In den vier Jahren seit seinem letzten Olympiasieg hatte Su Yiming vergessen, wie schwer sich eine Goldmedaille um den Hals anfühlt. Am Mittwoch bekam der Snowboarder eine Erinnerung daran, als er im Livigno Snow Park auf der Eins des Podiums stand. Der Olympiasieger im Slopestyle hatte nicht nur Chinas erste Goldmedaille bei diesen Winterspielen gewonnen, sondern das an seinem 22. Geburtstag und während des chinesischen Neujahrsfests. „Es gibt so viele Dinge zu feiern“, sagte Su lächelnd. Bronze ein paar Tage zuvor im Big-Air-Wettbewerb, den er 2022 in Peking gewonnen hatte, sei nett gewesen, aber eben nicht der erste Platz. „Es lastet definitiv viel Druck auf den Schultern, dieses Gold für Team China zu holen.“

Olympia 2026: Erst am zwölften Wettkampftag gibt es Gold für China – dann aber doppelt

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China ist kein Reich für Dritte. Gold ist das Einzige, das für die 1,4 Milliarden Einwohner zählt. Vier Jahre sind vergangen, seitdem die Winterspiele in ihrem Land zu Gast waren. Das Heim-Hoch mit 15 Medaillen, neun davon golden glänzend, und Platz vier in der Nationenwertung sollte nun in Italien bestätigt werden. Mindestens, dafür wurden 286 Athletinnen und Athleten, so viele wie noch nie bei Winterspielen im Ausland, geschickt. Doch erst am zwölften Wettkampftag wurde die chinesische Hymne gespielt. Immerhin gleich zweimal, Freestyle-Skifahrerin Xu Mengtao war am Abend noch im Aerials siegreich. Vorschriftsmäßig sandte die 35-Jährige mehr zweckerfüllend als emotional Zukunftswünsche für ihre Nachfolgerinnen nach Peking ans Zentralkomitee der Kommunistischen Partei: „Wir brauchen gute Gesundheit, einen guten Körper, um konzentriert zu bleiben und unserem Team und unseren Trainern zu vertrauen – und der Technologie zu vertrauen.“

firo: 18.02.2026
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Chinas erster Olympiasieg 2026: Snowboarder Su Yiming.© Firo | Bisi

Am Sonntag enden die XXV. Olympischen Winterspiele, doch bisher ist nicht viel von einem nationalen Erbe von Beijing 2022 zu erkennen. Der Großteil der chinesischen Mannschaft ist von Medaillen so weit entfernt wie demokratische Wahlen in der Heimat. Bis zum goldenen Mittwoch war Freestyle-Skifahrerin Eileen Gu mit zwei Silbermedaillen erfolgreichste Athletin. Die 22-Jährige ist als gebürtige US-Amerikanerin ein teurer Medaillen-Import: Durch ein fälschlicherweise veröffentlichtes Dokument des Sportministeriums wurde bekannt, dass Gu und die ebenfalls amerikanisch-stämmige Eiskunstläuferin Zhu Yi 2025 6,6 Millionen Dollar dafür erhielten, für China zu starten. Die weiteren Milliardeninvestitionen in Sportinfrastruktur und ausländische Toptrainer haben sich gelohnt: Zum Zeitpunkt der Bewerbung um die 2022er Winterspiele gab es in einem Drittel der Wintersportarten keine Nationalmannschaften, jetzt starten Chinesen in allen 16 Sportarten. „Der Wintersport entwickelt sich in unglaublichem Tempo. Ich glaube, dass wir noch viele weitere Spitzensportler aus China sehen werden“, sagte Su Yiming. Erst seit 1980 ist das Land konstant im olympischen Winter dabei, das erste Edelmetall gab es 1992 in Albertville.

China und die Erzählungen von 300 Millionen neuen Skifahrern

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Tiefgreifender ist der Wintersportwandel in der anhängigen Wirtschaft. Als der autokratische Präsident Xi Jinping die Spiele eröffnete, wollte er 300 Millionen seiner Untertanen auf Ski stellen, aus China quasi Skina machen. Der Staatslinie verpflichtet, relativiert die Nachrichtenagentur Xinhua diese Zahl: Nur 50 Millionen Chinesen sollten wirklich für den aktiven Eis- und Schneesport begeistert werden, die restlichen als Zuschauer oder Arbeiter in der Wintersportbranche damit in Berührung kommen. Xi blieb aber dabei, dass die Skiindustrie „ein Berg aus Gold und Silber“ sei. Für 2025 wurde ein Umsatz in Höhe von 137 Milliarden US-Dollar erzielt. China hat die meisten Skigebiete der Welt (778), annähernd 80 Indoor-Pisten. Wegen der staatlichen Förderung ist die Zugangsschwelle niedrig. Mit dem Hochgeschwindigkeitszug geht es von Peking aus in einer Stunde nach Chongli. Die günstigsten Tageskarten in kleineren Resorts kosten 11 Dollar, inklusive Leihausrüstung. Kinder bekommen noch eine plüschige Schildkröte dazu, um bei einem Sturz auf den Popo weich zu fallen.

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Goldlandung: Xu Mengtao ist Olympiasiegerin in den Freestyle-Aerials.© Imago | Chao

„Die Spiele haben die Verbreitung von Sportanlagen beschleunigt, wovon insbesondere die südlichen und westlichen Regionen profitiert haben”, sagt Zhang Desheng, Professor an der Wuhan Sports University. „Sie haben dazu beigetragen, eine Wintersportkultur zu fördern, wodurch die Voraussetzungen für langfristiges Wachstum geschaffen wurden.” Es ist ein Beitrag zu dem 2014 im sogenannten Dokument Nummer 46 skizzierten Plan der chinesischen Regierung, zur größten Sportindustrie der Welt mit einem Volumen von 785 Milliarden Dollar zu werden. Aber: Das Interesse am Wintersport könnte womöglich nur existent sein, solange der Staat Milliarden an Investitionen nachschiebt. Ungeachtet ökologischer Bedenken selbstverständlich, denn viele der staubtrockenen Regionen können nur mit Massen an Kunstschnee wintersportfähig gemacht werden.

Eileen Gu ist Chinas wertvollstes Testimonial

Chinas Ambitionen sind immer riesig. Vor zehn Jahren hieß es, 2030 Fußball-Weltmeister werden zu wollen. Eine Großmacht wird das Land wohl nicht mehr: Die Talentproduktion in den Akademien ist versiegt, die für die Liga verpflichteten ausländischen Stars sind weitergezogen. Beim Skifahren könne das leichter funktionieren, glaubt Chinas wertvollstes Testimonial. „Ich habe den Druck nie wirklich gespürt“, sagt Eileen Gu. „Selbst in China dachte ich außerhalb meiner Leistung nur daran, hoffentlich jemanden dazu zu inspirieren, mit dem Skifahren anzufangen.“ Den Rest erledigt das Zentralkomitee.