Der Helm verhüllte den Blick in das Gesicht, aber die Hand von Emma Hinze verriet die Emotionen. Kurz nach dem Zieleinlauf wischte sie mit ihren Fingern unter dem verspiegelten Visier umher. Ganz ungewohnt für die 22-Jährige kamen ihr einfach die Tränen. „Ich kann es nicht glauben. Ich habe noch nie geweint, wenn ich etwas gewonnen habe. Aber das ist ein so besonderer Moment“, sagte die Cottbusserin.
Unfassbar war der Augenblick, nach dem Sieg im Teamsprint gewann sie zwei Tage später bei der Bahnrad-WM in Berlin bereits den zweiten Titel. So souverän holte sie Gold im Sprint, obwohl sie noch nie einen Weltcup in dieser Disziplin gewonnen hat. „Das ist ein Traum“, so Hinze, die ihre Ehrenrunde mit Deutschlandfahne drehte und mit ihren Leistungen zum neuen Liebling der Zuschauer im Velodrom avanciert. Wobei ihr Lea-Sophie Friedrich kaum nachsteht. Die 20-Jährige siegte am Sonnabend im 500-Meter-Zeitfahren. „Es ist so unfassbar krass: Deutschland hat nach drei Sprintwettbewerben bei den Frauen drei Goldmedaillen – und das im Olympia-Jahr. Ich bin einfach nur stolz, dass wir das so rocken können“, sagte Friedrich.
Hinzes und Friedrichs große Auftritte kommen zur rechten Zeit für den Bund Deutscher Radfahrer (BDR). Über die vergangenen Jahre wurde versucht, den Bahnradsport wieder mehr in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Nach einer langen Periode ohne große Wettkämpfe in Deutschland organisierte man 2017 die Europameisterschaften, 2018 einen Weltcup, 2019 fanden die nationalen Titelkämpfe im Rahmen der Finals statt, wo gleich zehn Sportarten ihre Meister suchten. Und nun die WM. „Sie ist der Höhepunkt der Serie“, sagt BDR-Präsident Rudolf Scharping: „Aber längst nicht das Ende der Ideen, was den Radsport in Berlin angeht.“
Lange Pause bis zur nächsten Großveranstaltung nach WM 1999
Mit Berlin, mit dem Velodrom ist die Serie untrennbar verbunden. Alle vier großen Wettkämpfe fanden hier statt. Dafür hat der Senat 2017 viel Geld investiert, die Holzbahn 20 Jahre nach der Eröffnung komplett erneuern lassen für 1,6 Millionen Euro. „Es freut uns sehr, dass diese Stadt wieder so in den Fokus dieses Sports rückt“, sagt Andreas Geisel (SPD), Senator für Inneres und Sport. Sein Ressort unterstützte zudem die vielen Veranstaltungen enorm, für die WM steuerte der Senat zwei Millionen Euro bei.

Doch wie geht es nun weiter? Eine interessante Frage, denn schließlich fand 1999 zwei Jahre nach der Eröffnung schon mal eine WM in Berlin statt. Und bis 2017 rollten dann nur noch die Sechstagefahrer über die Bahn im Velodrom. „Klar ist, mit der Weltmeisterschaft soll nicht Schluss sein“, so Geisel. Scharping denkt für den BDR allerdings nicht nur bahnorientiert. „Der Radsport fühlt sich wohl hier. Berlin hat eine Vorreiterrolle übernommen in Zeiten, in denen es schwierig war“, so der Präsident: „Die Deutschland-Tour hatte mal in Berlin ein Riesenevent organisiert, das kann man auch überlegen für die Zukunft.“
Nach Corona-Verdacht: Däne Mörköv darf im Madison starten
Von Straßenrennen hält Geisel aber wenig. „Wir bewerben uns mit dem Velodrom für weitere Großereignisse, wir haben gute Voraussetzungen geschaffen“, so der Sportsenator, der darüber aber nur gemeinsam mit dem BDR entscheiden kann. Konkret sind bislang allerdings lediglich „Finals 2021“, die dann wieder in Berlin stattfinden sollen. Deutsche Meisterschaften also. Doch Geisel gibt sich optimistisch, dass das mittelfristig nicht alles sein wird: „Wir wollen es ausschließen, dass es wieder eine so lange Pause gibt im Velodrom. Aber nach so einer Serie ist es jetzt auch schwer, gleich wieder Veranstaltungen zu holen.“
Ein paar Jahre dürfte es also dauern, bis die Weltelite wieder komplett zu sehen ist im Velodrom, in dem nun auch der Däne Michael Mörköv im Madison starten darf. Dagegen hatte es zunächst Bedenken gegeben, weil er von der wegen eines Corona-Verdachts abgebrochenen Emirate-Tour angereist war. Doch Mörköv sei gesund und bereit für den Sonntag, hieß es. Am Abschlusstag dürfte sich das Interesse aber weniger auf den Dänen denn auf Emma Hinze konzentrieren. Sie tritt im Keirin an und kann ihr drittes Gold in Berlin gewinnen.


