Wasserball

Moritz Oeler soll neuer Anführer der Wasserfreunde werden

Eine Saison spielte Moritz Oeler bei Vasas Budapest. Prompt erlebten die Wasserfreunde Spandau eine titellose Saison. Jetzt ist der beste deutsche Wasserballer wieder da.

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Lässig kommt der junge Mann daher, trägt Shorts und ein Shirt, das durchblicken lässt, wie es um den Trainingszustand seines Oberkörpers bestellt ist. Ergebnis von dreimal Krafttraining die Woche plus siebenmal Wassertraining. Sein Rennrad hat er dabei, obwohl er gleich um die Ecke in der Nähe des Winterfeldtplatzes eingezogen ist, ungarisches Fabrikat, „das einzige Materielle, was ich mitgebracht habe“. Moritz Oeler lächelt: „Sagen Sie es aber nicht Hagen Stamm.“ Der ist Präsident der Wasserfreunde Spandau, des 32-maligen deutschen Wasserball-Meisters, zu dem Oeler gerade nach einer Saison bei Vasas Budapest zurückgekehrt ist. Und Fahrrad-Großhändler. Dass ihm dieses eine Geschäft entgangen ist, kann er sicher verschmerzen. „Moritz“, sagt Stamm, „war meine Wunschverpflichtung.“

Tore sind seine Spezialität

Eine Saison ist der 27-Jährige nur fort geblieben. Prompt erlebten die Spandauer ihre schlimmste Zeit seit gefühlten Ewigkeiten, blieben ohne Titel, erstmals seit 1993. „Ich würde das jetzt nicht nur an mir festmachen“, wiegelt Oeler ab. Er ist insgesamt nicht gerade ein extrovertierter Typ, wirkt eher ein bisschen mit seinen Gedanken woanders, beinahe schon gelangweilt. Fest steht aber, den Spandauern fehlte vor allem jemand, der verlässlich viele Tore wirft. Und die sind nun mal Oelers Spezialität. Mit exzellenter Beinarbeit aus dem Wasser hochsteigen, den gegnerischen Torwart ein bisschen tanzen lassen, ihn ausgucken, abschließen. Der Rechtshänder beherrscht dieses Muskelspiel im Wasser wie kaum ein anderer. Die Zuschauer lieben das. Die Torhüter hassen das.

Stamm sieht in Oeler den aktuell besten deutschen Spieler. Bundestrainer Nebojsa Novoselac sieht das offenbar ähnlich, denn während der Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft Ende Juli in Barcelona ernannte er Oeler zum Kapitän. Zurzeit übt die Mannschaft beim Trainingslager in Kroatien. „Moritz verfügt über große internationale Erfahrung und hat eine gute Saison in Ungarn gespielt“, sagt der Serbe voller Respekt.

Live-Übertragung in Restaurants

Wasserball-Freunde wissen, dass es in keinem Land der Welt bessere Spieler gibt als dort. Neun Mal wurden die Magyaren Olympiasieger, zuletzt zwischen Sydney 2000 und Peking 2008 dreimal in Folge. In London unterlagen sie zur Enttäuschung einer ganzen Nation im Viertelfinale gegen Italien. Oeler erlebte das zwar nicht live mit, weil Deutschland die Spiele verpasst hatte. Aber irgendwie war er doch Augenzeuge. Er war zu der Zeit schon in Budapest. Und staunte, dass die Spiele in vielen Cafés, in vielen Restaurants, natürlich vor dem heimischen Fernseher mit „großer Begeisterung verfolgt wurden. In dem Land“, sagt er fast ein bisschen neidisch, „kann jeder etwas mit Wasserball anfangen.“ Auch Spiele aus der 14 Teams umfassenden ersten Liga, in der ausschließlich Profis ins Becken springen, werden regelmäßig im Fernsehen gezeigt.

Seinen Wasserfreunden würde Oeler dort den fünften oder sechsten Platz zutrauen. Selbst in schwächeren Teams gibt es ältere Spieler, die vielleicht nicht mehr so viel trainieren wollen. Oder jüngere, die es nicht ganz ins Nationalteam geschafft haben. Die trotzdem bei jedem Bundesligisten Leistungsträger wären. Außerdem Spieler aus aller Herren Länder von Neuseeland bis Rumänien, von Australien bis Holland. Und nun Deutschland. Ein Deutscher im Wasserball-Paradies.

Auch in Ungarn ist nicht mehr alles Wasserball-Gold

Oeler hat sich nicht lange geziert, als die Vasas-Anfrage im Sommer 2012 kam, er wollte sowieso einmal ins Ausland wechseln. Er hat sich auch dort behauptet und hätte bleiben können nach Rang vier in der Meisterschaft. Doch selbst in Ungarn ist nicht mehr alles Wasserball-Gold, was glänzt. Ein Sponsor zog sich zurück, der Etat sollte drastisch gekürzt werden beim 18-fachen nationalen Meister. Eigentlich hatte er noch ein Jahr dranhängen und richtig Ungarisch lernen wollen. Aber nun entschloss sich Moritz Oeler zur Rückkehr. Seine Freundin lebt hier in der deutschen Hauptstadt. Und Berlin „liebe ich sowieso“.

Von manchen Leuten sei er gefragt worden, warum er denn jetzt noch nach Spandau gehe, wo doch der ASC Duisburg Meister und Pokalsieger sei und die Kräfteverhältnisse gerade zu kippen drohten. „Unsinn“, sei das, ärgert sich der Nationalspieler, die Wasserfreunde böten noch immer ein perfektes Umfeld. „Es sieht wieder mal nach einem Generationswechsel aus“, sagt er, „stimmt, aber das hatten wir in Spandau doch schon öfter.“ Auch in seiner Zeit zwischen 2006 und 2012, in der er sechsmal Meister mit den Berlinern wurde. Er sieht das als Herausforderung, mit vielen jungen Spielern, dem neuen Trainer Andras Gyöngyösi. „Wir müssen nur schauen, dass wir schnell in die Spur finden.“

In Berlin will er nebenbei sein Studium fortführen

So geht es ihm selbst auch bei seiner Rückkehr nach Deutschland. In Berlin will er Wasserball spielen und nebenher sein Studium fortführen. Den Master in Druck- und Medientechnik hat er bereits, jetzt folgt noch die Spezialisierung. Aber erst einmal lebt er quasi aus der Reisetasche in die Reisetasche. Die Nationalmannschaft ist ständig unterwegs vor der WM, auf die Woche in Kroatien folgen die Slowakei, Ungarn, Duisburg, zum Schluss noch ein, zwei Tage in Berlin, bevor es nach Barcelona geht. In der WM-Vorrunde sind Rumänien, Italien und Kasachstan die Gegner. „Es wird sehr schwer“, sagt der Kapitän, aber das ist ja nichts Neues für ihn. Eine verjüngte Mannschaft wird aufgebaut, und er soll einer der Anführer sein.

Was er dort lernt, hilft auch den Spandauern. Denn beinahe das gleiche Anforderungsprofil erwartet ihn anschließend bei den Wasserfreunden.