Wenn das letzte Tor umfahren ist, die letzte Kippstange beiseite gedrückt ist, sie ihre Ski laufen lassen kann, einen nach vorne schiebt, um vielleicht noch Sekundenbruchteile beim Überqueren der Ziellinie herauszuholen, beginnt für Emma Aicher eigentlich erst der anstrengende Teil eines Rennens. Im Pistenauslauf schießen dann beim Blick auf die Zeitanzeige alle Emotionen heraus, die 22-Jährige kann mit den Zuschauern jubeln oder sich über den Außenskifehler ärgern. Wenn sie dann im eher künstlichen Terrain, wo Reporter auf Sportlerinnen und Sportler treffen, ihre Zeit erklären soll, wird schnell klar: Emma Aichers Welt spielt sich oben auf dem Berg ab, am Steilhang, in der Kompression, beim Sprung. Und nicht unten im Tal, wo von ihr eher große Worte als große Kunststücke auf den Skiern erwartet werden.
Emma Aicher: Mal Zurückhaltung, mal markige Sprüche
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Emma Aicher kann zu diesem noch recht frühen Zeitpunkt der Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina d’Ampezzo mit Fug und Recht behaupten, in allen Höhenlagen der Olimpia-delle-Tofane-Piste überzeugt zu haben. Vier Hundertsekunden trennten sie in der Lindsey-Vonn-Drama-Abfahrt vom Gold, deren fünf beim zweiten Silber in der Team-Kombination an der Seite von Kira Weidle-Winkelmann. Wimpernschläge allenfalls. Die Verbandsvorgabe von einem Edelmetall ist bereits doppelt erfüllt, im Super-G an diesem Donnerstag (11.30 Uhr/ZDF) ist die dritte Medaille möglich. Vor den Kameras sowie Aufnahmegeräten erfüllt sie ebenso alle Erwartungen, wo sie sich sonst eher wortkarg gibt, nicht zu Unüberlegtheiten locken lässt, die Selbstironie der Selbstinszenierung vorzieht. Beispiele gefällig? Bitte. „Ich war diesmal brutal nervös – ich ging mir selber schon auf den Sack.“ Und: „Ich habe versucht, Gas zu geben. Warum soll ich auf Sicherheit fahren? Es geht um eine Medaille.“ Ebenso: „Druck haben wir jetzt wirklich gar keinen mehr. Wir können machen, was wir wollen.“
Ach, das tut Emma Aicher doch sowieso. Was sie ja auch so an ihr schätzen beim Deutschen Skiverband. Sie ist eine Spezialistin für die kurzen Schwünge und weiten Radien: Kaum eine Protagonistin im Skizirkus, die in so jungen Jahren schon in allen vier Rennformen (Abfahrt, Super-G, Riesenslalom, Slalom) zur Weltspitze gehört. Sie fährt generell alle Rennen, „ich bin ja auch selten müde“. Egal, wie der Wettkampf im Biathlon heißt: Es geht immer um Laufen und Schießen. Zwischen alpinen Speed- und Technikdisziplinen zu switchen ist jedoch mehr, als sich die richtigen Ski in entsprechender Länge und Taillierung unterzuschnallen. Geschwindigkeit und Fahrweise sind grundverschieden, wenn sie in der Abfahrt rund und geschmeidig manchmal erst alle 90 Meter eine Stange umkurvt, während im Slalom häufig schon nach sechs Metern die Fahrtrichtung geändert werden muss. Emma Aicher bleibt immer: cool und nervenstark.
DSV-Sportchef vergleicht Emma Aicher mit Maria Höfl-Riesch
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Sie besitzt ein einzigartiges Skigefühl, fährt nicht immer die tiefste Hocke oder die aggressivste Linie, drückt die Bretter an ihren Füßen aber so in den Schnee, um Tempo, Tempo, Tempo aufzunehmen. Aicher lebt ihren Sport mehr aus der Intuition und nicht aus den Ansagen der Trainer heraus. „Die Emma macht am liebsten, was die Maria schon gemacht hat“, sagt DSV-Sportdirektor Wolfgang Maier, der als Alpindirektor mit Maria Hölf-Riesch drei Olympiasiege erlebte. „Sie fährt doppelt so viel Ski wie alle anderen, trainiert Kondition im Schnee.“ Als Trainer müsse man sich speziell auf Deutschlands talentierteste Allrounderin einlassen, was die Hochgelobte locker kontert: „Ich kenne mich am besten. Ich mag schon Tipps der Trainer – aber es muss auch nicht viel geredet werden.“

Emma Aicher gibt dem DSV, wofür dieser vor zehn Jahren so sehr kämpfte. Sie ist Halbschwedin, lebte bis dahin mit ihren Eltern Veronika und Andreas sowie dem jüngeren Bruder Max in Sundsvall, 340 Kilometer von Stockholm entfernt. Zu Hause wurde Schwedisch gesprochen; Deutsch mit bayrischem Einschlag erlernte sie erst, als sie 2016 in die Heimat des Vaters zog. Auf DSV-Einladung schaute sie sich für ihre sportliche Zukunft die Voraussetzungen am Skigymnasium Berchtesgaden an. Nach einigen Schnuppertagen entschied Aicher, dass alles passt – „dann bin ich dageblieben“. Seit November 2021 startet sie für Deutschland im Weltcup, wenige Monate danach war sie schon Teil des Silber-Quintetts bei den Olympischen Spielen in Peking.
Emma Aicher: Skifahren für Deutschland, Köttbullar in der Küche, zu Hause in Salzburg
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Mit 16 das Elternhaus zu verlassen, ist ein großer Schritt. Zurück nach Schweden wollte sie nicht mehr: „Ich bin schon gerne daheim, aber es macht mir auch nichts aus, wenn ich unterwegs bin.“ Köttbullar bleiben aber ihr Lieblingsgericht, „die kann ich sogar kochen“. Ihre neue Heimat ist Salzburg, dort lebt Emma Aicher in einer WG mit Nella Krauß, Sprössling des früheren österreichischen Skistars Hans Knauß. Da, wo mal keine Journalisten in Reichweite sind, wird Emma Aicher als ganz anderer Mensch beschrieben. Offen, immer lustig, manchmal auch laut. Sie nimmt sich weder zu ernst noch zu wichtig. „Es ist schwer, die Emma nicht zu mögen“, sagt ihre Silberkollegin Kira Weidle-Winkelmann.
Es ist schwer, die Emma nicht zu mögen.“
Kira Weidle-Winkelmann, über ihre Silberkollegin in der Team-Kombination
Skifoahn und Spaß hoam – das ist Emma Aichers Maxime, ob sie auf Skiern steht oder im Café in der Getreidegasse in Salzburg sitzt. Sie lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, von nichts beeinflussen. „Es wird ganz entscheidend sein“, sagt Wolfgang Maier, „dass man ihr diese Leichtigkeit lässt, sie sich nicht die Freude am Skifahren nehmen lässt.“ Im Alpenraum sagt man dazu: Scheiß da nix, dann feid da nix. Ob’s denn noch eine andere Medaillenfarbe sein darf in Cortina? „Ja“, sagt Emma Aicher und denkt dabei sicher nicht an Bronze.





