Bis zu den Hüften steckt sie drin, in diesem acht Grad kalten Wasser. Erholung fühlt sich eigentlich anders an, doch bei Wimbledon-Finalistin Sabine Lisicki soll das Eisbad nach einem harten Training in Bradenton/Florida genau das bewirken. Und es funktioniert.

Wenig später schlendert sie am Coquina Beach entlang, 15 Autominuten von der Tennisanlage entfernt. Wann immer die 23 Jahre alte Berlinerin Zeit hat, kommt sie hierher und schwimmt im Meer. „Wunderbar entspannend“ findet sie das – kein Wunder bei etlichen Trainingsstunden unter der Sonne Floridas bei derzeit um die 34 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von 70 bis 80 Prozent.

Ähnlich kraftraubend könnte das Klima auch bei den Montag beginnenden US Open in New York sein. Bei dem letzten Grand-Slam-Turnier des Jahres möchte Lisicki den nächsten Schritt Richtung Top Ten machen. Im heimischen Florida hat sie sich an der Tennisakademie von Nick Bollettieri darauf vorbereitet.

Lisicki hat mit dem Einzug ins Wimbledon-Finale gespürt, dass ihr Weg in die absolute Weltelite führen wird, wenn sie ihr Talent, ihr Potenzial richtig einzusetzen weiß. Die Berliner Morgenpost sprach mit ihr in Bradenton vor ihrer Abreise nach New York.

Berliner Morgenpost: Frau Lisicki, wie gut vorbereitet werden Sie bei den US Open an den Start gehen?

Sabine Lisicki: Ich hoffe bestmöglich. Ich habe nach Wimbledon erst einmal pausiert, um meine Wehwehchen auszukurieren. Das war wichtig. Wir haben noch drei lange Monate vor uns in der Saison – die möchte ich spielen. Ich konnte so nicht voll trainieren, wie es mir lieb gewesen wäre, aber noch wichtiger war, alles auszukurieren, um richtig fit zu sein.

Wie schwierig ist es, bei der Flut an Turnieren die nötigen Pausen einzubauen?

Das ist etwas, was ich in den vergangenen Monaten gelernt habe. Ich muss genau abwägen, welche Turniere ich spielen will, spielen soll. Die Saison geht von Januar bis November. Das ist ein harter Job und auch für den Körper sehr schwer. Da musst du dir hier und da Auszeiten gönnen – das sieht man jetzt nach Wimbledon. Einige haben nicht ausgesetzt, sondern weiter gespielt und mussten bei den Turnieren vor den US Open verletzt aufgegeben.

Wie schwer fällt es Ihnen, dort hart zu arbeiten, wo andere Urlaub machen?

Gar nicht. Ich bin von klein auf hier hergekommen, habe immer trainiert. Ich verbinde Florida mit Tennis. Es ist für mich eigentlich eher eine Qual, ein paar Tage hier Pause zu machen, weil ich immer auf den Tennisplatz möchte. Das ist schon so drin im Kopf.

Und dann steht da der 82 Jahre alte Nick Bollettieri. Er hat Sie jahrelang begleitet. Kann er noch Tipps geben?

Nick ist einfach unglaublich, noch so fit. Er hat mir und meinem Vater immer sehr viel geholfen, wir haben uns immer abgesprochen. Das ist noch heute so. Nick spricht viel mit meinem Trainer Wim Fissette, mit meinem Vater und mir – wir sind ein Team, haben eine Linie. Das ist mir auch wichtig. Nick sieht immer ein paar Details, die andere nicht sehen.

Auf welchem Belag spielen Sie am liebsten?

Natürlich auf Rasen, aber ich finde diese Wechsel auf die verschiedenen Beläge sehr gut. Ich habe auch auf jedem Untergrund schon Titel gewonnen. Auf dem Hardcourt bin ich es gewohnt zu spielen, seit ich klein bin. Das kommt meinem Spiel auch entgegen.

Dann steht dem Sieg bei den US Open ja nichts mehr im Wege, oder?

(lacht)Das wäre ein Traum. Mein Traum. Ein Sieg bei einem Grand Slam ist mein Ziel. Welcher am Anfang steht, ist mir egal. Hauptsache, Wimbledon ist am Ende auch mit dabei.

Nach Wimbledon steigen die Erwartungen. Wie gehen Sie damit um?

Damit habe ich keine Probleme. Ich gehe in jedes Spiel mit der Maßgabe hinein, mein bestes Tennis zu spielen. Ich setze mich da nicht unter Druck. Ich will einfach Spaß haben, liebe es, auf dem Platz zu stehen und will in New York so lange wie nur möglich dabei sein.

Ist Ihre Leistung von Wimbledon Ansporn oder Belastung?

Ansporn. Eindeutig.

Warum?

Weil es mir zeigt, was möglich ist. Es gibt mir noch mehr Ansporn, noch mehr Motivation und Energie zum Trainieren.

Dank Ihnen steht Tennis in Deutschland wieder etwas mehr im Fokus. Wie haben Sie diesen Aufschwung wahrgenommen?

Tennis gehört einfach mehr in den Mittelpunkt. Diese Unterstützung tut uns gut, es ist so eine große Motivation, wenn du für deine Nation spielst. Wir brauchen aber wieder mehr Fernsehpräsenz, damit die kleinen Kinder zum Tennis kommen, den Schläger in die Hand nehmen und Spaß haben. So habe ich das früher auch gemacht.

Was hat sich seit Wimbledon verändert?

Vieles. Ich werde jetzt von fremden Menschen auf der Straße angesprochen und häufig erkannt. Das ist ungewohnt.

Roger Federer oder Nick Bollettieri meinen, dass Sie die richtigen Lehren aus der deutlichen Finalniederlage von Wimbledon gegen Marion Bartoli ziehen. Ist das so?

Ja, natürlich. Es war mein erstes Wimbledon-Finale. Diese Atmosphäre, diese Eindrücke musst du erst einmal verarbeiten. Und die Erfahrungen aus so einem Finale sind sehr wichtig. Die nimmt man mit. Ich lerne daraus.

Was haben Sie sich für den Rest der Saison noch vorgenommen?

Die Top Ten. Bis dahin ist es noch ein harter Weg, aber ich habe bis April nächsten Jahres nur wenig Punkte zu verteidigen. Das ist eine gute Voraussetzung.

Was fehlt Ihnen denn noch, um mit solchen Spielerinnen wie Serena Williams gleichzuziehen?

Die Erfahrung von Wimbledon hat mir viel gegeben, nicht nur aus diesem Jahr. Selbstvertrauen, Kraft, der Wille zum Sieg – all das hat mich Stück für Stück weitergebracht. Die Siege in Wimbledon haben mich zu einer besseren Spielerin gemacht. Ich werde konstanter.

Ist es die Konstanz im Spiel, an der es vor allem noch mangelt?

Ja, die Konstanz und dann die Erfahrung, wie man sich seinen Turnierkalender zusammenstellt. Für die Rasenzeit habe ich es jetzt herausgefunden. Nun gilt es, das Timing auch für die anderen Beläge zu finden. Jeder muss für sich selbst nach der richtigen Lösung suchen, wann und wie lange der Körper eine Pause benötigt.

Bei all dem Training und den vielen Turnieren: Wie gern spielen Sie eigentlich Tennis?

Unheimlich gern. Ich liebe meinen Sport. Es ist doch ein Traum, sein Hobby zum Beruf zu haben. Ich wollte schon als kleines Kind nur eines: Tennisspielerin werden.