuchen.“

Fast ein Vierteljahr ist seitdem vergangen. Die deutliche Ansage von Zingler steht noch im Raum. Aber ebenso die Tatsache, dass der Verein seitdem kein einziges Stadionverbot aufgrund dieser Vorfälle ausgesprochen hat. Es ist nicht die einzige Schwierigkeit, die der Klub mit der Aufarbeitung hat.

Polizei beantragte 32 Stadionverbote

Weder auf die Ermittlungen der schwedischen Polizei noch auf Kameraaufnahmen des Betreibers der Stockholmer Arena wollte Zingler warten, sondern eigenes Material auswerten: „Wir waren vor Ort und haben alles gesehen. Ich hätte selbst an diesem Nachmittag Namen herunterbeten können.“

Doch von sich aus wurde Union nicht aktiv. Es waren die Ermittlungen der Abteilung 712 des Berliner Landeskriminalamtes in Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft, die Union bei den angekündigten Stadionverboten unter Druck setzten. Die Polizei hatte am 27. Februar Hausdurchsuchungen bei 32 Tatverdächtigen der Randale in Schweden durchgeführt. Anschließend wurden 32 Stadionverbote beim 1. FC Union beantragt.

Union nannte der Polizei keine Namen

Der Verein teilte auf Anfrage mit: „Nach staatsanwaltschaftlicher Freigabe der polizeilich ermittelten Personen an den 1. FC Union Berlin beginnt nun das Anhörungsverfahren im Verein. Danach erfolgt die Entscheidung über Stadionverbote.“ Die Köpenicker verfahren entgegen der Aussage ihres Präsidenten weiter sehr vorsichtig mit dem Instrument Stadionverbot. Sie koppeln es an Ermittlungsverfahren, obwohl es vom DFB als Präventivmaßnahme betrachtet wird. Anhänger, die sich nicht an Regeln halten, sollen damit ferngehalten werden.

Auch Zingler teilte diese Ansicht noch Ende Januar: „Es hat nichts und niemand etwas auf dem Rasen zu suchen. Das werden wir sehr deutlich untersuchen.“ Von Union-Seite seien den Behörden zumindest keine Namen genannt worden, teilte aber die Polizei mit.

Union in Top 10 bei negativen Vorfällen

Neben den Stadionverboten wollte der Verein auch innerhalb der Fanszene eine Aufarbeitung in Gang bringen, organisierte am 11. Februar ein außerordentliches Fanklubtreffen mit Präsident, Sicherheits- und Fanbeauftragten. Die Ergebnisse sind ernüchternd. Im Protokoll, das der Morgenpost komplett vorliegt, wird deutlich, wie schwer es der Verein hat, die Tragweite solcher Ausschreitungen begreiflich zu machen.

So sagte der Sicherheitsbeauftragte Sven Schlensog dort: „Laut Statistiken gehören wir zu den Top 10, wenn es um negative Vorkommnisse der letzten Jahre geht. Das kann nicht unser Anspruch sein. Die Außendarstellung leidet unter diesen Vorkommnissen. Liga- und Verbandsvertreter und auch die Medien sehen den 1. FC Union Berlin in vielen Fällen zwischenzeitlich recht kritisch. Vorkommnisse wie in Stockholm sorgen auch für ein belastetes Verhältnis zu den Behörden, was im täglichen Ligabetrieb zu einem erhöhten (verschärften) Polizeiaufkommen bei Heim- und Auswärtsspielen führen kann.“

Ein Fan trat auf der Tagung relativierend auf und meinte, man solle in der Diskussion doch auch das Positive sehen. Wenn in einem Spiel 15 bis 20 Becherwerfer identifiziert würden, hätten doch im Umkehrschluss 19.980 Besucher nichts geworfen. Union-Präsident Zingler machte deutlich, dass er nur sehr wenig von solcher Schönrechnerei hält: „Wenn du drei Kinder hast und eines davon stiehlt, bist du doch auch nicht glücklich, nur weil die anderen beiden nicht stehlen.“

Probleme mit rechter Fangruppe „Crimark“

Vor allem die Umtriebe der vom Landesverfassungschutz Brandenburg als rechtsextrem eingestuften Gruppe „Crimark“, die mit Teilen der Ultraszene verknüpft ist, sind Zingler ein Dorn im Auge. Die Gruppe hat bereits Auftrittsverbot bei Union. Die Mitglieder dürfen zwar ins Stadion, aber ohne ihre Insignien. In Stockholm zündete „Crimark“ schwarz-weiß-roten Rauch. Auch wenn Ultragruppen einen Zusammenhang mit der Reichskriegsflagge verneinen, stuft Zingler die Gruppe als rechtsextrem ein.

Auch der Sicherheitsbeauftragte erkennt bei ihr „ein massiv gewaltbereites Auftreten“. Union bestätigte, dass mittlerweile aus anderen Gründen Stadionverbote gegen einzelne Mitglieder in Kraft sind. Auf die Nachfrage, ob der Verein über die Ultraszene Einfluss nehmen wird, um Auftritte von „Crimark“ zu unterbinden, sagte Union: „Dort, wo es zu nachweislich strafrechtlich relevantem Fehlverhalten kommt, reagieren wir. Grundsätzlich muss man verstehen, dass Vereine gegenüber Fans nicht weisungsbefugt sind.“

Pyro-Verzicht der Ultras gilt bis Sommer

Union verweist bei der Aufarbeitung auf die dauerhaften Kontakte des Vereins in die Anhängerschaft über die Fan- und Mitgliederabteilung und Fanbetreuer Lars Schnell. Konkrete Ergebnisse wie einen Fankodex lehnt der Klub aber als Symbolpolitik ab. Es gebe bereits Regeln.

Durchaus möglich, dass die Übernahme der vollkommenen Verantwortung durch die Ultragruppe „Wuhlesyndikat“ Ende Januar den restlichen Anhängern als Vorwand dient, sich weniger intensiv mit der eigenen Verantwortung zu befassen. Denn es waren bei Weitem nicht die Ultras allein in Stockholm beteiligt. Diese haben allerdings unabhängig vom Verein in internen Diskussionen für sich Voraussetzungen geschaffen, um solche Ausschreitungen in Zukunft zu vermeiden. Der Verzicht auf Pyrotechnik, den man sich im Januar auferlegt hat, endet indes im Sommer.

Wie belastbar die Ergebnisse aus der ultrainternen Aufarbeitung sind, wird sich in der nächsten Saison zeigen. Dann spielt Unions U23 in der Regionalliga gegen den sportlich bedeutungslosen Erzrivalen BFC Dynamo. Ein Banner mit Namen und Emblem des Klubs hatte die eisernen Anhänger in Stockholm zu den Ausschreitungen provoziert.