Saeed Omer wollte ja kämpfen. Aber nicht mit dem Maschinengewehr, sondern mit Fäusten. Boxen war seine große Leidenschaft, seit er im Fernsehen das erste Mal Floyd Mayweather gesehen hatte. „Ich wollte so werden wir er, einer der größten Boxer der Welt“, erzählt Omer. Doch nun lag seine Turnhalle in Trümmern. Zerstört von einer Granate im syrischen Bürgerkrieg.
Der 18-Jährige stammt aus Al-Hasaka im Nordosten Syriens. 2015 musste er fliehen und machte sich zusammen mit seinen Eltern und seinem zwei Jahre älteren Bruder Hassan auf die Reise nach Europa. Das Ziel: Berlin. „Wir hatten gehört, dass es dort besser sein soll. Und genauso ist es auch gekommen.“ Omer spricht nicht viel über die Flucht, nur dass sie schwierig gewesen sei. Tagelang sei die Familie durch unwegsames Gelände gewandert, immer wieder mussten sie durch Gestrüpp kriechen. Vielleicht lernte er dort, sich durchzusetzen. Er musste es, um zu überleben.
Im November wurde er Deutscher Meister der U21-Junioren
„Er ist ein echter Kämpfer“, meint Peter Miesner, der Vorsitzende des Berliner Boxverbands und gleichzeitig des Spandauer Boxclubs. Dort ist Saeed Omer inzwischen untergekommen. Bei einem Boxprojekt, das im Rahmen des Masterplans Integration vom Berliner Senat gefördert wird, entdeckten die Trainer den damals noch 17-Jährigen. „Er ist schnell und beweglich, ein guter Techniker, aber auch mit dem nötigen Bums ausgestattet“, sagt Miesner. „Ich halte ihn für eines der größten Talente, die wir momentan in Berlin haben.“
Im November 2017 wurde Omer zunächst deutscher Meister der U21-Junioren. Das allein war schon eine Überraschung, doch es sollte noch besser kommen. Einen Monat später siegte er bei den Internationalen Deutschen Meisterschaften (IDM) der Erwachsenen in Lübeck. Im Finale im Leichtgewicht bezwang er mit dem Völklinger Wessam Salana einen Landsmann, denn auch Salana ist einst aus Syrien geflohen. Omer profitierte bei seinem Erfolg davon, dass die deutsche Nummer eins in seiner Gewichtsklasse, der Berliner Murat Yildirim, wegen eines Bundeswehrlehrgangs auf eine Teilnahme verzichten musste.
Noch hat der 18-Jährige keinen deutschen Pass
Es war der erste Titel für einen Spandauer Kämpfer seit neun Jahren, als bei den Frauen Nina Meinke ebenfalls Gold gewonnen hatte. Doch Omer denkt bereits weiter: „Ich möchte auch international eine Medaille gewinnen“, sagt er. „Das wäre mein Dankeschön dafür, dass Deutschland uns aufgenommen hat.“ Dafür bräuchte er allerdings zunächst einen deutschen Pass, ohne den er zwar an der IDM teilnehmen darf, aber eben nicht an WM und EM. Bislang hat Omer nur einen Aufenthaltstitel bis 2020. Er will jedoch auch darüber hinaus bleiben und paukt fleißig die Sprache. „Das ist schwieriger als Boxen“, meint er. „Aber ich will unbedingt hier bleiben. In Syrien gibt es nicht so viele gute Boxer. In Berlin kann ich mich regelmäßig mit den Besten messen und dadurch noch besser werden.“
Seit dieser Saison gehört er auch zum festen Stamm von Hertha BSC und kämpft für die Blau-Weißen in der Bundesliga – das nächste Mal am kommenden Sonnabend daheim gegen Traktor Schwerin. Sein Traum aber ist es, Profi zu werden, am liebsten schon in den nächsten zwei Jahren. Peter Miesner meint jedoch, dass ein solcher Schritt wohl überlegt sein sollte: „Ein Leichtgewicht von 60 Kilogramm ist bei den Profis nicht so gefragt. Da kann man erst ab 75 Kilogramm wirklich Geld verdienen. Die Zuschauer wollen nun einmal die schweren Kerle sehen.“
Auch boxerisch sei Saeed Omer noch nicht bereit für einen Wechsel zu den Profibereich: „Manchmal ist er mir noch zu hektisch. Er boxt bislang noch zu oft aus dem Bauch heraus, da fehlt ihm einfach die Erfahrung.“ Trotzdem traut er ihm zu, dass er bald auch international auf sich aufmerksam macht.
„Da ist er sehr ehrgeizig“, so Miesner. Als ein Cousin von Saeed Omer im vergangenen Jahr heiratete, da langte der Sportler am Büffet ordentlich zu – prompt brachte er nach dem Wochenende vier Kilo mehr auf die Waage. Bis zum nächsten Kampf hatte er sein Gewicht aber wieder auf die erlaubten 60 Kilo gedrückt, so wie er es seinem Trainer zuvor versprochen hatte. Auf dem Weg an die Spitze lässt sich Omer von nichts und niemandem aufhalten. Vom Krieg in seiner Heimat nicht. Und erst recht nicht von einem allzu üppigen Hochzeitsschmaus.




