Die vergangene Woche war wieder mächtig anstrengend für Metin Cakmak. Von der Uni zum Training zu hetzen und danach zurück zur Uni, daran hat sich der Spieler des Berliner Athletik Klub 07 gewöhnt. Aber nun steht die zweite Runde des DFB-Pokals gegen 1860 München an (Dienstag, 19 Uhr, Jahnstadion), und jetzt kommen noch die ganzen Medienanfragen dazu.

„Es ist schwer“, sagt er, „100 Prozent Konzentration auf den Fußball zu behalten.“ Das Magazin „Elf Freunde“ will ein Video mit ihm drehen. „Bild“ wünscht ein Interview, TV- und Radiosender ebenso, „berlin türk“, eine deutsch-türkische Zeitschrift, widmete ihm sogar ihre Titelgeschichte der Oktober-Ausgabe: „Der Mann, der Hoffenheim besiegt hat“.

Das hat er ja nicht allein geschafft, relativiert der junge Mann. Aber zwei Tore hat der 25-Jährige beigetragen zur 4:0-Sensation gegen den Bundesligisten, zweimal Nationaltorwart Tim Wiese überwunden, als wäre es sein täglich Brot.

Beim zweiten Treffer mit knallrotem Kopfverband – auch eine blutende Wunde nach gegnerischem Ellbogenschlag hatte ihn nicht stoppen können. Unter lauter Pokalhelden war er das Gesicht der Mannschaft.

Und als wäre das alles noch nicht genug, durfte Cakmak spätabends, als seine Kollegen längst bierselig ihren Triumph feierten, bei Katrin Müller-Hohenstein im ZDF-Sportstudio zeigen, dass Fußballer durchaus bescheiden auftreten und klug antworten können. Es gab Szenenapplaus, wie im Spiel zuvor.

Cakmak ist berühmt für eine Woche

Mitte August war das, und Metin Cakmak fasst das Erlebte heute so zusammen: „Der Tag war anders als jeder andere Tag in meinem Leben.“ Eine Woche etwa hat die Berühmtheit gehalten. Der Arzt, der ihn behandelte, erkannte ihn wieder. Seine Kommilitonen, mit denen er im zweiten Semester an der Beuth-Hochschule Medieninformatik studiert, haben ihn angesprochen.

Und – vor allem – seine Verwandten: „Es ist schön, dass sie stolz auf einen sind. Man sieht das in ihren Augen. Das macht einen natürlich sehr glücklich.“ Die Eltern, die einst vom Schwarzen Meer nach Deutschland übersiedelten, leben wie er und sein jüngerer Bruder in Siemensstadt.

Was hat sich denn noch so geändert? Sein Leben etwa? Neiiin, dehnt Cakmak. Kommen Kiebitze zum Training, um die BAK-Stars aus der vierten Liga, der Regionalliga Nordost, zu beobachten? Da muss er herzlich lachen: „Überhaupt nicht, da ist keiner. Wir wären ja schon froh, wenn welche zum Spiel kommen würden.“

Da ist alles gleich geblieben, 400 Fans im Durchschnitt schauen ihnen zu, wenn sie im Poststadion gegen den Torgelower SV Greif oder den 1. FC Lok Leipzig antreten. Nur auswärts sei manches neu. „In jedem Programmheft“, berichtet Trainer Jens Härtel, „werden wir als Hoffenheim-Schreck bezeichnet. Das ist eine Extra-Motivation für die anderen.“

Trainer Härtel bundesligareif

Auch Cakmak musste sich hier umstellen. „In der Liga werde ich extrem ins Visier genommen von den gegnerischen Spielern. Einmal wurde ich sechsmal umgegrätscht, und erst beim sechsten Mal bekam der Spieler die Gelbe Karte.“

Er selbst wurde ein andermal vom Platz gestellt. Warum? „Plötzlich schmeißt sich einer neben mir auf den Boden. Ich hab den gar nicht berührt, das hat man auf den Videos genau sehen können.“

Sein sportlicher Alltag hat sich also eher verschlechtert. In diesem Punkt. BAK-Manager Erdogan Dogan berichtet, es habe seit dem Hoffenheim-Spiel „vier ernsthafte Anfragen aus der ersten und zweiten türkischen Liga“ für den Deutsch-Türken Cakmak gegeben. Es kursiert auch das Gerücht, Hertha BSC habe ihn beobachten lassen, aber man weiß ja, wo die besten Berliner Spieler meist landen – nicht bei Hertha.

Ein paar Tage hat Cakmak nicht trainieren können, ihn bremst eine Innenbanddehnung im Knie. Am Sonnabend gegen Halberstadt wurde er geschont, gegen München will er unbedingt dabei sein. „Es sieht ganz gut aus“, beruhigt er, das Knie werde halten.

Sein Selbstbewusstsein, ohnehin nicht die Schwachstelle Cakmaks, hat ebenfalls nicht gelitten. „Wenn Sie mich fragen, ich könnte überall spielen. Auch in der ersten Liga“, meint er. Seine Mannschaft soll er bitte mal charakterisieren, und auch da setzt der 25-Jährige nicht zu tief an. „Borussia Dortmund – die sind ein bisschen ähnlich wie wir.“ Findet er.

Cakmak muss jetzt selbst lachen und ist doch um eine Erklärung nicht verlegen: „Das ist auch so eine junge Mannschaft, die Jürgen Klopp da aufgebaut hat. Das waren auch alles Spieler, die niemand kannte. Sie sind heiß, bissig, nicht satt, die kämpfen und rennen auch. Ich sehe da gewisse Parallelen.“ Seinen eigenen Trainer, Jens Härtel, hält er genauso für geeignet, höhere Aufgaben zu übernehmen. „Er lebt Fußball, 24 Stunden am Tag. Auf jeden Fall ist der auch bundesligareif.“

Warnung vor den Münchnern

Da klingt viel Euphorie durch und vermutlich auch ein klitzekleines bisschen südländische Selbstüberschätzung. Macht nichts. Im nächsten Atemzug warnt Cakmak selbst davor, wie übrigens jeder im Verein, nun abzuheben: „Wir müssen auf dem Boden bleiben. Die Münchner werden uns bestimmt nicht so unterschätzen wie Hoffenheim.“ Trotzdem: Wenn jeder das Beste aus sich heraushole, sei auch eine weitere Pokal-Überraschung drin.

Vermutlich hätte Cakmak nichts dagegen, wenn diesmal ein anderer im Fokus stünde. Dieser ganze Rummel – er ist schön und schrecklich zugleich.