Schneebälle prallten dumpf gegen Bäume. Wenn Johannes Hoesflot Klaebo schreien wollte, hatte er fünf Minuten, alles herauszulassen. Als Teenager hatte seine Mutter Elisabeth eine klare Regel aufgestellt: Nach einem Langlaufrennen durfte ihr Sohn unter den Absperrungen hindurchschlüpfen, in einem ruhigen Waldstück seiner Frustration freien Lauf lassen. Doch wenn die fünf Minuten abgelaufen waren, musste er sich wieder sammeln, seinen Freunden gratulieren und weitermachen, als wäre nichts gewesen. Es war die Zeit, als Klaebo sich mit 14 Jahren erstmals ambitioniert Skier unter die Füße schnallte. Sein Talent war offensichtlich, er aber körperlich sämtlichen Gleichaltrigen unterlegen. Dass dieser Junge aus Trondheim einmal der größte Wintersportler der Geschichte werden sollte? Unvorstellbar 2011.

Olympia 2026: Johannes Hoesflot Klaebo übertrifft Björgen, Daehlie und Björndalen

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Aber das ist Johannes Hoesflot Klaebo nun. Der beeindruckendste Langläufer. Der erfolgreichste Winterolympionike. Seine Dominanz in der Loipe ist so überwältigend, dass der 29-Jährige auch an diesem Sonntag in Tesero als Schlussläufer seiner Staffel beim Überqueren der Ziellinie majestätisch wirkt. Ohne Hofknicks, aber wie ein König, der seinen Thron besteigt. Das Fleimstal gratuliert mit Kaiserwetter. Alleine ist der Norweger schon kaum zu besiegen, nun hat er seine individuell größten Konkurrenten mit in seinem Team, die mit einer großen Fahne auf den Größten warten.

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Im Ziel warten die drei Staffelkollegen und Norwegens Fahne in Übergröße auf den Rekordmann.© AFP | Tobias Schwarz

Schon wieder Olympiasieger. Zum vierten Mal bei diesen Winterspielen. Der neunte Triumph insgesamt – und damit einer mehr, als seine Landsleute Marit Björgen, Björn Daehlie (beide Langlauf) und Ole Einar Björndalen (Biathlon) haben. „Das hört sich wunderbar an, ein wundervoller Titel“, sagt Klaebo, die Augen feucht, und richtet Dankesworte an die Mitstreiter: „In Norwegen ist die Staffel sehr wichtig, und bei den letzten Olympischen Spielen in Peking waren wir nicht erfolgreich.“ Sein persönlicher Olympia-Siegeszug erreicht indes nach Pyeongchang 2018 (dreimal Gold) und Peking 2022 (zweimal Gold) in Tesero seinen Höhepunkt. In den nächsten Tagen kann er noch den Teamsprint und den Marathon über 50 Kilometer gewinnen, im Olympiakosmos damit den US-Eisschnellläufer Eric Heiden übertrumpfen, der 1980 in Lake Placid fünfmal bei ein und denselben Spielen Gold gewann.

Klaebos und Norwegens Erfolgsrezept im Wintersport: Friluftsliv, das Leben im Freien

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Johannes Hoesflot Klaebo verschiebt die Grenzen seines Sports. Er sieht Neigungen an einem Berg, die Konkurrenten verschlossen bleiben. Er plant sein Rennen minutiös, weiß genau, wann und wo er angreift. Im Sprint ließ er den Amerikaner Ben Ogden am letzten steilen Anstieg stehen wie einen Schuljungen. Die härteste Prüfung in Norditalien war für Norwegens Volksheld das Intervallrennen im freien Stil, weil er zehn Kilometer lang beim Lauf gegen die Zeit seine Gegner nicht unmittelbar um sich herum hatte. „Ich habe noch nie in dieser Disziplin gewonnen“, sagt Klaebo. „Das bei Olympia zu schaffen, ist der Wahnsinn.“ Das Rennen dauerte 20 Minuten – doch für die Leistung brauchte ein ganzes Leben.

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Ab jetzt die Nummer eins im Winter: Johannes Hoesflot Klaebo, neunmaliger Olympiasieger.© AFP | Tobias Schwarz

Die sportliche Vita Klaebos ist wie Norwegens Gesamterfolg im Wintersport eng mit dem Konzept des Friluftsliv verbunden – dem Leben im Freien. In dem skandinavischen Land gibt es mehr als 1000 Skiklubs, einen pro rund 5000 Einwohner. In Trondheim liegt von November bis April Schnee, perfekte Bedingungen für Kinder, gemeinsam Zeit an der frischen Luft zu verbringen. In der Pubertät fehlen ihm Kraft und Ausdauer. Trotzdem fasst er mit 15 einen Entschluss: Johannes sagt seinem Großvater Kare, er wolle der beste Skifahrer der Welt werden. Sie entwerfen Trainingspläne, lassen sich von YouTube-Videos vom 2010er Olympiasieger Petter Northug inspirieren. Mit 17 setzt ein Wachstumsschub ein, nur ein Jahr später wird der heute 1,83 Meter große Langläufer nahezu unbesiegbar.

Johannes Hoesflot Klaebo: Rollskifahren in den Rocky Mountains und völlige Askese

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Der Erfolg von Johannes Hoesflot Klaebo ist Familiensache. Opa Kare trainiert ihn bis heute, Vater Haakon stimmt ihn traditionell eine Stunde vor jedem Rennen ein, um „den Motor zu starten“. Doch wovon den 15-maligen Weltmeister, der vielen in der Heimat zu perfekt erscheint, weshalb sie den schillernden Northug mehr verehren, niemand befreien kann: vor seiner Phobie vor Krankheiten. Er selbst isoliert sich regelmäßig, in Tesero halten Haakon Hoesflot und Klaebos amerikanische Physiotherapeutin Megan Rowlands Stowe Abstand zum restlichen Team. Sie tragen sogar beim Einkaufen Masken, um Johannes nicht anzustecken. Seine Mutter Elisabeth Klaebo und seine Verlobte Pernille Dosvik verfolgen die Rennen weiter oben an der Strecke, mitten in den dichtesten Zuschauermengen. „Manchmal“, sagt Johannes Hoesflot Klaebo, „wünschte ich, ich hätte eine Sportart gewählt, bei der eine Erkältung nicht so schlimm ist.“

So über Jahre hinweg zu leben, ist nicht gesund.“

Johannes Hoesflot Kaebo, über sein Pensum, um erfolgreichster Winterolympionike zu werden

Dabei bringt er physische Voraussetzungen mit wie kaum ein anderer Langläufer. „Sein Körper ist bemerkenswert – schlank, schnell, extrem effizient“, sagt Rowlands Stowe. Sie betreute mehr als ein Jahrzehnt die NBA-Basketballer der Milwaukee Bucks, ist nun wichtigste Helferin des Norwegers. Ihre Fähigkeiten kommen erst recht bei den Höhentrainingslagern zum Tragen, wenn er sich in der Herbstonne der Rocky Mountains auf 2100 Metern auf Rollskiern schindet, um mehr rote Blutkörperchen für seinen Ausdauersport zu bilden. Doch die Askese zerrt an Körper und Nerven, Johannes Hoesflot Klaebo sehnt sich danach, wieder normale Dinge zu tun: Wein trinken, Brot essen, eine Hütte bauen. „So über Jahre hinweg zu leben, ist nicht gesund“, sagt er. Vielleicht beflügeln ihn ja noch ein zehnter und elfter Olympiasieg in Tesero, in ein anderes Leben zu wechseln.