Hertha BSC

Knapp daneben ist auch vorbei

Hertha ist nach dem Hamburger SV das harmloseste Team der Rückrunde. Das steht höheren Zielen im Weg - und muss schnell geändert werden

Kein Torriecher: Vedad Ibisevic (wegen eines Nasenbeinbruchs mit Pflaster im Gesicht) und Hertha BSC warten seit drei Spielen auf einen Treffer

Kein Torriecher: Vedad Ibisevic (wegen eines Nasenbeinbruchs mit Pflaster im Gesicht) und Hertha BSC warten seit drei Spielen auf einen Treffer

Foto: Ottmar Winter

Berlin.  Die alarmierende Zahl ist Pal Dardai nicht entgangen, natürlich nicht. Erst vier Tore hat Hertha BSC in den acht Spielen der laufenden Rückrunde zustande gebracht, weniger als jeder andere Bundesligist (abgesehen vom HSV), und nur halb so viele wie zum gleichen Zeitpunkt in der Hinserie. Vorne geht wenig bis nichts bei den Berlinern, was ein echtes Problem darstellt, schließlich „geht’s ohne Tore nicht“, wie Herthas Chefcoach trefflich festhielt. Das 0:1 auf Schalke am Sonnabend war bereits die dritte Nullrunde in Folge.

Die Suche nach den Ursachen führt Dardai seit Wochen von einer Statistik zur nächsten. Name, Spiele, Tore, Vorlagen – dass sie bei Hertha akribisch Buch führen, versteht sich von selbst. Und dort steht sie also, die Wahrheit, die doch eigentlich auf dem Platz liegen soll, festgehalten schwarz auf weiß. Geändert hat sich in diesem Daten-Konglomerat wenig im Vergleich zu den Vorjahren. „Nur Salomon Kalou und Vedad Ibisevic haben eine gute Quote“, muss der Trainer feststellen.

Der Trainer nimmt Weiser, Plattenhardt und Darida in die Pflicht

Sommerzugang Valentino Lazaro sei mit seinen fünf Torvorlagen zwar auf einem guten Weg, dafür seien andere jedoch abgefallen. „Bei Mitchell Weiser ist es in diesem Jahr einen Tick zu dünn, genau wie bei Marvin Plattenhardt“, monierte Dardai. Beide stehen derzeit bei drei Torbeteiligungen, Weiser nach 19 Einsätzen, Plattenhardt nach 25. Mit Vladimir Darida nennt Dardai einen dritten Profi, von dem er sich mehr Torgefahr erhofft. Der wochenlang verletzte Tscheche hat in zwölf Spielen zwei Treffer eingeleitet.

Individuelle Werte sind das eine, Teamstatistiken das andere. Meist haperte es bei Hertha schon in der Entstehung – die Berliner erspielten sich schlicht zu wenige Gelegenheiten. Bei Champions-League-Anwärter Schalke, der Mannschaft, die die zweitwenigsten Torschüsse der Liga zulässt, mangelte es hingegen nicht an Chancen. Immerhin elf Mal feuerten die Berliner auf das Gehäuse von Ralf Fährmann. Zum Vergleich: In den fünf Partien zuvor brachte es Hertha im Schnitt auf nicht mal sieben Abschlüsse.

Diesmal ließ die Präzision zu wünschen übrig. „Uns hat die Effizienz gefehlt“, sagte Fabian Lustenberger und legte den Finger kurz darauf noch tiefer in die Wunde. „Die Effizienz war in den letzten drei Hinrunden immer unsere große Stärke“, erinnerte sich der Schweizer und brachte damit nur indirekt zum Ausdruck, was in den vergangenen Spielzeiten genauso die Regel war. Nämlich dass die Stärke im Abschluss in der zweiten Saisonhälfte zuverlässig schwächer wurde. 2015/16 folgten auf 26 Hinrunden-Tore nur 16 in der Rückserie; 1016/17 auf 25 nur 18.

Die Effizienz der Hinrunde ist im neuen Jahr verschwunden

In dieser Saison gelangen den Berlinern bis zur Winterpause erneut 26 Treffer – und zwar als kaltblütigste Vollstrecker der Liga. Bis Dezember benötigte Hertha nur sechs Anläufe für ein Tor. Aktuell landeten die letzten 25 Versuche neben dem Ziel. „In der Rückrunde machen wir insgesamt zu wenige Tore“, sagte Niklas Stark, der auf Schalke die beste Berliner Chance vergab, „daran müssen wir arbeiten.“

Besagte Arbeit ist längst in vollem Gang. 95 Prozent seiner Trainingsinhalte würden der Offensive gelten, erklärte Dardai, schließlich hätten sich die Defensiv-Routinen längst verfestigt. Vor der Partie am Sonnabend ließ er sogar gezielt Weitschüsse üben, „weil Schalke drei Riesen-Verteidiger hat und der Torwart deshalb nicht immer alles sieht“. Tatsächlich versuchten es die Berliner dann auch mehrfach aus der Distanz, allerdings ohne Erfolg.

Die Frage bleibt, wie Hertha zu mehr Torgefahr kommen soll. Spielmacher Ondrej Duda könne sicher helfen, meinte Dardai, so der Slowake denn mal ein paar Wochen gesund bleibt. Ansonsten sieht der Trainer nur begrenzt Einflussmöglichkeiten. Systematisch könne ein Team sich nur bis an den Sechzehner vorspielen. Danach sei individuelle Klasse gefragt, Gedanken- und Handlungsschnelligkeit, Kreativität und Mut zu Eins-gegen-eins-Situationen. Qualitäten, die am Sonnabend nur sporadisch aufblitzten.

Dardai verspricht Heimsieg gegen Freiburg

Im letzten Viertel der Saison, das nun anbricht, soll sich das tunlichst ändern. Dardai gibt sich zuversichtlich, setzt seine Mannschaft aber auch unter Druck. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir unser Heimspiel gegen Freiburg verlieren“, sagte der Ungar, der sich sicher ist: „Wir werden am Sonnabend gewinnen.“

Nach den zuletzt namhaften Gegnern stehen für Hertha vermeintlich lösbare Aufgaben an (s. Infokasten). Auf den Tabellen-13. aus Freiburg folgen Partien beim Hamburger SV und gegen den vom Abstieg bedrohten VfL Wolfsburg. Auf dem Papier, schwarz auf weiß, lesen sich die Ansetzungen wie Spiele, die Hertha gewinnen kann. Gelingt das, wäre das erste Liga-Ziel von 40 Punkten bereits erreicht.

Allzu laut will der Trainer dann aber doch nicht zur Attacke blasen. „Ich bin jetzt drei Jahre hier“, sagte Dardai, „und einfach war’s noch nie.“

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