Hamburger SV

Nachwuchscoach Titz ersetzt HSV-Trainer Hollerbach

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Kai Schiller

Foto: imago sport / imago/Michael Schwarz

Vorstand Frank Wettstein beurlaubt – am Telefon – Trainer Bernd Hollerbach, befördert Christian Titz von der U21 und holt von Heesen.

Hamburg.  Tür auf, Kamera an, Mikrofon läuft. Ein paar nette Worte über den alten Trainer, ein paar nette Worte über den neuen. Noch Fragen? Nach knapp 20 Minuten ist der ganze Zirkus vorbei. Trainerentlassungsalltag. Ein ganz normaler HSV-Montag.

Dieser ganz normale HSV-Montag begann zwei Tage nach der blamablen 0:6-Niederlage in München früh: Interimsklubchef Frank Wettstein, seit Donnerstag der letzte verbliebene Vorstandsmohikaner beim HSV, und Sportdirektor Bernhardt Peters fuhren am Volkspark vor. Draußen: Fünf Kamerateams und 20 wartende Journalisten im Nieselregen. Drinnen: Noch-U-21-Trainer Christian Titz, der bereits am Vortag einen ersten Gedankenaustausch mit Aufsichtsratschef Bernd Hoffmann hatte, und eine große Frage: Macht ein Trainerwechsel jetzt überhaupt noch Sinn?

Pünktlich zur Mittagszeit hat man die Antwort gefunden: Ja! Die HSV-Entscheidungen im Schnelldurchlauf: Bernd Hollerbach? Beurlaubt. Christian Titz? Befördert. Und Ex-Aufsichtsrat Thomas von Heesen? Zurückgeholt. Als sportlicher Berater. Er soll viele Aufgaben des geschassten Sportchefs Jens Todt übernehmen. Und nun noch einmal langsam. Zunächst rief Frank Wettstein den erst vor sieben Wochen verpflichteten Hollerbach an und teilte ihm seine Beurlaubung am Telefon mit. Bei Anruf: Entlassung. „Wegen der Entfernung konnte ich ihm die Entscheidung nur am Telefon mitteilen“, sagte Wettstein. „Ich habe ihm meinen persönlichen Dank ausgesprochen. Aber am Ende sind wir zur Überzeugung gelangt, dass wir im Hinblick auf unsere Chancen im Kampf um den Klassenerhalt handeln mussten.“

Gut 100 Stunden zuvor klang das noch ganz anders. Auf die Frage, ob er einen Trainerwechsel noch in dieser Saison für möglich halte, antwortete Wettstein am Donnerstag: „Stand heute halte ich das nicht für möglich.“ Und auch bei der Nachfrage, wie es denn im Falle eines Abstiegs mit Hollerbach weiterginge, antwortete Wettstein unmissverständlich: „Wir haben seinerzeit entschieden, dass Bernd Hollerbach im Falle des Abstiegs ein geeigneter Kandidat ist. Deswegen ist man auch zu der Einschätzung gekommen, dass man Bernd Hollerbach beruft. Und an dieser Einschätzung hat sich – Stand heute – nichts geändert.“ Vier Tage später waren Wettsteins warme Worte ähnlich viel wert wie der „unmännliche Auftritt“ (Gotoku Sakai) des HSV gegen die übermächtigen Bajuwaren am Sonnabend: nichts.

Am Sonnabend tritt Hertha im Volksparkstadion an

Und Hollerbach, der statistisch erfolgloseste HSV-Trainer aller Zeiten? Der griff seinerseits zum Telefonhörer, rief Mitarbeiter, Spieler und Journalisten an und verabschiedete sich. Traurig, aber höflich. Stil ist eben nicht das Ende eines Besens. „Natürlich bin ich enttäuscht, aber so ist nun mal das Geschäft“, sagte er dieser Zeitung.

Ab Dienstag heißt es beim HSV: Hollerbach war gestern, heute ist Christian Titz. Der Coach, der mit der U21 des HSV Tabellenführer der Regionalliga Nord ist, soll bereits am Morgen um 10 Uhr das erste Training leiten, wird anschließend den Medien vorgestellt. „Mich beeindruckt seine absolute Leidenschaft für das Spiel. Er ist mit größtem Fleiß und großer Akribie unterwegs“, lobte Bernhard Peters den dritten HSV-Cheftrainer dieser Saison.

So ganz passt dieser Titz, der vorerst nur bis Sommer das Himmelfahrtskommando Klassenerhalt übernehmen soll, nicht in das bisherige Rasta des HSV: Der gebürtige Mannheimer hat nie höherklassig gespielt, hat nie in der Bundesliga trainiert. Vor seinem Engagement im HSV-Nachwuchs war der 46-Jährige als staatlich geprüfter Betriebswirt, diplomierter Sportmanager, Individualtrainer, Taktikexperte bei WM- und EM-Turnieren, Europascout für den US-Verband und als Buchautor tätig. Er hat mehr als 50
E-Books über Taktik und Technik im Fußball geschrieben. Auf die Frage, was er eigentlich am liebsten mache, antwortete Titz vor ein paar Jahren: „Ich liebe den Fußball und bin besessen von diesem Spiel.“ Titz wurde U-17-, dann U-21-Trainer und nun Acht-Spiele-Rettertrainer beim HSV. „Der Fokus liegt nur auf den nächsten acht Spielen“, stellte Wettstein klar. Das erste davon ist gegen Hertha BSC am Sonnabend. Im Sommer soll neu entschieden werden. Aber: „Christian Titz denkt nicht in Risiken sondern in Chancen.“

Vor sieben Wochen sagte Bernd Hollerbach: „Ich denke nicht ans Scheitern sondern an Chancen.“ Am Montag sagte er: „Ich wünsche meinem Nachfolger und besonders dem HSV alles Glück der Welt.“ Sie werden es in Hamburg brauchen.