Vor der EM der Para-Leichtathleten musste sich Birgit Kober erst einmal die Genehmigung einholen, dass das mit ihrer Reise nach Berlin in Ordnung geht. Nicht beim Deutschen Behindertensportverband wohlgemerkt, sondern beim Jobcenter. Die Kugelstoßerin gehört zu den erfolgreichsten Para-Sportlern hierzulande. Schon zweimal siegte sie in dieser Disziplin bei den Paralympics, war zweimal Welt- und dreimal Europameisterin, 2012 sogar Behindertensportlerin des Jahres. Trotzdem lebt sie von Hartz IV. Das Geld vom Amt reicht gerade, um sich und die vier Katzen zu versorgen.
Für alles, was den Sport betrifft, hat Kober zwar ein spezielles Konto eingerichtet, auf welches das Geld von der Sporthilfe, die Siegprämien und das kleine Gehalt aus ihrer Trainertätigkeit beim TSV 1860 München fließen. Auch sämtliche Ausgaben für den Sport werden aus diesem Topf bezahlt, so wie jetzt die Reise zu den Europameisterschaften.
Allerdings braucht die 47-Jährige dafür immer erst die Zustimmung ihrer Sachbearbeiterin. „Zum Glück klappt das sehr gut. Das Jobcenter ist da sehr kooperativ“, sagt sie. Kober will sich nicht beklagen, sie macht das Beste aus ihrer Lage. Dennoch sagt ihr Fall einiges aus über den Stellenwert des Behindertensports in Deutschland.
Überdosis von Medikamenten führte zur Hirn-Schädigung
Zwar wurden die Medaillenprämien an die der Nicht-Behinderten angeglichen, doch aus Sicht von Birgit Kober könnte trotzdem noch mehr getan werden. „Es wäre toll, wenn es in der Sportfördergruppe der Polizei auch Plätze für Behindertensportler geben würde“, sagt sie. Auch die Bundeswehr und der Zoll könnten diesbezüglich noch mehr tun.
Einige wenige Para-Sportler kommen zwar auch so gut über die Runden: Weitspringer Markus Rehm beispielsweise oder die beiden Sprinter Felix Streng und Johannes Floors. Kober sagt: „Die Sponsoren finden es cool, wenn etwas ab ist.“ Es sehe einfach spektakulärer aus, wenn jemand mit Prothese läuft oder springt, zudem sei die Behinderung dann eben sofort ersichtlich. Ihr sieht man die Einschränkung dagegen nicht gleich an, wenn sie im Ring steht.
Kober sitzt zwar im Rollstuhl, das Kugelstoßen absolviert sie jedoch im Stehen, was jedes Mal eine enorme Anstrengung bedeutet. Als Jugendliche war sie nach einer Behandlung mit Antibiotika zunächst schwerhörig geworden, später bekam sie epileptische Anfälle. Einer davon war 2007 so schwer, dass sie im Krankenhaus mit krampflösenden Medikamenten behandelt werden musste, wo man jedoch Milligramm mit Milliliter verwechselte. Die Überdosis führt zu einer irreversiblen Schädigung des Kleinhirns. Kober hat seitdem Koordinationsstörungen und eine linksseitige Spastik.
Zweites Leben dank des Sports
Nach diesen Schicksalsschlägen habe sie zunächst nicht gewusst, wie es weitergehen soll, erzählt Kober, „meine Lebensperspektive war sehr diffus.“ Doch dann entdeckte sie den Sport. „Der Sport hat mir ein zweites Leben geschenkt, er gibt meinem Leben Struktur“, sagt sie. Es sei ein schönes Gefühl, auf dem Treppchen zu stehen – „aber noch besser fühlt es sich an, dass ich mir Schritt für Schritt ein Stück von mir selbst zurückholen kann.“
In der Vorbereitung auf die EM in Berlin stieß Birgit Kober trotz entzündeter Hand einen neuen Weltrekord: 11,56 Meter. Ihre Leidenschaft für den Sport ist ansteckend. In München hat sie vor zwei Jahren eine Trainingsgruppe von Para-Leichtathleten aufgebaut, mittlerweile eine Anlaufstelle für Athleten aus ganz Bayern. Kober ist mit vollem Elan bei der Sache, obwohl es für sie eigentlich ein Minusgeschäft ist. Das Trainerhonorar wird auf ihr Arbeitslosengeld angerechnet.





