Vater Richard hatte sich längst in die Schlange im Spielerrestaurant eingereiht, da war Sabine Lisicki draußen auf Court 13 noch gut beschäftigt. Dutzende Fans drängelten sich um die Wimbledon-Finalistin, die Autogramme auf Mützen, T-Shirts, Tennisbälle, sogar Unterarme schrieb. Parallel dazu lächelte die Berlinerin ihr schönstes Lächeln in die gezückten Kameras und Smartphones. Erst 20 Minuten nach dem verwandelten Matchball zum 6:2, 7:6 (7:3)-Sieg gegen die Russin Vera Duschewina strebte sie zurück in die Umkleideräume: „Die Begeisterung ist schon enorm“, sagte Lisicki, ,„es ist einfach so, dass dich plötzlich jeder kennt.“

Bereit, das Positive zu sehen

Aber Lisicki ist bereit, das Positive zu sehen in ihrer neuen, veränderten Welt seit den Tagen im All England Club. Dort, wo sie sich nach Wimbledon aufhielt, in Berlin und in Florida. Aber auch jetzt in New York, bei ihrem ersten Grand-Slam-Auftritt nach Wimbledon. „Ich bin gerade dabei, mich an dieses Leben zu gewöhnen. Aber ich genieße diese Aufmerksamkeit noch“, sagte Lisicki dem Nachrichtenmagazin „Focus“ – und getreu dieser sonnigen Devise geht sie auch durch die US-Open-Welt im Big Apple. Seine Tochter, sagt Papa Richard Lisicki, „hat kein Problem damit, im Mittelpunkt zu stehen“.

Ins Bewusstsein der Amerikaner ist Fräulein Furchtlos vor allem durch den größten Sieg ihrer Karriere gerückt, gegen die hohe Wimbledon-Favoritin Serena Williams. „Auf dem Flughafen in New York hat mich jemand angesprochen und gefragt: Sie sind doch die Spielerin, die Serena geschlagen hat?“, sagt Lisicki, „das ist schon ein bisschen verrückt – oder?“ Obwohl sie seit Wimbledon nur drei Spiele bestritten hat, auch wegen einiger Wehwehchen, „die unbedingt auskuriert werden sollten“, will Lisicki in New York auch erstmals von ihrem großen Coup profitieren: „Es gibt jetzt schon diese Momente, wo ich im Spiel denke: Hey, du schaffst das schon, du hast ja ganz anderes geschafft“, sagt Lisicki, die in Runde zwei nun auf die 20-jährige Argentinierin Paula Ormaechea trifft, Nummer 71 der Weltrangliste.

Ihr heiteres Gemüt hat sie sich erstaunlich mühelos bewahrt

Bei aller Verbissenheit im Wettkampf hat sich Lisicki ihr grundsätzlich heiteres Gemüt erstaunlich mühelos bewahrt. Als sie zu ihrem Spiel gegen Duschewina auf den Platz marschierte, winkte sie bereits in die Zuschauerränge, „weil ich mich über die enthusiastischen Fans gefreut habe“. Später dirigierte Lisicki noch schnell amüsiert ein verirrtes und verängstigtes Eichhörnchen vom Platz herunter, das für eine kurze Spielunterbrechung gesorgt hatte. Woraufhin ein aufgeregter Knirps in der ersten Zuschauerreihe zu seinem Vater sagte: „Papa, die hat sogar die Tiere im Griff. Hat die mit dem Eichhörnchen geredet?“

Das nicht, aber die Charmeoffensive der jungen Deutschen lässt die Popularitätswerte noch einmal kräftig steigen in New York. „Ich glaube, Sabine hat das Zeug dazu, auch bei den US Open zum Darling der Zuschauer zu werden“, sagt die ehemalige Weltranglistenerste Tracy Austin (USA), „sie hat eine lebensfrohe Ausstrahlung, die die Amerikaner einfach mögen.“ Und sie mag das Turnier in Flushing Meadow: „Nirgends wird Tennisbegeisterung so emotional gezeigt wie hier, und das ist Motivation pur.“

In Lisickis Hotel ist die Hölle los

Das ganz normale US-Open-Chaos erlebte die Berlinerin nicht auf der Turnieranlage, sondern in ihrem Hotel in Manhattan. Zweimal musste sie umziehen, weil über ihrem Zimmer bis in die Nacht Renovierungsarbeiten liefen. „Geschlafen habe ich da eher bescheiden“, sagt Lisicki, „aber ich habe mir gesagt: Alles Schlechte liegt hinter mir. Basta.“ Stress, Druck, Nervosität könne sie nicht spüren bei Lisicki, sagt Bundestrainerin Barbara Rittner, „das ist keine Last, sondern Lust für sie“. Guter Hoffnung ist die Bundestrainerin nach dem geglückten US-Open-Auftakt: „Das war ein Spiel, in dem sie am Ende noch mal richtig kämpfen und sich zum Sieg durchbeißen musste. Perfekt fürs eigene Ego.“