Box-Schicksal

Eduard Gutknecht und der schwerste Kampf seines Lebens

Eduard Gutknecht war Europameister, jetzt ist er ein Pflegefall. Eine bewegende Geschichte über den langen Weg zurück in die Normalität

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Westerbeck.  "Dankedanke. Essen. Apfel." Und nach einer Pause, lächelnd: "Marmelade." Die ganze Zeit hat der Mann im Rollstuhl nur zugehört. Jetzt spricht er plötzlich, laut und deutlich. Er trinkt einen Kaffee, die Tasse hält er sicher in seiner linken Hand. Gerade hatte ihn seine Frau ermuntert: "Eddy, du kannst auch mal was sagen." Sie berichtet ja schon eine ganze Weile von seinen Fortschritten. Dass er gern isst, zum Beispiel. "Ein gutes Zeichen", sagt sie tapfer.

Julia Gutknecht sammelt jedes noch so kleine dieser Zeichen wie Schätze, seit er im vergangenen September zurück nach Hause kam. Das erste "Nein" vier Wochen später, tags darauf das erste "Ja", nur gehaucht. Das erste Mal die linke Hand bewegt, im Bett das Bein gehoben. Wenn genug dieser Schätze zusammengekommen sind, das hofft sie, nein, das glaubt sie ganz fest, dann können Eddy, ihre drei kleinen Kinder und sie wieder eine glückliche Familie sein.

Das wären sie, wäre nur dieser letzte Kampf Eduard Gutknechts nicht gewesen. In der Londoner Wembley Arena boxte er am 18. November 2016 gegen George Groves. Ein Treffer des Briten ließ Gutknechts rechtes Auge zuschwellen. In der Schlussphase konnte er die Schläge kaum noch kommen sehen, die seinen Kopf erschütterten. Der Ringrichter hätte den Kampf besser abgebrochen. Trainer Hartmut Schröder vom Berliner Wiking-Boxstall hätte besser das Handtuch geworfen für seinen Schützling. Der hätte besser aufgegeben – verloren war der Fight sowieso. Keine Ausnahme im Profiboxen, dass all dies nicht geschah. Mit fatalen Folgen diesmal.

Eine Gehirnblutung und mehrere Schlaganfälle

Gutknecht hielt bis zum Ende der zwölf Runden durch. In der Kabine brach er zusammen. Seine Frau hatte gleich ein sehr schlechtes Gefühl, weil er nicht wie üblich nach dem Kampf zu Hause anrief. Er ging auch nicht ans Handy. Warum nicht, erfuhr sie, als sich in der Nacht ein Arzt aus dem St. Mary's Hospital bei ihr meldete. Ihr Mann musste nach einer Gehirnblutung notoperiert werden. Er erlitt mehrere Schlaganfälle.

Die Ärzte sagten, sie wüssten nicht, ob er überleben werde. Eddy überlebte. Als er im Koma lag, hieß es, dass sich sein Zustand vielleicht nie mehr ändern werde. Seine Frau war verzweifelt. Aber er änderte sich, sehr positiv sogar. Julia Gutknecht sagt: "Vor einem Jahr hätte ich nicht gedacht, dass ich das so hinkriege. Der Arzt sagte nach der Reha: Nach zwei Wochen brechen Sie zusammen!" Sie ist nicht zusammengebrochen. Sie hat viel geweint, und sie weint immer noch oft. Es bricht ihr das Herz, wenn ihr älterer Sohn Noel sagt: "Mama, ich wünschte, Papa wäre wieder gesund." Aber jetzt ist neben dem Schmerz da auch große Hoffnung.

Trotz der finanziellen Sorgen, die hinzukamen. Schon der Transport aus England nach Deutschland im Anschluss an die Operation hatte 30.000 Euro gekostet. Das Haus der Gutknechts musste behindertengerecht umgebaut werden, als der ehemalige Profi nach seiner Reha nach Westerbeck bei Gifhorn zurückkehrte. Alles kostete: der elektrische Rollstuhl, ein spezielles Bett, eine Rampe am Hauseingang, die Aufstehhilfe, verschiedene Therapien, die wirken, aber teuer sind. "Ich kann mich nicht beschweren über die Krankenkasse, sie hilft viel", sagt Julia Gutknecht. Aber alles kann sie nicht übernehmen.

Grundstück und Auto verkauft, um Therapie zu zahlen

Eine sechsstellige Summe hat die Familie selbst investiert, das meiste Geld stammte aus Spenden. Sie hatten ein kleines Grundstück, das hat Julia Gutknecht verkauft, ebenso ihr Auto. Von der Boxkarriere ist nichts übrig geblieben. Der 35-Jährige zählte nicht zu den Großverdienern der Branche, obwohl er von seinen 36 Profikämpfen 30 gewann, es bis zum Europameister des Verbandes EBU brachte. Die 25.000 Euro Gage für den verhängnisvollen Kampf gegen Groves waren eine Ausnahme nach oben; er boxte auch schon mal für 2000 Euro.

Der Mittelgewichtler, der 157 Kämpfe als Amateur bestritt und WM-Zweiter bei den Junioren sowie zweimal deutscher Meister bei den Männern wurde, boxte mehr aus Leidenschaft denn mit dem Ziel, reich zu werden. Neben dem Sport zählte vor allem seine eigene Familie, für die er vorsorgen wollte. Und sein Vater und seine Geschwister Alexander und Irina, mit denen er 1995 aus Kasachstan über Weißrussland nach Dannenbüttel in Niedersachsen gekommen war, wenige Kilometer von Westerbeck entfernt, wo Eduard Gutknecht jetzt lebt.

"Eddy war immer für andere da. Er hat uns großgezogen", erzählt seine Schwester Irina. "Als Papa arbeiten war, hat er für uns gekocht, uns gebadet, uns schlafen gelegt. Er war erst 13." Er hat sie auch beschützt. In Weißrussland wurden die Gutknechts als Nazis beschimpft, in Deutschland waren sie die doofen Russen. Wenn Eddy kam, war Ruhe. Als er 17 Jahre alt war, hat er auf dem Schützenfest in Dannenbüttel seine Julia kennengelernt. Seitdem sind beide unzertrennlich. Ihre Kinder Noel, Marc und Leni sind neun, acht und drei Jahre alt.

Die Familie hat den Boxer nicht einen Tag allein gelassen

Gutknecht hat bei VW Industriemechaniker gelernt, seinen Fachwirt gemacht, 2014 sogar in Potsdam seinen Bachelor in Gesundheitsmanagement abgelegt – ungewöhnlich für einen Boxer. Er hat seiner Familie ein Haus gebaut. Nach dem Kampf in London wollte er endlich aufhören. Aber natürlich nicht so. Nun macht sich Julia Gutknecht große Sorgen, ob sie hier wohnen bleiben können, wenn der Kredit in wenigen Jahren ausläuft.

Ihre Schwester ist mit ihren zwei Kindern zu ihr gezogen, um ihr zu helfen. Julia Gutknecht bezieht Pflege- und Kindergeld. Außerdem arbeitet sie als Büroangestellte ein paar Stunden die Woche – neben Haushalt, Garten, den Kindern, Hausaufgaben. Und Eddy natürlich. "Ich setze ihn aufs Fahrrad oder übe mit ihm an der Sprossenwand." Obwohl ihr Mann doppelt so schwer ist wie sie selbst, schafft sie es, ihm in den Rollstuhl und auf die Toilette zu helfen. Wieder so ein großer, wertvoller Schritt. An der Sprossenwand kann er kurz stehen, laufen funktioniert noch nicht. Trotzdem: Was ihr Mann alles schafft, versetzt sie manchmal in Erstaunen. Sie zwingt sich, geduldig zu sein: "Es kann nur nach vorn gehen, wenn es auch langsam geht."

Und wenn alle helfen. Ihre Mutter und ihr Schwiegervater sind sofort da, wenn sie etwas braucht. Vom ersten Tag seiner Operation an war immer jemand bei Eduard Gutknecht. Jeden einzelnen Tag. Während der Reha in Bremen hat die Familie dafür sogar eine Art Schichtdienst entwickelt. "Wir wollten einfach nicht, dass er untergeht", sagt Irina Gutknecht, "jetzt sind wir froh, wie weit er ist."

Hilfe durch Spenden – auch aus dem Berliner Sport

Auch das große Engagement der Familie hätte jedoch nicht gereicht ohne die Hilfsbereitschaft anderer Menschen. Obwohl sie sich anfangs dagegen gesträubt hat, geht Julia Gutknecht mit ihrem Schicksal inzwischen offensiv um. Sie bittet um Hilfe. "Die Familie hat es so beschlossen. Anders schaffen wir es ja nicht." Eine Benefizveranstaltung der IG Metall in Gifhorn hat eine fünfstellige Summe eingebracht, noch einmal die gleiche Summe kam bei der Berliner Sportler-Gala im Dezember zusammen. Auch George Groves, dem die Gutknechts keinen Vorwurf machen, hat Geld gesammelt.

Nicht immer ist es Geld, manchmal sind es Gesten oder kleine Geschenke, die zeigen, dass sie nicht allein stehen. Plötzlich ist ein Nachbar im Garten, der den Rasen mäht. Oder eine Frau, die sie gar nicht kennt, schenkt ihr einen Adventskalender mit 24 kleinen Präsenten. "Sie sagte: Viele denken an Eddy, auch an die Kinder, aber niemand an dich", erzählt Julia Gutknecht, "das war sehr lieb." Wie so oft im Gespräch bricht sie plötzlich ab.

Hätte man das Unglück verhindern können? Schicksalsschläge wie diesen erleben nicht nur Boxer, auch nicht nur Sportler. Vater Alexander Gutknecht sagt leise: "Ich habe meine Kinder zum Sport geschickt. Weil ich dachte, so fangen sie nicht an zu rauchen und Alkohol zu trinken." Er kämpft mit den Tränen. "Jetzt lebt man für die Sekunden, wo man denkt, es wird wieder alles gut mit Eddy." Für die kleinen Zeichen. Für die Schätze.

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