Dass Arianna Fontana den Italienern vielleicht nicht italienisch genug ist, lässt sich nach dem Rekordlauf der besten Shorttrackerin der olympischen Geschichte ablesen. Zwei Runden vor Ende der Staffel lag die 35-Jährige in Führung. Die 3000 Meter sind für die vier Frauen kein bloßes Rennen, sondern 27 Runden Waschmaschine, fast alle im Schleudergang. Die pure Intensität: blitzschnelle Sprints, Anschieben der Teamkolleginnen und maximale Kontrolle auf engstem Raum. Dazu die Besonnenheit: kluge Entscheidungen, Cleverness und trotzdem Wagnis. Arianna Fontana war auf dem Weg zur vierten Goldmedaille ihrer Karriere, doch dann rauschte die Südkoreanerin noch an ihr vorbei. „Verdammt, ich habe sie gar nicht kommen hören“, sagt sie später, „es tut mir leid wegen des letzten Wechsels, ich habe wirklich daran geglaubt.“

14 Olympiamedaillen für Arianna Fontana – unerreicht in Italien

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Die Arena in Assago, im Süden von Mailand gelegen, ist schon in die Jahre gekommen. Die Betontribünen wackeln bedenklich, als die Zuschauer das 26. Edelmetall für die Azzurri bei diesen Winterspielen mit einem Jubelsturm belohnen. Während Arianna Fontana an der meterdicken Schaumstoffbande ihre Hände in die ihres Trainers Anthony Lobello legt und noch sprachlos wirkt, lässt ein paar Meter weiter Arianna Sighel ihren Emotionen freien Lauf. Ein halbes Dutzend spontaner Partygäste findet sich dort ein, darunter ihr Bruder Pietro, der sich mit der 29-Jährigen über ihr erstes olympisches Edelmetall freut. Kurz danach erkennt auch Arianna Fontana den Wert ihrer insgesamt 14. Medaille: „Sie so mit den Mädels hier gewonnen zu haben, ist unglaublich. Das Publikum war fantastisch. Wir nehmen eine Silbermedaille mit nach Hause, die schwer wiegt.“

firo: 18.02.2026
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Frauen Damen Shorttrack 3000 Meter Staffel
Kanteneinsatz auf engstem Raum: Arianna Fontana (rechts) in der Staffel gegen Südkoreas Gil-li Kim.© Firo | Carabelli

Würde sich Arianna Fontana sämtliche Medaillen um den Hals hängen, drohte die 1,63 Meter große, blonde Sportlerin vermutlich vorneüber zu fallen. Kein Olympionike aus dem Stiefelland hat mehr Gold, Silber und Bronze gewonnen als sie. Der Pfeil von Berbenno, wie sie genannt wird, weil sie aus der kleinen Gemeinde nahe des Comer Sees stammt, war bei der ersten Bronzemedaille in Turin 2006 noch ein Mädchen, nicht mal 16 Jahre alt. 20 Jahre danach ist sie offiziell Frau Lobello, ihr Trainer ist ja auch ihr Ehemann, und mit 14 Edelmetallen die meistdekorierte Sportlerin ihres Landes. Mit dem Staffelsilber überholt sie Edoardo Mangiarotti, wobei der Fechter 1960 in Rom auch zum sechsten Mal Olympiasieger wurde. „Schön, dass es eine Frau war, die ihn geschlagen hat“, richtet dessen Tochter Carola Mangiarotti aus. „Papa wäre glücklich gewesen.“ Fontanas Ausbeute: dreimal Gold, sechsmal Silber und fünfmal Bronze.

Olympia 2026: Der Unterschied zwischen Fontana sowie Lollobrigida und Brignone

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Macht das die Frau, die als einzige zweimal die grün-weiß-rote Trikolore bei Eröffnungsfeiern von Olympischen Spielen trug, zu einer Volksheldin und Sportlegende? Certo, natürlich. Feiern die Italiener sie deshalb wie die gleichaltrigen Doppel-Olympiasiegerinnen von Mailand und Cortina, Eisschnellläuferin Francesca Lollobrigida und Skifahrerin Federica Brignone? Che tragico, sicher nicht.

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Siegerkuss vom Ehemann und Trainer: Arianna Fontana und Anthony Lobello.© PA | Phillip

Zwar ist für Italien bei Winterspielen nichts so sicher wie eine Medaille für Arianna Fontana. Bei allen sechs Auftritten von Turin bis Mailand stand sie auf dem Siegerpodest, einige Fans reißen Pappplakate mit ihrem Konterfei hoch, auf dem sie die Zunge rausstreckt. Doch Pietro Sighel beschmutzte nach dem Mixed-Team-Wettbewerb ihr Ansehen, als er tönte: „Wer kennt schon Arianna Fontana? Seit acht Jahren trainiert sie im Ausland. Mit ihr sind wir sicherlich kein Team – abgesehen von den zweieinhalb Minuten auf dem Eis.“ Der 26-Jährige ließ zu dem Zeitpunkt willentlich außer Acht, dass im Mixed die Teamkollegin ihm einen so großen Vorsprung herausgefahren hatte, damit er in einem Anflug von Überheblichkeit noch eine 180-Grad-Drehung springen und den Verfolgern ins Gesicht jubelnd rückwärts über die Ziellinie zu Gold fahren konnte.

Arianna Fontanas Vergehen: Um Medaillen für Italien zu holen, ging sie ins Ausland

Sighel unterstellte Fontana, eine Individualistin zu sein, die Italien zu wenig davon zurückgebe, was das Land ihr ermöglicht habe. Ihr amerikanischer Mann trainiert sie in den USA und Kanada, was für den Goldkollegen nicht genügt, um ein nationales Sportheiligtum zu werden: „Die wirklich Guten sind unsere Mädchen, die es geschafft haben, ein Team zu bilden und auch ohne sie zu wachsen.“ Fontana nannte den Kritiker nicht ihrer Aufmerksamkeit wert und erklärte ihren Trainingsschwerpunkt jenseits des Atlantiks mit besserer Infrastruktur fürs Shorttrack. Was ja kein Phänomen ist, Italiens 100-Meter-Olympiasieger Marcel Jacobs oder Deutschlands Zehnkampf-Goldgigant Leo Neugebauer suchten den Mix aus sportfokussierter Mentalität und perfekt aufeinander abgestimmten Trainingsmöglichkeiten ebenfalls im Ausland.

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Ehemann Anthony sei deshalb „das Genie hinter meiner Vorbereitung“. Der Streit um ihn reicht bis zu den Peking-Spielen zurück, als Fontana beklagt hatte, ihr trainierender Gatte würde für seine Arbeit nicht ausreichend vom Verband anerkannt. Damals stand sogar im Raum, die Staatsbürgerschaft zu wechseln, der Sportminister schaltete sich ein.

In Italien werden verdiente Fußballroutiniers als Senatoren geadelt. Die Shorttrack-Senatorin ist sich nach der 14. Medaille der Zuneigung ihrer Lieben sicher: Ihr Mann umarmt sie, auf der Tribüne ruft die Familie „Forza Fontana!“ An diesem Freitag bricht die Ausnahmesportlerin über 1500 Meter zu ihrer finalen olympischen Medaillenchance auf. Zeit, dass die Italiener Arianna Fontana als ihrer würdig betrachten.