Das Gespräch führt Thomas Weikert noch aus seiner Kanzlei in Limburg heraus, aber je näher der Samstag rückt, desto mehr ist der Jurist vor allem Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), oberster Sportfunktionär Deutschlands. Und als solcher hat der 64-Jährige ein nicht alltägliches Ereignis vor sich: Im Kurhaus von Baden-Baden wird ab 13.45 Uhr (ARD) verkündet, wer sich stellvertretend für Deutschland beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) um Olympische Sommerspiele in den Jahren 2036, 2040 oder 2044 bewirbt. Berlin ist unter Getöse ausgeschieden, hat am Donnerstag trotz des größten internationalen Renommees seine Bewerbung zurückgezogen. Bleiben noch München, Gastgeber der Sommerspiele 1972, und Köln/Rhein-Ruhr, der Herausforderer. Drängt sich die Frage auf: Wen werden Sie wählen, Herr Weikert?

Auch interessant

Vorab jedoch: Mögen Sie Oscar-Verleihungen?

Thomas Weikert: An sich schon. Weil es aber ja immer nachts übertragen wird, schaue ich mir hinterher meistens die Zusammenfassungen an. Spannend ist das aber schon.

Olympia-Bewerbung: Berlin ist raus, bleiben nur noch München und NRW

Bewerbung der Region Rhein-Ruhr um die Olympischen Spiele
NRW sagt Ja zur Olympia-Bewerbung: Bekommt Köln/Rhein-Ruhr am Samstag auch den Zuschlag als deutscher Bewerber?© dpa | Christoph Reichwein

Die Entscheidung am Samstag wird etwas Hollywood-Flair haben. Sie öffnen den Umschlag, der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verliest den Gewinner.

Das ist vielleicht ein bisschen hochgegriffen. Aber nichtsdestotrotz ermitteln wir hier den deutschen Bewerber um Olympische und Paralympische Spiele für 2036, 2040 und 2044. Da denke ich, dass es angemessen ist, wenn ich den Umschlag in Empfang nehme und dem Bundespräsidenten als höchstem Vertreter Deutschlands und Schirmherrn des DOSB die Verkündung, sozusagen: das letzte Wort, gebührt. Wenn man ein nationales Anliegen hat und eben der Bundespräsident die Entscheidung verkündet, kann man eigentlich nicht falsch liegen.

Wer wäre denn aus Ihrer Sicht der ideale Sieger? Haben Sie sich schon entschieden, ob Sie München oder Köln/Rhein-Ruhr wählen?

Nein. Ich werde meinen Favoriten sicher nicht erst zwei Minuten vor der Abstimmung bestimmt haben. Aber bis zum Tag vorher brauche ich schon Zeit, um mich festzulegen.

Sie können das aber auch gerne an dieser Stelle bereits kundtun…

(lacht) Ich glaube, das spare ich mir für die Wahl auf. Wir werden nicht ohne Grund eine geheime Abstimmung haben, weil sich niemand unter Druck gesetzt fühlen soll.

Berlin zieht Bewerbung zurück: Weikert dankt den Olympia-Machern der Hauptstadt

Auch interessant

Aus drei Bewerbern wurden nun zwei. Der Rückzug Berlins ist einerseits bedauerlich, andererseits nur konsequent, oder?

Der DOSB akzeptiert und bedauert den Rückzug der Berliner Bewerbung. Gleichwohl nötigt uns dieser Schritt den allerhöchsten Respekt ab. Dass Berlin die nationale und internationale Bedeutung der Entscheidung von Baden-Baden über seine eigenen Interessen stellt, ist ein großes Zeichen von Fairness und Respekt. Es unterstreicht, dass es den Verantwortlichen in der Hauptstadt vor allem darum geht, die Spiele endlich wieder nach Deutschland zu holen. Unabhängig vom Austragungsort. Im Namen von ganz Sportdeutschland möchte ich mich ausdrücklich bei allen Berliner Verantwortlichen für die geleistete Arbeit und ihren Einsatz im Sinne einer deutschen Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele bedanken. Mein besonderer Dank gilt dem Landessportbund Berlin sowie Kaweh Niroomand.

Berliner Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele
Der Berliner Bär brüllt nicht mehr: Die Bundeshauptstadt hat ihre Bewerbung als Olympia-Kandidat zurückgezogen.© Jens Kalaene/dpa | Jens Kalaene

Man muss leider festhalten, dass die Bemühungen aus der Hauptstadt von Anfang an ohne eine Bürgerbefragung auf tönernen Füßen standen. Das IOC hätte sich selbst auf einen nationalen Zuschlag am Samstag niemals darauf eingelassen.

Eine starke Bewerbung braucht gleichermaßen eine nachweisbare politische, wirtschaftliche und vor allem gesellschaftliche Unterstützung.

Nach allem, was man aus Lausanne hört, wäre Berlin für Deutschland der einfachste Weg zu Olympischen Spielen gewesen. Ist es ein Makel, dass München oder Köln/Rhein-Ruhr allenfalls nur noch die zweite Wahl sein werden, mit der man an den Start geht?

Ich weiß nicht, was Sie hören. Wir haben mehrfach gespiegelt bekommen, dass wir drei – und mit Hamburg sogar vier – sehr gute Konzepte haben, mit denen man im internationalen Wettbewerb ein gewichtiges Wörtchen mitreden kann. Ein Bewerber aus Deutschland ist immer ein starker Bewerber.

Olympia-Bewerbung: Welche Chancen die Spiele bergen, welches Vermächtnis sie bringen

Sie sind jung genug, um die Olympischen Spiele, um die sich Deutschland bewirbt, vor Ort erleben zu können. Was sehen Sie vor Ihrem geistigen Auge?

Ich hatte das Privileg, als Präsident des DOSB und des Tischtennis-Weltverbandes mehrere Olympische Spiele erleben zu dürfen. Was ich vor meinen Augen habe, lässt sich nur schwierig beschreiben – denn sich Spiele im eigenen Land als Ausrichter vorzustellen, ist nahezu unmöglich, bis man sie nicht selbst erlebt hat. Es ist großartig zu sehen, wie sich Sportlerinnen und Sportler, aber auch Trainer, Betreuer und Funktionäre aus den unterschiedlichsten Ländern treffen, Sport treiben, sich friedlich zeigen. Diese Atmosphäre muss man erlebt haben. 

Welche Chancen bieten Olympische Spiele Deutschland?

Wir könnten zeigen, wie weltoffen unser Land ist. Wir sind bereit für die Sportler und Sportlerinnen dieser Welt. Selbst wenn es darum geht, die Sommerspiele 2036 zu uns zu holen. Ich weiß, da gäbe es gleich furchtbare Erinnerungen an die Spiele 100 Jahre zuvor. Aber ich erfahre immer wieder im Ausland, dass uns im Sport Berlin 1936 nicht mehr angelastet wird. Selbst wenn es nicht direkt die erste Möglichkeit werden sollte: Wichtig ist, dass wir Olympische Spiele überhaupt mal wieder nach Deutschland bekommen.

Auch interessant

Das IOC verfolgt gerade die Kampagne Fit for the Future. Wie fit wäre denn Deutschland aktuell, die Spiele auszutragen?

Den Aspekt der Nachhaltigkeit haben alle drei Bewerber in ihren Konzepten hervorragend aufgegriffen. Wichtig ist, dass Arenen und Hallen nicht bloß für die vier Wochen Olympische und Paralympische Spiele renoviert werden, sondern dass die gesamte sportliche Infrastruktur danach für alle nutzbar ist. Wir haben bei vielen Sportstätten und Schwimmhallen sehr viel nachzuholen. Kinder kommen dadurch weniger zum Sport, lernen unter Umständen nicht zu schwimmen. Ich erwarte, dass in der Region, die uns dann in gut zweieinhalb Jahren bei der ersten Vergabe für 2036 vertritt, einiges geschieht, der Zugang zum Sport erleichtert wird. Letztlich soll aber im ganzen Land etwas durch diese Bewerbung in Bewegung kommen.

Das Ansehen des Landes in der Sportwelt? Weikert ist auf „typisch deutsch“ wieder stolz

Olympiastadion
Schauplatz der Olympischen Sommerspiele 1972. Und auch der Spiele 2036, 2040 oder 2044? München setzt auf sein Olympiastadion.© Sven Hoppe/dpa | Sven Hoppe

Das IOC könnte mit einem Zuschlag für die Austragung als Katalysator auf diesem Wege dienen, Deutschland wieder sportlicher zu machen. Welches Standing hat der deutsche Sport aktuell in Lausanne?

Wir werden mit unserer Bewerbung am Ende starke Argumente für uns haben – das werden die internationalen Konkurrenten aber auch bieten können. Wovon sich die IOC-Mitglieder jüngst aber überzeugen konnten, ob das die Finals in Hannover oder die Weltmeisterschaften in der Rhythmischen Sportgymnastik in Frankfurt und im Reiten in Aachen waren: dass wir Großveranstaltungen picobello austragen können. Es gab mal eine Zeit, da wurde das Ansehen unseres Sports als „typisch deutsch“ bezeichnet. Gemeint war das negativ, im Sinne von: Da sind wieder die arroganten Deutschen. Das hat sich geändert, wir haben unser Erscheinungsbild verbessert. Wenn wir heute als „typisch deutsch“ gelten, dann heißt dies: Das habt ihr super organisiert. Und wir wollen wieder „typisch deutsch“ sein. Wir sagen dem IOC: Wir haben hier für die Olympischen Spiele ein hervorragendes Angebot, das ihr gerne annehmen könnt. Auch die gesellschaftliche Unterstützung, die sich nicht nur in den erfolgreichen Referenden von München und Nordrhein-Westfalen gezeigt hat, und der starke Support von vielen bekannten Wirtschaftsunternehmen wird sehr wohl wahrgenommen. 

Der ganze Bewerbungsprozess trägt den Titel, das Anliegen einer Nation zu repräsentieren. Trotzdem gibt es am Ende zwei Verlierer. Würden Sie die Auswahl wieder so gestalten?

Wahrscheinlich wird man am Samstag, wenn die Kameras in Baden-Baden auf die Vertreter der beiden Bewerber, die es nicht geschafft haben, schwenken, nicht in die fröhlichsten Gesichter schauen. Trotzdem würde ich es immer wieder so machen, denn als klar war, dass das IOC im Sommer auf kompakte Konzepte setzt, mussten wir von der Idee einer Bewerbung mit mehreren Regionen Abstand nehmen. Dennoch wollten alle damals noch vier Bewerber im Rennen bleiben. Wir haben sehr früh mit allen Ministerpräsidenten, die für ihre jeweilige Bewerbung stehen, vereinbart: Wer den Zuschlag bekommt, hat die volle Unterstützung aller anderen. Bisher habe ich den Eindruck, dass das auch so eingehalten wird. Und der ganze Prozess hat den Sport wieder in den Mittelpunkt des gesellschaftlichen und politischen Interesses gebracht. Dorthin also, wo er unserer Meinung nach als wichtige Kraft gehört. Insgesamt wurden drei Milliarden Wertschöpfung für den Sport generiert, gerade auch an der Basis. Das sind gute Argumente für den Prozess. 

Auch interessant

Ist denn das IOC mal an Sie herangetreten mit einem gut gemeinten Rat, welcher Bewerber auch im internationalen Rennen den Spitzenplatz einnehmen könnte?

Nein, nein. Auch von unseren beiden IOC-Mitgliedern gab es einen solchen Rat nicht.

Wie stehen Deutschlands Olympia-Chancen, Herr Weikert? „Laufen nichts ins offene Messer“

Das sind die frühere Turnerin Kim Bui und der Sportmanager Michael Mronz. Letzterer hat ja eine gewisse Vorgeschichte mit Olympia-Bewerbungen: Er gründete damals eine Privatinitiative, die Olympische Spiele an Rhein und Ruhr holen wollte, als das IOC bereits zur Vertragsunterschrift in Brisbane war.

Ich habe keine Zweifel an der Neutralität von Michael Mronz, er hat während des gesamten Prozesses deutlich gemacht, dass es ihm einzig und allein darum geht, Olympische und Paralympische Spiele nach Deutschland zu holen. Und als Mitglied des DOSB-Präsidiums ist er stimmberechtigt am Samstag – da ist ihm dann auch, wie allen anderen, eine eigene Meinung zuzugestehen. Aber um noch mal auf Ihre Frage davor zu kommen: Wir laufen beim IOC schon nicht ins offene Messer.

Wenn es nicht schon 2029 mit dem Zuschlag klappt, vergehen bis zu vier Jahre bis zur Vergabe der Sommerspiele 2040. So ein Olympia-Konzept lässt sich doch aber nicht so einfach in Frischhaltefolie verpacken, oder?

Tatsächlich kann ich auch nicht in die Zukunft schauen. Persönlich wäre es mir am liebsten, wenn in zweieinhalb Jahren direkt für 2036 und 2040 entschieden wird. Aber wir akzeptieren selbstverständlich das Prozedere, das das IOC vorgibt, und haben bereits eine Menge Ideen, wie wir die Olympiabegeisterung in unserem Land auch über einen langen Zeitraum am Kochen halten. Und alle Konzepte funktionieren – mit Anpassungen – für 2036, 2040 und 2044.

Deutsche Olympia-Bewerbung
Deutschland bewirbt sich um die Spiele. Am Samstag entscheidet sich in Baden-Baden, mit wem: mit München oder Nordrhein-Westfalen?© Malin Wunderlich/dpa | Malin Wunderlich

Der Bericht der Evaluierungskommission, der Sie ja auch selbst angehört haben, liegt vor. München wurde knapp besser beurteilt als Köln/Rhein-Ruhr. Wäre es für Sie als Teil des Gremiums nicht auch wichtig, wenn man sich am Ende für das Konzept entscheidet, das der Matrix entsprechend die besten Aussichten in Lausanne hätte?

Es ist niemandem zu verübeln, subjektiv abzustimmen, auch wenn objektiv etwas anderes vorgeschlagen wurde. Jeder Bewerber hat seine Stärken und Schwächen – aber jeder Wahlberechtigte hat auch das Recht zu sagen, mir ist dies oder jenes wichtiger. Ich rechne jedenfalls mit einer sehr knappen Entscheidung am Samstag. Da spielt Politik eine Rolle, aber auch der persönliche Geschmack. Es werden Nuancen entscheiden, aber das ist das Wesen der Demokratie. Am Ende entscheidet der Souverän. 

Wäre Ihnen ein klareres Ergebnis in der Evaluierung lieber gewesen?

Mir ist vor allem lieb, dass wir dank der Evaluierung drei starke Bewerbungen haben und die Bewertungen nachvollziehbar sind. Damit ist eine gute Grundlage geschaffen. Die Qual der Wahl ist besser, als sagen zu müssen: Ein Bewerber ist wirklich gut, die beiden anderen kann man vergessen.

Köln hat kein Olympiastadion, geizt aber nicht mit Tickets: 17,6 Millionen sind ein Pfund.

Das ist zweifelsohne ein gewichtiges Argument. Aber sehen Sie, wie gerade gesagt: Die finde ich beim anderen Konzept auch. Wir nehmen im DOSB seit Beginn des Prozesses keine Wertung der Kandidaten vor, und daran halte ich mich bis zum Samstag.

DOSB-Präsident Weikert über deutsche Olympia-Bewerbung: „Paris ist unser Vorbild“

Frankreich hat dem IOC 2024 quasi eine olympische Neugeburt beschert. Corona hat aus Tokio 2021 und Peking 2022 sozusagen Zombie-Spiele gemacht, Pyeongchang 2018 und vor allem Sotschi 2014 davor waren äußerst umstrittene Olympia-Orte. Wenn Paris die Freude an den Spielen zurückgebracht hat, in Lausanne wirklich alle noch unter dem Eindruck stehen und Los Angeles 2028 vor den Augen haben, muss sich der deutsche Bewerber womöglich gegen Madrid oder London gewaltig strecken.

Ihre Einschätzung kann ich durchaus teilen. Paris hat das einfach wunderbar gemacht. Weil sie zum einen die herausragenden Locations dafür haben, ich denke da nur an Beachvolleyball unterm Eiffelturm. Weil sie aber auch viel investiert haben, nun eine öffentliche Schwimmhalle mehr und die tägliche Sportstunde in der Schule haben. Damit und mit der Tatsache, dass sie dabei alles andere als überheblich, sondern herzlich aufgetreten sind, ist Paris für uns ein Vorbild. Wissen Sie was?

Bitte.

Der größte Wert Olympischer und Paralympischer Spiele ist der für die Bevölkerung, der jetzt bereits messbar ist. München führt die dritte Sportstunde im Unterricht ein – das ist ein wichtiges Signal und dringend notwendig. Genauso wie jedes gebaute oder sanierte Schwimmbad, damit Kinder nicht ertrinken, weil sie nicht schwimmen können. Egal, welche Region es am Ende aus Deutschland sein wird: Sie wird eine hervorragende Bewerbung für das sportliche Event abgeben. Wichtiger ist am Ende die Botschaft der Nachhaltigkeit für die Gesellschaft und für den Breitensport. Von Olympia profitieren alle.