Die Wahl des deutschen Bewerbers für Olympia und Paralympics ist für den neuen Sport-Staatsminister Ronald Rauhe eine der ersten großen Wegweiser seiner Amtszeit. In Baden-Baden entscheidet eine außerordentliche Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) am Samstag, ob Köln/Rhein-Ruhr oder München ins internationale Rennen gehen soll. Berlin, die Geburtsstadt des zweimaligen Kanu-Olympiasiegers, zog sich kurz vor der Abstimmung aus dem nationalen Wettbewerb zurück. Wie er auf das deutsche Olympia-Finale blickt, erzählt der 44-Jährige, der Anfang September die Nachfolge von Christiane Schenderlein auf der Position antrat, im Interview.

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Herr Rauhe, Die Berliner Bewerber haben bei ihrem Rückzug auch Kritik am Verfahren des DOSB geübt. Ist der Auswahlprozess, der jetzt zum Ende kommt, wirklich der bestmögliche?

Ronald Rauhe: Das will ich mir gar nicht anmaßen zu beurteilen. Es ist ein Verfahren, das der DOSB aufgesetzt hat. Fakt ist, dass wir drei großartige Bewerberstädte hatten, vier, wenn man Hamburg noch dazu nimmt. Sie alle haben eine Menge dafür getan, dass Olympische und Paralympische Spiele überhaupt wieder in das Bewusstsein der Menschen in Deutschland getragen werden. Ich glaube, das ist das, was wir an positiver Botschaft aus dem Verfahren mitnehmen können. Diese vier Bewerber hatten die Chance, sich zu präsentieren. Und das war gerade für den olympischen Gedanken ein extrem wichtiger Faktor. Denn gerade dieses Verfahren hatte einen großen Anteil daran, dass wir im gesamtdeutschen Kontext überhaupt wieder so viel über Olympische und Paralympische Spiele nachdenken. Das hätten wir vermutlich in dieser Form nicht getan, wenn wir direkt mit einem Bewerber losgegangen werden.

Berliner Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele
Der Berliner Bär brüllt nicht mehr: Die Bundeshauptstadt hat ihre Bewerbung als Olympia-Kandidat zurückgezogen.© Jens Kalaene/dpa | Jens Kalaene

Jetzt wird aber Berlin als der Bewerber, dem auch vom DOSB die größte internationale Strahlkraft bescheinigt wurde, nicht ins Rennen gehen. Ist das trotzdem eine aussichtsreiche Bewerbung?

Ja. Wir haben drei aussichtsreiche Bewerbungen gehabt. Ich glaube, alle drei Bewerbungen sind stark. Welche international jetzt am tragbarsten ist, das werden die Sportverbände bei der Wahl am Samstag entscheiden. Ich hoffe, dass sie dieser Verantwortung auch gerecht werden. Denn genau das ist der Punkt, um den es geht. Natürlich müssen wir zusehen, dass wir in Deutschland einen starken nationalen Bewerber auswählen, aber wir müssen vor allem einen Schritt weiterdenken. Wir haben eine internationale Aufgabe zu erfüllen und müssen mit der Stadt oder Region ins Rennen gehen, mit der Deutschland international die größten Chancen hat. Die Entscheidung darüber trifft der Sport. Ich gehe davon aus, dass er sie mit ganz viel Verantwortung treffen wird.

Rauhe sieht Deutschland auf einem guten Weg bei der Wahrnehmung in der Olympia-Welt

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Wie wird das denn im Ausland wahrgenommen? Ist es für Deutschland auch ein bisschen peinlich, dass die Hauptstadt sich zurückzieht aus dem Rennen?

Es ist ja gerade erst passiert. Fakt ist, dass im Ausland insgesamt sehr positiv bewertet wird, dass wir wieder auf die sportpolitische Bühne zurückkehren wollen. International kennt man uns als verlässlichen Partner, nicht nur im Bereich Olympischer und Paralympischer Spiele, sondern auch durch die Austragung von vielen Sportgroßveranstaltungen. Und deswegen sieht man mit einem sehr positiven Auge, dass wir uns überhaupt wieder auf das Parkett vorwagen und uns bewerben wollen. Wie das aufgenommen wird, was jetzt gerade mit Berlin passiert ist, das kann ich noch nicht bewerten. Dafür ist es einfach auch zu frisch. Wir wissen aber, dass wir zwei weitere starke Partner im Rennen haben.

Wahl zur Bewerbung der Olympischen Spiele Köln Rhein Ruhr
NRW hat schon ja gesagt zu Olympischen Spielen. Bekommt Köln/Rhein-Ruhr auch am Samstag in Baden-Baden vom DOSB den Zuschlag?© FFS | Kitschenberg

Sie haben auch von einer Bewerbung für Deutschland gesprochen. Wie soll es denn gelingen, aus dem Sieger ein gesamtdeutsches Projekt zu machen?

Das war immer mein Anliegen und das werde ich auch weiter versuchen so voranzutreiben. Es gibt hier keine Verlierer. Es wird einen Gewinner geben und zwei, bzw. jetzt noch einen anderen, die sich für den Gewinner freuen. Es ist ganz, ganz wichtig, dass wir an einem Strang ziehen, dass wir uns hinter einer Bewerbung auch als Land vereinen. Nur dann hat eine internationale Bewerbung eine Chance auf Erfolg. Es geht nicht nur darum, die Bewerberregion im besten Licht scheinen zu lassen, sondern es geht um viel mehr. Wir wollen im gesamten Land Projekte und Weiterentwicklungen im Bereich Sport und Sportinfrastruktur vorantreiben. Es ist mein Anliegen, dass wir nicht nur eine Region, sondern ganz Deutschland stärken - und natürlich den deutschen Sport.

Aber wie kann das konkret gelingen? 

Natürlich gibt es eine Strategie für den weiteren Bewerbungsprozess, auch was Sportgroßveranstaltungen betrifft. Das heißt, welche Sportgroßveranstaltungen wir zu welchem Zeitpunkt fördern werden und in welcher Region sie idealerweise stattfinden können, um das politische Vertrauen international zu fördern. Es ist kein Geheimnis, dass es mir sehr am Herzen liegt, dass wir nicht nur den Leistungssport, sondern auch den Breitensport mitnehmen. Denn am Ende entsteht der Leistungssport durch die Breite.

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Wird sich der Bundeskanzler da auch persönlich einschalten, was nach der Wahl des Bewerbers die Werbung für diesen Olympia-Standort angeht?

Davon gehe ich aus. Er ist da sehr, sehr interessiert und es liegt ihm viel daran. Er wird sich zeitnah bemühen, erneut mit (IOC-Präsidentin) Kirsty Coventry ins Gespräch zu kommen. Ihm ist bewusst, dass die internationale Repräsentanz eine große Bedeutung hat.

NRW setzt anders als Bayern auch auf Standorte im Osten Deutschlands. Passt dieses Konzept besser zu einer gesamtdeutschen Bewerbung? 

Da hat jeder verschiedene Ansätze. Bayern plant beispielsweise für die Wasserwettbewerbe mit Kiel, sicher auch aufgrund der Strahlkraft nicht nur des regionalen Standorts, sondern auch weiter entfernter Standorte. NRW wiederum möchte die ostdeutschen Regionen einbinden. Ich finde es gut, wenn auch der Osten Deutschlands eine wichtige Rolle spielt. Am Ende geht es aber auch darum, für die Athletinnen und Athleten möglichst kompakte Spiele zu erzeugen. Darauf schaut auch das IOC.

Münchner Olympia-Bewerbung
Die Olympischen Ringe im Olympiapark: München gilt bei der Auswahl des deutschen Bewerbers als Favorit.© Sven Hoppe/dpa | Sven Hoppe

Wie sehen Sie denn die Chancen im weiteren Verfahren beim IOC?

Ich finde, dass das Verfahren deutlich transparenter ist als früher. Wir streben den nächsten wichtigen Schritt im nächsten März an. Dann könnten wir in einen wirklich festen Dialog mit dem IOC eintreten. Bis dahin liegt noch eine Menge Arbeit vor uns. Dann gehe ich davon aus, dass wir eine Menge mit dem IOC zu besprechen haben. Denn der Eintritt in den festen Dialog bedeutet auch, dass es in die richtige Richtung geht.

Was ist denn realistisch? 2036, erst 2040 oder noch später?

Ich glaube, realistisch ist alles. Aus meinen Gesprächen mit dem IOC kann ich wiedergeben, dass es im Moment den Eindruck macht, als wenn es eine Doppelvergabe geben wird. Und deswegen müssen wir gleichermaßen im Topf für die Jahre 2036, 2040 und 2044 drin sein. Und wenn es eine Doppelvergabe wird, dann gilt es auch in dem Jahr, in dem Europa gefragt ist, an erster Stelle zu stehen. Das wird unsere Aufgabe sein.

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Was wäre denn Ihre Präferenz? Egal, welches Jahr oder so früh wie möglich?

Aus meiner persönlichen Geschichte heraus wäre 2040 mein Lieblingsdatum. Das hängt damit zusammen, dass ich ein Berliner Kind bin. Ich habe als Schulkind erlebt, was mit Menschen passiert, wenn eine Mauer fällt, wenn man wieder zusammenwächst, wenn aus zwei Bevölkerungsgruppen, die getrennt waren, wieder Gemeinschaft entsteht. 2040 jährt sich die Wiedervereinigung zum 50. Mal. Hier könnten wir ein großartiges Signal senden, das auch mit den Werten von Olympischen Spielen zusammenpasst. Dass wir es geschafft haben, Menschen wieder zusammenzubringen, die ja in tiefster Linie getrennt waren. Das ist meine persönliche Lieblingsgeschichte, aber es hat sicherlich mit der Art und Weise zu tun, wie ich aufgewachsen bin. Letztlich zählt aber vor allem eins: Die Olympischen und Paralympischen Spiele wieder in unser Land zu holen. Egal, wann.

In Ihrer ersten Rede im Bundestag haben Sie für viel Aufmerksamkeit mit Ihrer Schlussbemerkung gesorgt, in der Sie zu Demut und Fairness aufgerufen haben. Glauben Sie, dass der Sport eine stärkere Rolle in einer Gesellschaft mit aktuell großen Spaltungstendenzen bekommen sollte?

Absolut. Ich bin ein großer Verfechter davon, die Vereine zu stärken, und das nicht ohne Grund. In meinen Augen sind die vielen hundert Vereine mit den Ehrenamtlichen die Keimzelle der Demokratie. Das lernt man dort schon als Kind. Man lernt dort, dass es durchaus Reibungen geben kann, dass es ganz konträre Meinungen gibt. Aber dass man dies mit Respekt miteinander diskutieren kann. Ich bin selbst Vorsitzender eines Vereins, ich kann wirklich aus Erfahrung sprechen. Am Ende hat man aber das gleiche Ziel und muss einen Kompromiss finden, der für alle tragbar ist, und sich dann hinter diesem Kompromiss vereinen. Dafür stehen unsere Vereine und unser Ehrenamt insgesamt. Aber ich glaube vor allem auch an die Kraft des Sportes und daran, dass wir die Werte des Sportes dort in die Gesellschaft tragen können. Und zwar auf eine Art und Weise, bei der man mit Werten wie Demut und Fairness bereits aufwächst und daran lernt.