Am vergangenen Sonntag gelang Christian Jacobeit beim 6:1-Sieg seines BFC Preussen beim Nordberliner SC ein Freistoßtor wie aus dem Lehrbuch. Der Schuss aus 20 Metern genau in den oberen Winkel geht aber leider nur durch Hörensagen in die Geschichte des Berliner Fußballs ein. Das soll sich bald ändern. Der Berliner Fußball-Verband (BFV) schloss nämlich einen Kooperationsvertrag mit der Sporttotal.tv GmbH. Über deren Online-Portal und kostenlose App können solche Tore aus der Berlin-Liga künftig sogar live bewundert werden und sind für die Ewigkeit abrufbar. Und der Fan muss dafür keinen Cent zahlen.

Zunächst soll eine fest installierte Kamera vollautomatisch mit einem 180-Grad-HD-System und ohne Personal in der Hauptstadt Spiele aus der sechsten Liga (der höchsten im Zuständigkeitsbereich des BFV) live übertragen. Dafür wird ein rund 30 mal 15 Zentimeter großes Kameragehäuse an einem zentralen Punkt in Höhe der Mittellinie (Flutlichtmast, Tribünendach) befestigt. Per Smartphone, Laptop oder TV-Screen kann der Zuschauer via Internet sogar selbst Regie führen und die Perspektive bestimmen. Bei einem Tor kann kurz zurückgespult und der Treffer noch einmal bewundert werden.

Die Kameras werden vom Betreiber installiert und bezahlt

BFV-Präsident Bernd Schultz: „Wir möchten durch diese Kooperation dem Amateurfußball in Berlin mehr Sichtbarkeit geben. Außerdem erhoffen wir uns positive Nebeneffekte, beispielsweise in den Bereichen Scouting und Sponsoring.“ Die tollsten Szenen und Tore können künftig auch über soziale Medien geteilt werden. Sascha Rentmeister, beim BFV verantwortlich für Marketing und Sponsoring: „Die Spiele der Berlin-Liga würden eine noch größere Wahrnehmung erfahren und letztlich auch größere Reichweiten erzielen, was sich wiederum sehr positiv auf die Vermarktung auswirken kann.“

Sporttotal braucht vor dem Startschuss aber noch grünes Licht von den jeweiligen Bezirks- und Sportämtern. Zu klären sind da vor allem Fragen des Datenschutzes und der Haftung. Rentmeister: „Wir sind gerade dabei, Gespräche mit allen Beteiligten zu führen, um eine für alle zufriedenstellende Lösung zu finden.“

Bei den Vereinen stößt die neue Technik auf große Zustimmung. In Brandenburg kommt die Kamera beispielsweise schon bei Eintracht Miersdorf/Zeuthen, RSV Waltersdorf oder Oranienburg zum Einsatz. Auch Spiele der Regionalliga Nord und West, den Bayern-Ligen und der Oberliga Niedersachsen sind live zu sehen. Bis 2019 sollen rund 3000 Stadien und Fußballplätze über die Technik verfügen. Alexander Neyer, Pressesprecher von Sporttotal: „Wenn die Vereine selbst über die Sportanlagen entscheiden können, dann macht das vieles einfacher. Aber in Großstädten werden die einzelnen Plätze ja oft von mehreren Vereinen genutzt. Dann müssen natürlich mehr Dinge geklärt werden.“ Dort, wo die Kamera zum Einsatz kommt, weisen übrigens Hinweisschilder auf eine Übertragung hin.

Keiner hat Angst davor, dass dann weniger Fans kommen

Die Installation der Kamera kostet bis zu 15.000 Euro, wird aber – refinanziert durch Werbung – komplett von Sporttotal übernommen. „Wenn ein Extra-Mast aufgestellt oder erst Strom gelegt werden muss, dann sind die Kosten natürlich höher“, erklärt Neyer. Die teilnehmenden Vereine zahlen lediglich eine monatliche Gebühr von 9,90 Euro. Dazu müssen natürlich Stromanschluss (rund 20 Euro pro Jahr) und Internet vorhanden sein.

Bei den Berliner Vereinen aus der 6. Liga gibt es kein langes Überlegen. Bernd Fiedler, 1. Vorsitzender von Stern 1900: „Wir können alle davon nur profitieren. Trainer und Spieler können sich alle Partien und entscheidenden Szenen noch einmal anschauen. Für unsere Werbepartner ist das auch lukrativ.“ Tasmanias Vorsitzender Detlef Wilde ergänzt: „Ausreden bei Fehlern gibt es dann nicht mehr. Da kann man alles genau analysieren.“ Bei Bedarf kann die Kamera ja sogar selbst für Trainingseinheiten genutzt werden.

Dass womöglich weniger Zuschauer auf die Plätze kommen, wie es gerade auch die Bundesliga erlebt, ist für Nordberlins sportlichen Leiter Martin Stelzer kein Argument: „Die meisten Zuschauer kommen doch auch zu Spielen, um ein Bierchen zu trinken, eine Bratwurst zu essen und mit anderen zu quatschen.“ Fiedler sieht in den Live-Übertragungen sogar einen Vorteil: „Da kann ich die Spiele meines Vereines sogar verfolgen, wenn ich irgendwo im Urlaub bin. Deshalb wäre es schön, wenn sich die Beteiligten so schnell wie möglich einigen.“