Es fiel ihnen nicht ganz leicht, die Freude zu kanalisieren. Zu viele Eindrücke prasselten auf einmal hernieder auf die drei jungen Frauen. Das Publikum im Berliner Velodrom feierte die erste Goldmedaille für die Auswahl des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR), und mit den Zuschauern wollten Emma Hinze, Pauline Grabosch und Lea-Sophie Friedrich natürlich mitfeiern. Aber da waren auch noch die Betreuer, die ihre grenzenlose Freue teilen mochten. Und plötzlich standen die beiden Frauen neben ihnen, die bis vor Kurzem noch eine Ära geprägt hatten. Sie wollten ebenso mitjubeln.

In atemberaubender Manier hatten Hinze (Cottbus/22), Grabosch (Erfurt/22) und Friedrich (Dassow/20) zum Auftakt der Bahnrad-WM in Berlin den Teamsprint gewonnen. „Diesen Tag werde ich in meinem Leben nicht vergessen, davon habe ich immer geträumt“, sagte Grabosch, die mit Friedrich in der Qualifikation gefahren war und dann zusammen mit Hinze den Titel perfekt machte. Die Erfurterin kennt das Gefühl zwar, ganz oben auf dem Podest zu stehen. Schon 2018 war sie Weltmeisterin, als sie neben der großen Kristina Vogel und ihrer Partnerin Miriam Welte einen der drei WM-Läufe bestreiten durfte.

Hinze mit bester Schlussrunde der Geschichte

Diesmal war Grabosch in allen drei Läufen am Start. Denn Vogel musste ihre Karriere im Sommer 2018 nach einem Trainingsunfall mit einer Querschnittslähmung beenden. Welte hörte im vergangenen Herbst auf. Hinze ist jetzt die überragende Athletin, Friedrich das vielversprechende Talent „Die Wachablösung ist sowas von geglückt!“, sagte Welte. Fast zu drastisch drückte Vogel ihre Gedanken aus: „Vielleicht war es auch das Richtige für sie, dass die zwei Alten weg sind und Platz für Neue machen.“ Vier Mal waren Welte und Vogel Weltmeisterinnen im Teamsprint geworden, 2012 sogar Olympiasiegerinnen.

Wie der Übergang verlaufen würde, war lange keine leicht zu beantwortende Frage. In Berlin aber gaben die drei jungen Frauen, die schon in dieser Weltcupsaison immer wieder starke Ergebnisse lieferten, eine sehr klare Antwort, ließen im Finale Australien keine Chance. „Es fühlt sich immer noch an wie ein Traum. Ich dachte, ich spinne. Dass wir so schnell gefahren sind, ist unfassbar“, so Hinze. Sie legte auf der zweiten Position im Finale die schnellste Schlussrunde (13,392 Sekunden) der Geschichte hin. Selbst die elffache Weltmeisterin Vogel stieg nie in diese Dimension vor. „Das bedeutet mir sehr viel. Selbst der Bundestrainer war echt baff, das will schon was heißen. Das war echt super cool“, sagte Hinze.

Grabosch gelingt der Sprung aus dem mentalen Tief

Bundestrainer Detlef Uibel wusste immer um die Fähigkeiten seiner Schützlinge, nur ob diese schnell die Stabilität und Nervenstärke der einstigen Bahnrad-Frontfrauen erreichen würden, darüber war er sich nicht im Klaren. „Sie haben es perfekt geschafft, die Verantwortung, die auf ihnen lastet, zu tragen. Und was mich besonders stolz macht: Sie sind miteinander gefahren, haben nicht gegeneinander um Positionen gekämpft, haben im Training harmoniert“, erzählte Uibel, der sehr beeindruckt wirkte.

Sicher auch ob der Entwicklung von Pauline Grabosch. Als Trainingspartnerin von Vogel erlebte sie den verheerenden Sturz in Cottbus vor gut eineinhalb Jahren mit. Das überforderte sie nervlich über viele Monate, sie fiel in ein Loch, die Leistungen stagnierten. „Das ist für mich jetzt nicht mehr so das große Thema, ich habe mich neu fokussiert, hatte Vertrauen in mich selber, Vertrauen in die zwei Mädels. Das ist die Hauptsache gewesen. Wir alle haben uns neu sortiert“, sagte die Erfurterin. Sie konnte die Zweifel hinter sich lassen und zu neuer Stärke finden.

Ab 2021 fahren die Frauen wie die Männer zu dritt

Dass alle drei sich sehr gut verstehen und ergänzen, half dabei. Und das wird auch der Schlüssel für die nächste große Aufgabe, die vor ihnen liegt. Mit ihrem phänomenalen WM-Auftritt gibt es nun keinen anderen Favoriten für die Olympischen Spiele als die neuen deutschen Goldmädels. „Gold bei der WM, besser geht es nicht. Aber vielleicht kann ich bis Tokio doch noch was drauf packen“, erzählte Hinze. Grabosch nahm der Konkurrenz schon mal mit Worten jegliche Hoffnung darauf, dass die Verhältnisse sich schnell wieder ändern könnten. „Die anderen können sich warm anziehen. Ich glaube, wir können noch was rausholen.“ Allerdings bringt die neue Favoritenrolle auch mehr Druck mit sich. „Wir müssen versuchen, positiv damit umzugehen“, sagte Hinze.

Erfreulich dürfte in jedem Fall die Entwicklung werden, die der Weltverband UCI für den Teamsprint bereithält. Ab 2021 wird wie bei den Männern mit drei Frauen pro Lauf gefahren. „Wir haben schon gute Karten, weil wir drei schnelle Fahrerinnen haben. Das kommt uns entgegen, das haben nicht alle Nationen“, sagte Hinze, die mit ihren Kolleginnen über gute Voraussetzungen verfügt, eine neue Ära des Teamsprints zu prägen.