Zur Schnelllebigkeit des Fußballs gehört, dass sich Perspektiven innerhalb von 90 Minuten komplett ändern können. Mit der Niederlage beim 1. FC Union hatte Friedhelm Funkel zumindest nach außen hin bald seinen Frieden gemacht. „Hier kann man verlieren“, sagte der Trainer von Fortuna Düsseldorf nach dem 1:3 in Berlin. Auch Stürmer Rouven Hennings fand: „Wir haben gegen eine starke Unioner Mannschaft gespielt. Das Resultat geht in Ordnung.“ Da verliert der Tabellenführer der Zweiten Liga bei einer Elf, die zuvor acht Spiele infolge nicht gewinnen konnte, aber das große Entsetzen blieb auf Seiten der Gäste aus.

Union gilt anscheinend immer noch als Spitzenmannschaft und wähnt sich zurück im Aufstiegskampf, der in dieser Saison eher einem Schneckenrennen gleicht. Da die anderen Bewerber wie Kiel oder Duisburg strauchelten, sind die Berliner der große Gewinner des Wochenendes und liegen nur noch fünf Punkte hinter dem Relegationsplatz drei. Angesichts von zuvor acht Spielen ohne Sieg grenzt das an ein sportliches Wunder.

Fünf Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz drei

Neben der schwächelnden Konkurrenz haben Steven Skrzybski (25) und Sebastian Polter (26) den größten Anteil daran, dass in dieser Saison nun wieder ein positiver Ausgang möglich ist. Die zwei sind nicht zu bremsen, an allen drei Toren waren sie gegen Düsseldorf beteiligt. Skrzybski traf zwei-, Polter einmal. Trainer André Hofschneider ließ sich gar zu einem Lob hinreißen. Was Skrzybski angeht, sagte er: „Steven zählt für mich zu den Topstürmern der Zweiten Liga. Das hat er jetzt in den letzten zwei Jahren bewiesen.“

Nicht nur die Tore seien es, sagt Hofschneider. Auch die Art, wie Skrzybski für die Mannschaft arbeitet. Unions Trainer benannte eine Szene, in der der Stürmer den Ball verlor, dann aber energisch in die eigene Hälfte zurücklief und bei der Rückeroberung half. Die blanken Zahlen geben Hofschneider sowieso recht: Mit zehn Toren liegt Skrzybski auf Platz vier der Torjägerliste. Vor ihm befindet sich unter anderem sein Sturmpartner Polter, der gemeinsam mit dem Nürnberger Mikael Ishak die Rangliste mit zwölf Treffern anführt. Damit stellt Union auch statistisch das beste Angriffsduo der Liga.

System des neuen Trainers nutzt die Stärken besser aus

Beide Stürmer waren von der Düsseldorfer Defensive, bis zum Spiel am Sonnabend immerhin die zweitbeste der Liga, nie in den Griff zu kriegen. Skrzybski und Polter, das passt. Vor dem Elfmeter zum Ausgleich schnappte sich Skrzybski den Ball, Polter kam hinzu, trabte nach einem kurzen Dialog aber wieder davon. Jedoch nicht, ohne seinem Partner einen aufmunternden Klaps mitzugeben. Abseits des Feldes könnten beide unterschiedlicher kaum sein. Skrzybski, geboren in Berlin, ist ein introvertierter Typ, der erst in den letzten Jahren gelernt hat, sich auch verbal zu wehren. Polter, der Norddeutsche, kehrt dagegen sein Inneres gern nach außen und liebt das Rampenlicht. Sportlich unterscheiden sich beide kaum weniger.

Mit 1,90 Meter Größe und 90 Kilo Körpergewicht gleicht Polter einem Modellathleten, der den idealen Prellbock abgibt, der Gegenspieler bindet und Bälle im Zentrum festmachen machen. Und dann Skrzybski, der wendige, flinke Sprintertyp, ausgestattet mit einer überragenden Technik und einem präzisen Passspiel. Gegen Düsseldorf stellte sie Hofschneider wieder als Doppelspitze im 3-5-2-System auf. In dieser Formation kann Skrzybski noch näher um Polter kreisen und die von ihm geschaffenen Räume nutzen. Unter Vorgänger Jens Keller agierte er eher an der Außenbahn in dessen bevorzugtem 4-3-3.

Unter Trainer Keller drohte Skrzybski mit Abgang

Überhaupt das Ende der Keller-Zeit. Für Skrzybski war sie ein aufwühlender Abschnitt. Im November hatte der Stürmer angedroht, einen Vereinswechsel ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Das immer häufigere Bankdrückerdasein machte ihm zu schaffen. Die Tore sprachen ja für ihn, die Leistungen nicht, fand Keller. Skrzybski, der Mann der leisen Worte, wurde zum ersten Mal laut. Und fand Gehör. Es gibt Leute, die glauben, dass zu den vielen Aspekten, die bei der überraschenden Entlassung von Keller eine Rolle spielten, auch Skrzybskis Situation gehörte. Dass er und der Trainer am Ende nicht mehr so miteinander auskamen wie noch zu Beginn, war offensichtlich. Ein vorzeitiger Abgang des Mannes, der seit seinem sechsten Lebensjahr für Union spielt, wäre den Fans schwer zu vermitteln gewesen.

Was die Zukunft angeht, wird sich Union wohl oder übel mit dieser Thematik befassen müssen. Wie begehrt erfolgreiche Torjäger sind, erfuhr der Klub vor zwei Jahren, als Bobby Wood nach nur einer Saison gleich zum HSV wechselte. Angebote aus der Bundesliga wird es im Sommer vermutlich für beide geben, Polter und Skrzybski. Um ein ­gutes Gegenargument zu haben, dürfte Union kaum etwas anderes übrig ­bleiben, als aufzusteigen.