Vorstandschef Heribert Bruchhagen freigestellt, Sportdirektor Jens Todt beurlaubt: Nur 18 Tage nach seinem Comeback beim Hamburger SV hat Bernd Hoffmann beim Tabellenvorletzten hart durchgegriffen und in der schlimmsten Krise der Vereinsgeschichte einen personellen Neuanfang ausgerufen. Vor dem schwierigen Auswärtsspiel bei Bayern München am Samstag (15.30 Uhr/Sky) herrscht damit Chaos an der Elbe.

Finanzvorstand Wettstein übernimmt

Hoffmann, Präsident des Muttervereins, ist ab sofort auch Boss des Aufsichtsrates der HSV Fußball AG und trennte sich gleich nach seiner Inthronisierung von dem erfolglosen Führungsduo. Der bisherige Finanzvorstand Frank Wettstein übernimmt zunächst die operative Führung des Klubs. "Wir haben uns nach eingehender Analyse der Gesamtsituation zu diesem Schritt entschieden und widmen uns nun der Neuausrichtung", sagte Hoffmann, der Bruchhagen die Entscheidung am Donnerstagmorgen in einem persönlichen Gespräch mitteilte.

Bruchhagen trägt die Verantwortung

Mit Wehmut hat Bruchhagen verabschiedet. „Ich darf sagen, dass ich mich dem HSV sehr verbunden fühle. Ich wünsche mir, dass sich die Entscheidungen des Aufsichtsrates als richtig erweisen“, meinte der im ostwestfälischen Harsewinkel lebende Fußballfunktionär. Die erste Phase seiner 14-monatigen Amtszeit sei durch „gute Ergebnisse“ geprägt gewesen, sagte Bruchhagen. „Ich war guten Glaubens, dass wir gut aufgestellt in die Saison 2017/18 gehen werden. Das hat sich als Trugschluss erwiesen. Die Verantwortung übernehme ich“, sagte der 69-Jährige. Trotz des Rückstandes von sieben Punkten auf den Relegationsplatz sei der Abstieg des HSV noch nicht besiegelt, meinte Bruchhagen. „Noch ist es nicht zu Ende. Noch haben wir eine Chance.“

Hoffmann, der bei seiner Wahl zum Präsidenten des HSV e.V. am 18. Februar keine Zweifel daran gelassen hatte, dass er den HSV umkrempeln will, rief Bruchhagen, dessen Vertrag erst im Dezember bis Sommer 2019 verlängert worden war, nur noch einige warme Worte nach: "Heribert Bruchhagen hat sich stets schützend vor unseren Klub gestellt. Ihm war und ist sehr daran gelegen, dass der HSV die aktuelle sportliche Talsohle überwindet."

Schwächste Bilanz der Klubgeschichte

Doch danach sieht es derzeit überhaupt nicht aus. Der HSV weist seine schwächste Bilanz der Klubgeschichte auf und ist seit zwölf Bundesligaspielen sieglos - dem Liga-Dino hilft nur noch ein Fußball-Wunder auf dem erhofften Weg zum Klassenerhalt. Hoffmann sucht nach dem abrupten Ende für Bruchhagen nun nach "geeigneten Kandidaten für die Komplettierung des Vorstandes" neben Wettstein. "Wir erstellen ein konkretes Anforderungsprofil und werden einen geordneten Prozess angehen, mit dem wir den besten Kandidaten für den HSV finden wollen", sagte Hoffmann.

Schmadtke und Heldt als Todt-Nachfolger gehandelt

Als Bruchhagen Geschichte war, griff dann Wettstein durch - und warf Todt raus. "Wir wollen uns für die Zukunft neu aufstellen", sagte Wettstein, dem ohnehin ein schlechtes Verhältnis zu Bruchhagen und Todt nachgesagt wurde. Die aktuellen Aufgaben Todts inklusive aller Vertragsverhandlungen werden neu verteilt. "Wir sind voll handlungsfähig", beteuerte Wettstein. Für die Position des Sportchefs wurden zuletzt der zurzeit vereinslose Jörg Schmadtke und Hannovers Manager Horst Heldt gehandelt.

Hoffmann, in dessen Amtszeit als Vorstandsvorsitzender von 2003 bis 2011 die bisher letzten Auftritte des Klubs in der Champions League und in der Europa League fallen, hatte bereits bei seiner Wahl im Februar unter dem Beifall vieler Mitglieder erklärt: "Ein 'Weiter so' kann es nicht geben. Wir brauchen dringend eine Trendumkehr. Wir haben ein anderes Verständnis von Präsidiumsarbeit. Die Herzkammer des e.V. schlägt am Ende in der Fußball AG." Er könne "nicht durch Handauflegen dafür sorgen, auf Platz acht zu landen" und habe auch "keinen saudischen Scheich in der Tasche. Erfolg resultiert aus knallharter Arbeit."

Diese Arbeit will Hoffmann nun mit neuem Führungspersonal angehen.

sid