Sein Glück, sagte Roger Kluge zu Wochenbeginn, wollte er diesmal nicht herausfordern. Kluge ist ein cooler Typ, den wenig aus der Ruhe bringt. Der schon mal sehr kurzfristig zu Wettkämpfen anreist, weil es anders nicht geht. Vergangenes Jahr etwa, da kam der Radprofi direkt aus Dubai von der UAE-Tour und landete drei Stunden vor dem Start des Madison bei der Bahnrad-WM in Warschau. Um kurz darauf den zweiten Titel in Folge mit Theo Reinhardt zu gewinnen.

Kluge tat gut daran, seinen Rennplan diesmal anders zu gestalten, das zeigen die aktuellen Entwicklungen. Die Verantwortlichen würden den Berliner vielleicht nicht starten lassen bei der Bahnrad-WM in der eigenen Stadt, wenn er wieder in der Wüste geradelt wäre. Dort ist die UAE-Tour gerade abgebrochen worden, weil bei zwei italienischen Profis der Verdacht auf eine Infektion mit dem Corona-Virus besteht. Der Däne Michael Mörköv reiste einen Tag vor dem Abbruch nach Berlin, um am Wochenende auf der Bahn zu fahren. Nun wurde Mörköv vorsorglich auf seinem Hotelzimmer isoliert, ob er antreten darf, ist noch unklar. „Wir erwarten die Ergebnisse der Tests aus Abu Dhabi, um über das weitere Vorgehen zu entscheiden“, teilte der Weltverband UCI mit.

Kluge freut sich über den Heimvorteil im Velodrom

Bei der Algarve-Tour in Portugal war Kluge diesmal vor der Bahn-WM unterwegs, fuhr zwei Mal unter die besten Zehn. „Dass es noch möglich ist, wusste ich immer, aber ich höre ja meist vorher auf“, sagt der 34-jährige Anfahrer von Lotto-Soudal-Topsprinter Caleb Ewan: „Jetzt durfte ich mal wieder, das hat mir Selbstvertrauen gegeben.“ Auch für die Bahn, für die Tage von Berlin. Der Spagat zwischen Straße und Bahn prägt seine Karriere, er meistert ihn ohne Probleme.

Auf eine Gelegenheit wie die im Velodrom hat Kluge lange gewartet. „Das ist schön für alle, Familie Freunde“, sagt der Berliner. 30 Karten hat er bestellt, dazu orderte eine Abordnung seines Straßenteam-Sponsors 150 Tickets. Keiner hat so viele Fans in der Halle wie Kluge: „Das Publikum wird einen gewissen Push geben. Darauf freuen wir uns einfach, dass es vielleicht eine ähnliche Atmosphäre wird wie beim Sechstagerennen.“ Kluge will den Heimvorteil nutzen.

Zunächst allein. Am Sonnabend steht das Omnium auf dem Plan, „wo wir die Qualifikation für Olympia einfahren wollen. Ich werde mich bemühen, die Ergebnisse aus dem Winter zu wiederholen“. Das Omnium ist auch in Tokio eine Startchance für Kluge, der 2008 schon Olympiasilber im Punktefahren gewonnen hat. Im Vordergrund aber steht das Zweier-Mannschaftsfahren oder Madison, das nach langer Pause nun wieder olympisch ist. Und in dem Kluge und sein Berliner Kollege Reinhardt in den vergangenen Jahren die Maßstäbe setzten mit zwei WM-Titeln in Folge.

Gute Resultate nach Herz-Operation im vergangenen Oktober

Für diese besondere Saison mit Heim-WM und Olympia hat Kluge im Winter mehr Zeit bei den Bahn-Weltcups verbracht als in den Vorjahren. „Die vermehrten Einsätze sollte mir geholfen haben, noch leichter in diesen Bahntritt zu finden“, sagt der Berliner, der viele gute Resultate einfuhr. Obwohl er sich Anfang Oktober einer Operation am Herzen unterziehen musste. „Das war weder überraschend noch schockierend. Es war langfristig geplant und komplikationsfrei abgelaufen“, so Kluge, bei dem ein Loch zwischen beiden Vorhöfen geschlossen worden ist.

Mit Reinhardt (29) war er zuletzt Anfang Januar beim Sechstagerennen in Rotterdam am Start, wo Reinhardt in Führung liegend wegen eines Infekts aussteigen musste. Die lange Pause ist für die beiden kein Nachteil. „Wir kennen uns mittlerweile so gut, dass es nicht mehr viel zu üben gibt, was die Technik angeht und das Verständnis vom Radrennen“, erzählt Reinhardt. Beide sind auch privat befreundet, stehen trotz Kluges vieler Straßenrennen in engem Kontakt: „Teilweise so wie mit meiner Freundin, fast jeden Tag.“

Die Vertrautheit macht viel aus in den harten Rennen, zudem ergänzen sie sich perfekt. Kluge kann in den Sprints seine Stärken ausspielen. Reinhardt mit seiner Power vom Vierer, in dem er fester Bestandteil ist, das konstant hohe Tempo im Feld bestimmen. Das soll sich zunächst im heimischen Velodrom auszahlen. Drei Madison-Titel in Serie konnte bisher noch keine Mannschaft verbuchen. „Es macht es historisch, das Triple zu schaffen, was uns extra anspornt“, so Kluge. Über allem steht aber das Ziel, olympisches Gold zu gewinnen. Das ist das eigentliche Ziel.

Leichte Halsschmerzen vor dem Start im Velodrom

Die Erfahrungen der vergangenen Jahre lassen beide optimistisch nach Japan schauen. „Das Gute bei Roger und mir ist, dass wir uns vor niemandem fürchten müssen. Wir haben uns vielleicht einen Vorsprung erarbeitet, weil wir konstant auf der Bahn waren im Gegensatz zu anderen“, sagt Reinhardt. Für die WM gibt es allerdings noch eine kleine Einschränkung. Nach der Rückkehr von der Algarve-Rundfahrt kratze es in Kluges Hals. Anfangs ignorierte er das, doch die leichten Schmerzen hielten sich länger als gedacht. Das machte jüngst selbst den coolen Roger Kluge etwas nervös.