Hooligans

Für Experten ist Spiel Union gegen Hertha riskant

Die Ausschreitungen der Hertha-Fans haben gezeigt, dass es weiterhin Gewalt im Fußball-Stadion gibt. Zwei szenekundige Polizeibeamte erklären auf Morgenpost Online, wie sie die Ausschreitungen in der Bundesliga beurteilen und welche Konsequenzen sie empfehlen.

Nach den Fanausschreitungen von Anhängern des Bundesligaklubs Hertha BSC in der Partie gegen Nürnberg (1:2) hält die Diskussion über eskalierende Gewalt in den Stadien an. Morgenpost Online beleuchtet die Problematik aus zwei Perspektiven: Rainer Schwienke, Mitarbeiter der Landesinformationsstelle für Sporteinsätze im Lagezentrum Berlin, beobachtet Entwicklungen bei den Anhängern auf Grundlage der Kenntnisse szenekundiger Beamter. Ein solcher ist Thomas Fischer (Name auf Wunsch des Interviewten geändert), einer von drei Männern, die bei Werder Bremen in den Fanblöcken ver- und ermitteln.

Morgenpost Online: Sind Vorfälle wie in Berlin in den modernen Stadien ohne Zaun überhaupt zu verhindern?

Rainer Schwienke: Dass die Stadien frei von Zäunen sind, ist nicht die Ursache als solche. Auch mit Zäunen hätte es zu einem Vordringen in den Innenraum kommen können, denn sie schrecken zwar ab, können aber auch nichts verhindern. Und mit Stacheldraht geschützte Begrenzungen will niemand.

Morgenpost Online: Herr Fischer, wie schätzen Sie die Ausschreitungen ein?

Thomas Fischer: Es war schon ein außergewöhnlicher Vorfall. In Berlin kamen verschiedene Faktoren zusammen, insbesondere die ernorme Enttäuschung der Fans. Trotzdem sind die Stadien heutzutage sehr sicher, und solch extreme Ausschreitungen wie in Berlin werden selten bleiben, weil sich Auseinandersetzungen momentan eher im Umfeld der Stadien sowie auf den Anfahrtswegen abspielen.

Morgenpost Online: Die Gewalt hat aber zugenommen?

Fischer: Ja. Es kommt beispielsweise in der Fanszene von Werder Bremen zu einer Gewaltzunahme. Allein in diesem Jahr haben sich die Vorkommnisse im Zusammenhang mit den Bremer Ultras erhöht.

Morgenpost Online: Wie kommt es zu dieser Häufung?

Schwienke: Möglicherweise hat es mit einem Wandel der Fankultur zu tun. Andererseits sehe ich kein Ultra-Problem. Schon eher haben wir es mit einem gesellschaftlichen Problem zu tun. Nicht nur im Fußball lässt sich feststellen, dass Konflikte wieder häufiger gewaltsam gelöst werden.

Morgenpost Online: Wie sehen Sie die Ultra-Szene, Herr Fischer?

Fischer: Für Ultras, die es mittlerweile in fast jedem Bundesligaklub gibt und überwiegend zwischen Anfang bis Mitte 20 Jahre alt sind, steht zunächst einmal Fußball und dessen Unterstützung im Vordergrund – im Gegensatz zu den Hooligans, die insbesondere in den 80er- und 90er-Jahren aktiv waren. Aber innerhalb der Ultras gibt es Gruppierungen, die sich vom Rest der Gruppe absondern und gewaltbereit sind. Diese bleiben meist länger im Stadion und fahren oft nicht mit den anderen Ultras zurück, wenn sie bei Auswärtsspielen sind. Sie gehen ihren eigenen Weg, und dieser ist meist gewalttätig. In Bremen umfasst die Ultra-Szene rund 400 bis 500 Personen, und die Szene, die sich abspaltet, ist eine Gruppe von etwa 50 bis 70 Personen. Dies ist häufig diejenige, die dann auffällt, wenn es gewalttätig wird.

Morgenpost Online: Sind Vorfälle wie im Olympiastadion geplant oder spontan?

Schwienke: Was in Berlin geschehen ist, war anhand der Konstellation im Vorfeld des Spiels zwar vorhersehbar. Wozu es letztlich aber gekommen ist, geschah aus unseren Erfahrungen heraus spontan. Es war kein gezieltes Vorgehen, sondern ein gruppendynamischer Prozess, der aus einer immer dramatischer werdenden Spielsituation herrührte und durch Provokationen gegnerischer Spieler nach Schlusspfiff noch verstärkt wurde.

Morgenpost Online: Wie kommen Sie an diese Gruppierung heran?

Fischer: Das ist extrem schwierig, denn Ultras haben in ihrem Kodex zu stehen, dass sie keinen Kontakt zur Polizei haben sollen. Wir sind eine Art Feindbild für sie, und der Gruppenzwang ist bei den Ultras stark. Vereinzelt sprechen Ultras dennoch mit uns, insbesondere, wenn es um Stadionverbote geht. Da lassen sich einige viel einfallen, damit wir ein gutes Wort für sie einlegen und sie wieder ins Stadion dürfen. Ein Bremer Ultra schlug beispielsweise vor, einen Behinderten zu fahren und ihn während des Spiels im Stadion zu betreuen. Nur gibt es solche Gespräche oft abseits vom Fußball, weil Ultras nicht mit uns an der nächsten Straßenecke gesehen werden wollen.

Morgenpost Online: Also ist Ihre Arbeit schwieriger als noch zu Zeiten der Hooligans?

Fischer: Ja, denn die Hooligans waren überschaubarer. Da ging es um Gruppen zwischen 60 und 80 Mitgliedern. Die Ultra-Bewegung umfasst im Gegensatz dazu aber mehrere hundert Personen. Deshalb besitzen wir auch keine Mitgliedszahlen über sie und haben nicht immer ausreichende Kenntnisse. So ist es manchmal schwierig, Gewaltdelikte Personen zuzuordnen, wenn wir Filmmaterial von Ausschreitungen sichten. Zusätzlich konnten wir mit den Hooligans leichter umgehen, weil wir persönlich in Kontakt standen. Wenn ich damals mit einem Anführer der Bremer Hooligans eine Absprache am Rande des Spiels traf, wurde die meist eingehalten. Bei Ultras geht das nicht so einfach. Die steigen nicht nach einem Spiel in eine Straßenbahn, nur weil die Polizei das will. Wenn Ultras meinen, dass sie nach einem Spiel auf den letzten Festgenommenen warten wollen, dann bleiben sie.

Morgenpost Online: Welche Maßnahmen und Sanktionen können helfen, solche Vorfälle zu verhindern?

Schwienke: Wichtig ist Augenmaß. Überreaktionen, wie etwa allen Ultras den Stadionbesuch zu verbieten, helfen nichts. Die Vereine müssen Zeichen setzen: Wir lassen uns die Stimmung im Stadion nicht zerstören. Die Umlage von Strafen gegen Vereine auf die Tatbeteiligten via Privatklage ist mittlerweile gängige Praxis. Der Verein muss die Erziehbaren erziehen.

Morgenpost Online: Wie sollen der Deutsche Fußball-Bund sowie die Sicherheitskräfte auf den Gewaltanstieg reagieren?

Fischer: Ich hoffe, wachsam, aber gelassen. Es würde keinen Sinn machen, Polizeiaufgebote zu verstärken oder gar Zäune in Stadien wieder aufzubauen. Solche Ausschreitungen wie in Berlin kommen sicher so schnell nicht wieder vor, und deshalb sollte man nicht tausende Fußballfans damit bestrafen, wieder Zäune hoch zu ziehen. Man darf nicht vergessen, dass es sich um eine Minderheit der Fans handelt, die gewaltbereit ist.

Morgenpost Online: Erwarten Sie Sicherheitsprobleme in der Stadt, wenn Hertha und Union Berlin kommende Saison in der Zweiten Liga spielen?

Schwienke: Ohne Zweifel werden das hochbrisante, risikobehaftete Spiele.

Morgenpost Online: Empfehlen Sie, beide Spiele im Olympiastadion durchzuführen?

Schwienke: Unbedingt sogar! Ich würde die „Alte Försterei“ nicht als „nicht sicher“ bezeichnen. Aber gegen ein Spiel dort sprechen das allgemein hohe Besucherinteresse und das Verhältnis von Heim- und Gästefans. Zwar gibt es unter Hertha- und Union-Fans auch gemeinsam handelnde Personen, aber es gibt auch eine Rivalität. Rivalität, die gesund sein kann – aber eben auch ungesund.