Im Prinzip ging es darum, sich treu zu bleiben. Wort zu halten. Insofern fielen die Emotionen bei Claudia Pechstein in dem Augenblick, als sie nicht nur sprichwörtlich, sondern tatsächlich ihre Schlittschuhe an den Nagel hing, etwas weniger intensiv aus, als sie sich das früher mal vorgestellt hatte. Natürlich war sie bewegt, aber die vielen Tränen blieben aus.

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Die Eisschnellläuferin aus Berlin konnte sich ja ein paar Tage vorbereiten auf diesen Moment. Am 27. Februar hatte ihr Team um Manager Ralf Grengel und Matthias Große, Lebensgefährte sowie Präsident der Deutschen Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft (DESG) mit dem Weltverband ISU eine Einigung erzielt, die Pechstein rehabilitierte. „Ich bin total glücklich, es fällt so viel ab“, erzählte sie. Ganze 16 Jahre und drei Wochen dauerte es, um nach einer Sperre wegen vermeintlichen Dopings endlich alles hinter sich lassen zu können.
Claudia Pechstein: Rücktritt nach Ende von jahrelangem Rechtsstreit
Auch die aktive Laufbahn. „Der Kampf war für mich eigentlich Motivation, weiterzumachen. Ich habe immer gesagt, wenn der Kampf vorbei ist, höre ich auf“, so die inzwischen 53 Jahre alte Athletin, die in der vergangenen Saison noch im Weltcup gestartet war. Im Müggelturm, der Große gehört, kamen ihr Lebensgefährte und ihr Manager nun auf sie zu mit einer Tafel und zwei Haken. Pechstein hängte ihre Schlittschuhe dran.
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Das war’s also. „Mir reicht es eigentlich schon eine ganze Weile“, erzählte die fünffache Olympiasiegerin. In den vergangenen fünf Jahren habe sie an der Startlinie gestanden und sich gefragt, was sie dort eigentlich mache. Doch seit ihrer Sperre liefen nebenher viele Prozesse, die sie immer wieder an ihr Limit brachten. Die sie mithilfe ihres Teams aber durchstand. Was sie auf dem Eis zu vielen bemerkenswerten Leistungen bewegte. „Ich habe versucht, immer wieder präsent zu sein, der ISU immer wieder mein Gesicht zu zeigen, mit Leistung zu glänzen“, so Pechstein.

Viele dieser Leistungen wurden bei einer Pressekonferenz im Müggelturm nun noch einmal gewürdigt. Dazu hatte das Team Pechstein viele Gäste eingeladen, es gab Champagner. Denn die Einigung im längsten Rechtsstreit der Sportgeschichte musste entsprechend gefeiert werden. „Ich bin frei. Und dankbar“, sagte Pechstein. Es sei eine „unfassbare Befreiung für das Team Pechstein“, so DESG-Präsident Große. Lange habe niemand daran geglaubt, dass solch ein Ende möglich sei.
Durchbruch nach jüngster Verhandlung in München
Erst mit der jüngsten Verhandlung vor dem Oberlandesgericht München im Oktober 2024 wurden die Weichen gestellt. Da bei der ISU die handelnden Personen über die Jahre gewechselt haben, wurden Barrieren aufgebrochen, der gegenseitige Hass, von dem Große sprach, verlor an Kraft. „Menschlichkeit hat gesiegt“, so der Lebensgefährte von Pechstein. Vom juristischen Standpunkt aus wären wohl auch weitere jahrelange Gerichtsverhandlungen möglich gewesen.
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Weil beide Seiten endlich aufeinander zugehen konnten und zu einer „außergerichtlichen Versöhnungserklärung“ (Große) fanden, sollen die Details weiterhin intern bleiben. Über vier Millionen Euro Schadensersatz und eine Rehabilitierung standen als Forderung gegen die ISU zuletzt im Raum. „Die ISU würdigt die sportlichen Leistungen von Frau Pechstein und begrüßt ihren künftigen Beitrag zur Entwicklung der Athleten und des Eisschnelllaufsports“, hieß es vom Weltverband nun.

Um diese Versöhnung zu erzielen, hatte sich die Berlinerin eigens noch einmal gemeinsam mit ihrem Vater auf seinen Test eingelassen, der ihr erneut eine vererbte Blutanomalie bestätige, die bei ihr für erhöhte Werte der Retikulozyten (junge, rote Blutkörperchen) sorgte. Diese wurden damals als indirekter Beweis für Blutdoping betrachtet. Was Pechstein stets bestritt.
Heftige Kritik von DESG-Präsident Große an System und DOSB
Ihr Wettlauf um Gerechtigkeit wurde ein beispielloser Marathon in der Sportgeschichte. Was Große als Versagen des Systems anprangerte. Er wies ebenso dem Deutschen Olympischen Sportbund nach dem Ausscheiden von Präsident Alfons Hörmann eine schlechte Rolle zu, da Pechstein als eine der renommiertesten Athletinnen des Landes keine mehr Unterstützung erfuhr.
Dennoch ging letztlich alles gut aus für die Berlinerin. Weshalb man die Berlinerin im Müggelturm so gelöst sah wie selten. Ein Buch soll bald erscheinen über ihren Gerechtigkeitskampf, ein Film auch. Sportlich werden die Ziele neu gesteckt. „Ich möchte Eisschnelllauf wieder erfolgreich machen, meine Erfahrung möchte ich den jungen Athleten rüberbringen“, sagte sie. Ihr Diplom als Trainerin hat sie in der Tasche. Es geht also weiter.






