Para-EM

Der EM-Titel fehlt Kugelstoßer Sebastian Dietz noch

Bei internationalen Wettkämpfen stand Sebastian Dietz schon oft ganz oben - nun will er seine Titelsammlung komplett machen.

Sebastian Dietz (GER / BSG Bad Oeynhausen / F36) waehrend der World Para Athletics Championships am 17.07.2017 im London Stadium in London (Grossbritannien). Sebastian Dietz (GER / BSG Bad Oeynhausen / F36) during the World Para Athletics Championships at London Stadium, London (Grossbritannien) on 2017-07-17. Photo: BEAUTIFUL SPORTS / Axel Kohring *** Local Caption *** 00090970 | Verwendung weltweit

Sebastian Dietz (GER / BSG Bad Oeynhausen / F36) waehrend der World Para Athletics Championships am 17.07.2017 im London Stadium in London (Grossbritannien). Sebastian Dietz (GER / BSG Bad Oeynhausen / F36) during the World Para Athletics Championships at London Stadium, London (Grossbritannien) on 2017-07-17. Photo: BEAUTIFUL SPORTS / Axel Kohring *** Local Caption *** 00090970 | Verwendung weltweit

Foto: BEAUTIFUL SPORTS/Axel Kohring / picture alliance / Beautiful Sports

Berlin.  Sebastian Dietz kommt ein wenig zu spät zum vereinbarten Treffen. Er musste noch zur Physiotherapie, erklärt der Para-Leichtathlet. Beim Training sei er blöd gestürzt, nun habe er Schmerzen in der Schulter. Eine Prellung. Die stand im Vorfeld der Para-EM in Berlin ganz sicher nicht auf dem Plan des 33-Jährigen.

Aber so schlimm sei es nicht. An einem Start werde ihn die kleine Verletzung nicht hindern. Denn der Kugelstoßer hat ein großes Ziel, wenn er an diesem Donnerstag im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark seinen Wettkampf bestreitet. „Ich will den Weltrekord angreifen. Wenn man alles erreicht hat, ist das eben das nächste. Ich will in die Geschichtsbücher“, sagt Dietz.

Dietz bekommt viel Unterstützung

Paralympicssieger mit Diskus (2012) und Kugel (2016), mehrfacher Weltmeister in beiden Disziplinen – bei internationalen Wettkämpfen stand Dietz schon oft ganz oben. Nur bei einer EM noch nicht. „Der EM-Titel fehlt noch in meiner Sammlung, und das soll sich natürlich jetzt ändern. Im eigenen Land ist das eine große Chance. Es sind Freunde, Familie da, Leute, die ich eingeladen habe“, sagt Dietz.

120 Eintrittskarten hat der Athlet der BSG Bad Oeynhausen gekauft. Die Unterstützung bei seinem Projekt Gold mit Weltrekord ist ihm sicher. Mittendrin im Fanblock: 56 Kinder aus einer Schlaganfall-Selbsthilfegruppe, für die sich Dietz ehrenamtlich engagiert. „Die freuen sich riesig“, sagt er. Es ist eines von vielen sozialen Projekten, die der Sportler unterstützt. Er wirbt für die Inklusion der Menschen mit Behinderung, setzt sich für den Nachwuchs in der Para-Leichtathletik ein und war im vergangenen Jahr mit einer Projektgruppe des Johanniterordens in einem Flüchtlingscamp im Libanon.

Der Kugelstoßer übernimmt Verantwortung

„Wir haben als Sportler eine gewisse Verantwortung den Menschen gegenüber. Die Ideen der Projekte, die ich unterstütze, sind einfach cool, vieles mit Kindern, weil Kinder unsere Zukunft bauen. Und wir müssen ihnen zeigen, wie vielfältig unsere Gesellschaft ist“, sagt Dietz, der dafür seine Position als Aushängeschild des deutschen Para-Sports nutzt. Deshalb sind die sogenannten Schakis, die Kinder der Selbsthilfegruppe, sein Herzensprojekt. „Dort gibt es so viele Kinder, die einfach nicht verstehen, warum sie komisch angeguckt werden, weil sie ein wenig anders sind. Ich will ihnen zeigen, dass es nicht schlimm ist, dass sie so sind, wie sie sind“, sagt Dietz.

Ein Autounfall veränderte sein Leben

Etwas, was auch er selbst nach einem schweren Autounfall im Februar 2004 erst verstehen musste. Sein linker Arm und sein linkes Bein sind seitdem teilweise gelähmt. „Aber es ist mir egal, ob ich richtig laufen kann oder eben nicht. Ob ich meine Hand richtig bewegen kann oder nicht. Ich lebe mein Leben, weil es mir Spaß macht, und ich lasse mich durch nichts beschränken“, sagt Dietz. Es ist genau diese Einstellung, die der Leistungssportler weitergeben will. Dafür investiert er viel Zeit und vor allem viel Herz. „Wenn ich erreiche, dass die Menschen lächeln, dann ist das viel mehr wert als der sportliche Erfolg“, sagt Dietz.

Aber auch den Erfolg weiß der zweifache Paralympicssieger zu schätzen. Eine solche sportliche Karriere war für Dietz, der als Torwart bei einem Bezirksligisten Fußball spielte, vor dem Unfall unerreichbar. „Deswegen ist der 27.2.2004 ein Tag, an dem sich mein Leben von heute auf morgen verändert hat. Ich habe ein zweites, neues Leben, eine neue Chance bekommen“, sagt Dietz. Mit dieser zweiten Chance will er heute Abend Europameister werden, weiter stoßen als 15,34 Meter (Weltrekord) und seinen jungen Unterstützern ein Lächeln schenken.

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