Seine Triumph-Geste ist längst Kult. Am 13. August narrte Robert Harting im Luschniki-Stadion die Fotografen, rannte vor ihnen davon – und zerriss dann doch mit einem Freudenbrüller sein Trikot. Der damals 28 Jahre alte Diskuswerfer holte in Moskau sein drittes WM-Gold in Serie. Ein Jahr nach seinem Olympia-Triumph von London verteidigte Harting seine Vormachtstellung im Wurfring mit Rückenschmerzen und guten Nerven.
Und der Berliner behielt auch seinen Titel im Kurhaus von Baden-Baden. Zwölf Jahre nach 800-Meter-Läufer Nils Schumann war 2012 mit Harting erstmals wieder ein Leichtathlet „Sportler des Jahres“. Jetzt stand der 2,01-Meter-Hüne erneut im feinen Zwirn auf der Bühne. Bei den Frauen gewann mit Speerwurf-Weltmeisterin Christina Obergföll ebenfalls eine Leichtathletin. Mannschaft des Jahres wurde Champions-League-Sieger FC Bayern München.
Erfolgreich und kritisch
Rund 700 Gäste klatschten den Siegern am Sonntag Beifall. „Das Herz schlägt mir bis zum Hals, unglaublich. Das ist mehr als ein Sahnehäubchen, eher ein Kaviarhäubchen“, meinte Obergföll. „Ich bin ganz baff“, sagte Harting bewegt, der Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel ganz vorn erwartet hatte. Er war mit seiner Freundin Julia Fischer, auch sie Diskuswerferin, zur Gala erschienen.
„Die Titelverteidigung ist ein bisschen schwieriger. Es ist immer leichter, jemand zu jagen und in die Enge zu treiben“, sagte Harting schon bei der WM nach seinen siegreichen 69,11 Meter sichtlich erleichtert und geschafft. Am Ende lagen er und seine Freundin Julia Fischer sich in den Armen. Sein Trainer Werner Goldmann jubelte: „Sensationell!“
Dabei hatte Harting schon vor der Medaillenvergabe über technischen Schwierigkeiten gegrübelt und gestanden: „Die Stunden im Hotel waren furchtbar.“ Zudem habe er einen „kleinen Schlag auf die Bandscheibe“ bekommen, der Muskel habe sich zusammengezogen. Doch Harting kann nicht nur einstecken, sondern auch austeilen. 2013 sorgte er erneut außerhalb der Leichtathletik-Arenen für Schlagzeilen: als ständiger Kritiker des Deutschen Olympischen Sportbundes und dessen damaligen Präsidenten Thomas Bach.
Vettel nur Zweiter – trotz 50 mal höherem Gehalt
Doch der Diskus-Weltmeister tut auch was: Mit der Sportlotterie rief er eine alternative Sportförderung ins Leben; für diesen Dienstag ist in Mainz die Übergabe des Lizenzantrags geplant. „Wir wollen langfristig erreichen, dass die Topsportler statt 300 Euro auf 1000 Euro Förderung monatlich kommen“, erklärte er sein Ansinnen.
Harting gewann bei der Wahl der Sportjournalisten mit 2920 Punkten vor Sebastian Vettel (2788), der als viermaliger Weltmeister einen Titel mehr auf dem Konto hat als der Berliner und mit geschätzten 22 Millionen Euro Jahresgehalt ungefähr das 50-fache von Harting verdient. Vettel, der in wenigen Tagen erstmals Vater wird, grüßte per Video-Botschaft. Dritter wurde Stabhochsprung-Weltmeister Raphael Holzdeppe (1893). „Diese Wahl macht mich sehr stolz“, meinte Harting, der Vettel schon 2012 abgehängt hatte. Der Diskus-Riese wiederholte als erster Athlet seit Tennis-Ikone Boris Becker (1989/90) einen Wahlerfolg aus dem Vorjahr.
Bei den Frauen lag Obergföll (3552) vor der Berliner Wimbledon-Finalistin Sabine Lisicki (2806). Dritte wurde Alpin-Star Maria Höfl-Riesch (1455). Bei den Mannschaften siegte in einem „Fußball-Finale“ Bayern München (3782) haushoch vor den DFB-Frauen (1562) und den Frauen des VfL Wolfsburg (1134). „Wenn Sabine Lisicki das Wimbledon-Finale gewonnen hätte, dann würde ich wahrscheinlich hier nicht ganz oben stehen“, sagte Obergföll. Doch wie die Berlinerin im Wimbledon-Endspiel, so hatte die Offenburgerin in vielen Finals ihres Lebens im entscheidenden Augenblick nicht die Nerven im Zaum gehabt.
Erst Babypause, dann Rio bei Obergföll
Im August in Moskau änderte sich das, der Triumph schuf die Voraussetzungen für alles, was folgte. Auch auf privater Ebene, denn ihr Freund Boris, einst ebenfalls WM-Medaillengewinner im Speerwurf, hatte für den Fall ihres Sieges zugesagt, er werde bei der Hochzeit ihren Nachnamen übernehmen. „Er hat sich inzwischen dran gewöhnt und sich beim Griff nach dem Telefon schon ewig nicht mehr versprochen“, sagte sie lächelnd.
Die Serie der Feiern im Hause Obergföll reißt nicht ab. Inzwischen sind beide in ein 200 Quadratmeter großes Haus gezogen. Am Sonnabend wurde Boris Obergföll 40. „Wir werden mit vielen Freunden heute noch einen drauf trinken“, sagte die Olympiazweite, nachdem sie am Sonntag selbst im Zentrum der vielen Glückwünsche stand.
Die nächste Fete könnte 2014 steigen – aber keine Siegesfeier, eher eine Taufe. „Unsere private Planung sieht ein Babyjahr vor. Danach ist bei der WM 2015 die erfolgreiche Titelverteidigung vorgesehen und 2016 Olympia-Gold in Rio de Janeiro.“
BM





