Andreas Lehmann ist ein Mensch, der sich nur selten mit etwas zufrieden gibt. Das gilt nicht nur für den sportlichen Erfolg des Para-Leichtathleten. Das gilt auch für die Zeit nach seinem Unfall. Als der damals 18-Jährige plötzlich nur noch einen Arm hatte, weil der linke nach einem Kontakt mit Starkstrom amputiert werden musste.
Doch dass er danach irgendetwas nicht mehr kann, damit wollte sich der Berliner schon gar nicht abfinden. Also probierte er all das aus, was er schon vor seinem Unfall immer gemacht hatte. Fußball spielen oder Rad fahren zum Beispiel. „Die Gegner haben sich oft geärgert, dass ich den Ball trotzdem bis vor das Tor werfe“, sagt Lehmann.
Bis heute habe der 39-Jährige nichts gefunden, was mit nur noch einem Arm nicht mehr geht. Lehmann merkte sogar, wie viel seine Schulter und sein Arm doch leisten können. Deshalb fing er 2005 beim Berliner PSC – einem der erfolgreichsten Vereine im deutschen paralympischen Sport – in der Leichtathletik an. Erstmal Sprint, nebenbei ein wenig Diskus und Speer.
„Sprint hat mir aber in der Schule schon keinen Spaß gemacht“, sagt der Fitnesstrainer, der neben dem Training 45 Stunden in der Woche in einem Studio in Hellersdorf arbeitet. Da Speerwurf in seiner Startklasse zu der Zeit nicht paralympisch war, hörte er wieder auf. Und kam erst im Januar 2014 zurück zum PSC, als auch seine Speerwurf-Klasse zugelassen wurde. Nun trainiert er dort zusammen mit den beiden anderen EM-Teilnehmern aus Berlin, Thomas Ulbricht und Ali Lacin, der bei der Para-EM in Berlin am Dienstag schon Silber über 200 Meter gewonnen hat.
Schon auf Rang 2 in der europäischen Bestenliste
Und Lehmann? Der steht in der europäischen Bestenliste mittlerweile auf Rang zwei. Deshalb strebt er an diesem Freitagabend im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark „die größtmöglichen Ziele an“. Schließlich hat der Beste Europas, der Weißrusse Aliaksandr Subota, in dieser Saison nur einen Zentimeter weiter geworfen als der Lokalmatador (42,03 Meter). „Ich hoffe natürlich auf eine Medaille. Wär schön, wenn es klappt“, sagt Lehmann. Er ist nervös. Die EM ist sein erster großer internationaler Wettbewerb. Und es soll nicht sein Letzter sein. „Tokio ist das endgültige Ziel“, sagt er. Die paralympischen Spiele 2020, sie sind ein Traum, der in Lehmanns Lebensplan vor seinem Unfall gar nicht vorkam.
Es ist für ihn, wie für viele Para-Sportler, die sich plötzlich in einem anderen, einem zweiten Leben wiederfinden. „Als ich mich langsam damit abgefunden hatte, habe ich gesagt: Okay, mein Leben ist jetzt fast besser als vorher“, sagt Lehmann. Ein EM-Titel würde das noch bestätigen.
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