Eisschnelllauf

Claudia Pechstein will noch einmal eine olympische Medaille

Claudia Pechstein will mit einer Petition die Schiedsklausel im Sport verändern. Am Freitag startet sie in Calgary in die Weltcupsaison und strebt die Qualifikation für die Olympischen Spiele an.

Foto: Maxim Shipenkov / pa / dpa

Vor Claudia Pechstein liegt die bedeutsamste Saison seit langem. Nachdem die Berlin zwischen 2009 und 2011 wegen auffälliger Blutwerte gesperrt gewesen war, will sich die Eisschnellläuferin mit der Teilnahme an den Olympischen Spielen in Sotschi im Februar einen Traum erfüllen. Marcel Stein sprach vor dem Weltcupstart mit der 41-Jährigen über technische Neuerungen, alte Streitigkeiten und ihre Bedenken gegen das bestehende Sportschiedssystem.

Berliner Morgenpost: Frau Pechstein, als 2010 die Olympischen Spiele in Vancouver stattfanden, konnten Sie nur zuschauen. Wie erleben Sie den Beginn der Weltcupsaison jetzt, da wieder Olympische Spiele auf dem Programm stehen?

Claudia Pechstein: In dieser Saison zählt nur Olympia. Ich will nach Sotschi und meine sechsten Spiele erleben. Mein Traum bleibt es, noch einmal eine olympische Medaille zu gewinnen, das wäre dann meine zehnte. Doch zunächst muss ich mich qualifizieren.

Mit einem achten Platz in ihrem ersten Rennen über 3000 Meter am Freitag wäre das bereits möglich.

Auf dieser Strecke ist die Weltspitze unglaublich eng zusammengerückt. Es ist der erste internationale Vergleich und ich bin gespannt, wo ich landen werde.

In der Vorbereitung sah von außen alles recht passabel aus, wie immer nichts von Alterserscheinungen zu spüren. War das auch Ihr Empfinden?

Für viele ist mein Alter seit Jahren ein Thema. Doch ich blende das aus, fühle mich körperlich genauso gut wie vor zehn Jahren. Aber die Konkurrenz schläft nicht, in den olympischen Saisons ist der Kampf immer besonders hart. Daher habe ich diesmal auch an der Optimierung meines Materials gefeilt.

Was heißt das genau?

Mein Sponsoringpartner F&F Lasertechnik arbeitet seit zwei Jahren daran, die Gleitfähigkeit der Kufen zu verbessern. Wir haben unzählige Tests auf dem Eis gemacht, ehe das neue Schleif- und Laserpolierverfahren ausgereift war. Um mich schneller zu machen, wurde sogar extra eine Maschine entwickelt und gebaut. Jetzt haben Handarbeit und Schleifbock ausgedient, erstmals in meiner Karriere gehe ich mit einem maschinellen Präzisionsschliff in die Saison. Bei den Deutschen Meisterschaften habe ich damit bereits zwei Titel gewonnen. Das gibt mir ein gutes Gefühl, aber was unsere Entwicklungsarbeit wert ist, wird erst der internationale Vergleich zeigen.

Vor zwei Wochen in Inzell gab es auch Ärger. Detlef Beckert, der Vater von Konkurrentin Stephanie Beckert, machte Ihnen gegenüber offenbar Dopinganspielungen.

Da hat er ganz deutlich eine Grenze überschritten. So etwas sollte sich niemand gefallen lassen. Deshalb habe ich eine Strafanzeige gestellt.

Für das belastete Verhältnis zwischen Ihnen und Beckert ist das kaum zuträglich. Beim deutschen Verband wächst die Sorge, dass die Erfolgsbilanz bei Olympia unter dem Zwist leidet, gerade mit Blick auf den Team-Wettkampf. Halten Sie das für möglich?

Die Ursache für dieses Problem bin nicht ich. Wenn Herr Beckert es aus der Welt schaffen möchte, sollte er sich öffentlich bei mir entschuldigen. Dann wäre die Sache für mich erledigt. Bei Olympia sollte das Team an den Start gehen, das die besten Chancen hat, um eine Medaille zu laufen. Dies zu finden, ist Aufgabe der Trainer. Ich stehe auf jeden Fall zur Verfügung.

Aber nur, wenn Sie noch die Athletenvereinbarung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) samt Unterwerfung unter die Sportschiedsgerichtsbarkeit unterzeichnen. Letzteres wurde von Ihnen gerade sehr heftig kritisiert.

Wenn ich in Sotschi an den Start gehen will, bleibt mir nichts anderes übrig. Die Funktionäre sitzen am längeren Hebel und nutzen ihre Machtstellung aus.

Nicht zu unterschreiben, wie es Diskuswurf-Olympiasieger Robert Harting seit Jahren handhabt, ist keine Option für Sie?

Unglaublich. Wenn beim Leichtathletikverband die Unterschrift unter die Schiedsklausel tatsächlich freiwillig ist, dann wird im Sport mit zweierlei Maß gemessen. Als ich mich im vergangenen Jahr geweigert habe, kam sofort das Veto der DESG. Aber es geht uns ohnehin nicht um Boykott, sondern um Reformen. Wir Athleten sind mündiger geworden, der DOSB wäre gut beraten, unsere Bedenken ernst zu nehmen. Der zukünftige Präsident Alfons Hörmann hat ja bereits signalisiert, die von mir angestoßene Kritik prüfen zu lassen und mögliche Veränderungen nicht ausgeschlossen.

Was wollen Sie konkret bewirken?

Es darf doch nicht sein, dass ein deutscher Sportler nicht vor einem ordentlichen Gericht in Deutschland um sein Recht kämpfen kann. Nehmen Sie meinen Fall als Beispiel. Nach dem Fehlurteil gegen mich gibt es im Sportrecht keine Möglichkeit der Wiederaufnahme des Verfahrens. Auch dann nicht, wenn neue Beweise auftauchen. Mit der medizinischen Diagnose meiner Blutanomalie beschäftigen sich die Sportschiedsgerichte nicht mal mehr. Die Diagnose, die erst nach aufwendigen Untersuchungen, auch von meiner Familie, möglich war, kommt einfach zu spät. Und wenn ich dann auf Schadensersatz poche, heißt es, ich muss wieder im Ausland vor dem gleichen Gericht klagen, welches die Sperre gegen mich bestätigt hat.

Sie haben eine Petition initiiert, die 55 Sportler, darunter 28 Olympiasieger und Weltmeister, unterschrieben haben. Das hat viel Wirbel ausgelöst, auch beim DOSB.

Mein Fall hat dem Sportrechtssystem die Grenzen aufgezeigt und für jeden sichtbar gemacht. Wäre ich vom deutschen Verband angeklagt worden, wäre die erste Verhandlung vor einem unabhängigen Schiedsgericht verhandelt worden. Dadurch, dass der internationale Verband, die ISU, Anklage erhob, musste ich vor ein reines ISU-Gericht. Ankläger und Richter kamen alle vom Weltverband. Viele Athleten, die schon vorher Bedenken hatten, ihre Grundrechte abzutreten, beziehen auch deshalb klar Stellung. Und es werden ständig mehr. Mittlerweile haben auch die Weltmeister Betty Heidler und Erik Leue ihre Kritik per Unterschrift hinterlegt. Ich denke, dem DOSB ist längst klar, dass er die Sache nicht aussitzen kann, sondern Veränderungen nötig sind, um den Anti-Dopingkampf wieder glaubwürdiger zu machen.

Kann das noch Auswirkungen auf Ihren Schadensersatzprozess vor dem Münchner Landgericht haben?

Ich fühle mich vor den drei Richterinnen gut aufgehoben. Aber wenn sie keine andere Möglichkeit sehen, als meine Klage abzuweisen, kämpfe ich weiter. Notfalls gehe ich bis zum Bundesgerichtshof.