Amerika ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Daher brauchte sich Bastian Schweinsteiger nicht zu wundern. Nach einem Spiel mit seinem Klub Chicago Fire in seiner ersten Saison in der amerikanischen Fußball-Profiliga MLS (Major League Soccer) trat ein Fan auf ihn zu. Er drückte dem Weltmeister von 2014 ein Handy in die Hand und bat ihn, ein Foto zu machen – von sich und einem anderen Chicago-Spieler. So, als wäre dieser Weltstar am anderen Ende des Planeten nur ein Zeugwart.
Ohne Mütze und Sonnenbrille unterwegs
Unbegrenzte Möglichkeiten waren der Grund, warum Bastian Schweinsteiger für die Schlussakkorde seiner Karriere-Symphonie in die USA wechselte. In Chicago kann der mittlerweile 33-Jährige mit seiner schwangeren Frau Ana Ivanovic ohne Mütze und Sonnenbrille auf die Straße treten, ohne erkannt zu werden. Hier kann er in ein Flugzeug steigen, und der Passagier neben ihm hat keine Ahnung, wer er ist.
Sicher, es kommt vor, dass Schweinsteiger auch den Fußball nicht wiedererkennt. Mit dem, der ihm aus München, Manchester und von anderen Schlachtfeldern Europas vertraut war, hat der US-Soccer nicht sehr viel Ähnlichkeit. „Es passieren manchmal Dinge, die man überhaupt nicht verstehen kann – das können Entscheidungen von Schiedsrichtern sein oder auch Laufwege und Pässe von Mitspielern“, sagte Schweinsteiger mal der „SZ“. Trotzdem hat er sich entschieden, einen neuen Einjahresvertrag bei Chicago Fire zu unterschreiben. In der Nacht auf Sonntag (0 Uhr) starten beide in die Saison gegen Kansas City, eine Woche später als die anderen Klubs.
MLS hat sich zu dynamischer Liga entwickelt
Schweinsteiger glaubt, dass der Einfluss eines einzigen Spielers auf eine Mannschaft im Fußball nicht allzu groß ist, was mit den Bildern von ihm als blutender Unbeugsamer aus dem WM-Finale gegen Argentinien 2014 widerlegt wäre. In Chicago war Schweinsteigers Beitrag in 24 Spielen der vergangenen Saison enorm: „Er hat das Niveau der Mannschaft extrem gehoben. Aus einer Elf, die davor zweimal als schlechtestes aller MLS-Teams abschnitt, hat er ein Play-off-Team gemacht“, sagt Arne Friedrich (38). Der ehemalige Hertha-Kapitän spielte 2012 und 2013 selbst in Chicago und verfolgt die MLS seitdem intensiv. Er sagt: „Auch in dieser Saison werden sie mit Basti wieder das Play-off erreichen.“
Auf Bildern aus Amerika wirkt Schweinsteiger wie ein ergrauter, erhabener Gentleman. Eine kleine Wölbung auf Bauchhöhe war zum Start der Vorbereitung zu erkennen. Doch alles in einem sträubt sich dagegen, das als unprofessionell zu empfinden. Schweinsteiger darf das, wie ein früherer Filmstar, der im Café nicht zahlen muss. Allerdings hat sich die MLS um ihn herum verändert. Galt sie einst als Altersheim für ehemalige Weltklassespieler wie David Beckham und zuletzt Andrea Pirlo, hat sie sich zu einer durchaus dynamischen Liga entwickelt – jung und wachsend.
Nur die Bundesliga ist beim Spielerdurchschnitt jünger
„Die älteren Legionäre sind zwar immer noch wichtig, weil mit großen Namen eben Geld verdient werden kann“, sagt Friedrich. Der spanische Weltmeister David Villa (36) ist Sturmführer beim New York City FC, der Engländer Ashley Cole (37) und der Deutsch-Amerikaner Jermaine Jones (36) spielen für L.A. Galaxy. „Aber hinter den Altstars wird jetzt auf Nachwuchs gesetzt“, so Friedrich. Im Durchschnitt ist von den Topligen Europas nur die Bundesliga (25,5 Jahre) jünger als die MLS (25,9). Die Einsatzminuten der selbst ausgebildeten Spieler haben sich 2017 verdoppelt. Darüber hinaus nutzt die Liga ihren Standortvorteil und baut auf südamerikanische Talente.
Atlanta United, das Team des Deutschen Julian Gressel, hat den teuersten Spieler der Ligageschichte verpflichtet: Ezequiel Barco ist Argentinier, 18 Jahre jung und kostete 15 Millionen Dollar. Oder Diego Rossi aus Uruguay (20). Er gilt als Hoffnung des L.A. FC. Die Kalifornier sind das jüngste Mitglied der MLS. In dieser Saison spielen bereits 23 Teams mit, eines mehr als 2017. Spätestens 2020 werden mit Miami, wo Beckham ein eigenes Franchise eröffnen will, und Nashville zwei weitere dazukommen. Der L.A. FC gehört einer Gruppe um die Basketballlikone Earvin „Magic“ Johnson, dem Schauspieler Will Ferrell und der Ex-Nationalspielerin Mia Hamm. „Der Markt in den USA ist da, um die Liga zu erweitern“, sagt Arne Friedrich.
Zuschauerzahlen wie in Frankreich oder Italien
Das zeigt auch die Zuschauerentwicklung: 2017 kamen durchschnittlich 22.100 Fans pro Spiel in die Arenen – so viel wie in Italien und Frankreich. Das ist ein Zuwachs von einem Drittel in den vergangenen zehn Jahren. Das hat damit zu tun, dass Spannung garantiert ist. Während an den Tabellenspitzen Europas Langeweile herrscht, gab es in den vergangenen fünf Jahren fünf verschiedene US-Meister. Das Play-off-System, eine Gehaltsobergrenze mit Ausnahme der „Designated Players“, die wie Schweinsteiger (4,5 Millionen Dollar pro Saison) mehr verdienen, und dem Draft, bei dem die schlechtesten Teams zuerst die besten Nachwuchsspieler verpflichten, machen das möglich. „Dadurch ist die Meisterschaft oft eine Lotterie“, sagt Friedrich.
Neben Schweinsteiger spielen nun acht weitere Deutsche in der MLS – nie waren es mehr. Für ihn selbst könnte es das letzte Jahr seiner Profikarriere werden. Dass er seine Karriere gemütlich austrudeln lassen wird, glaubt Arne Friedrich aber nicht. Er sagt: „Basti kann einem Team noch viel geben.“





