In Spanien ist es Brauch, seinen Unmut durch das Schwenken von weißen Taschentüchern zum Ausdruck zu bringen. Kommen sie im Stadion zum Vorschein, fordert das Publikum Konsequenzen. Es ist noch nicht lange her, da war das Schmäh-Utensil stets präsent im Mestalla, der Heimstätte des FC Valencia. Regelmäßig wurde es gezückt. Und während der Ostküstenwind Levante das weiße Heer in der Luft flattern ließ, spuckten die Besucher Gift und Galle.
Böse Schimpftiraden gab es von den Rängen zu hören, gerichtet an Spieler, Trainer, vor allem aber an Peter Lim, dem Besitzer und Präsidenten des Klubs, der gern auf der Tribüne in seiner Loge residierte. Lim, ein Milliardär aus Singapur, hatte den hoch verschuldeten Traditionsverein (spanischer Meister, Uefa-Cup-Sieger, Champions-League-Finalist) 2014 übernommen und angekündigt, ihn zu alter Größe führen zu wollen. Doch das Gegenteil trat ein: Unter Lims Regie bewegte sich Valencia nahe am Abgrund zur zweiten Liga, in die man noch nie abgestiegen war.
Fachkompetenz ist wichtiger als finanzielle Möglichkeiten
Seit dieser Saison sind die weißen Taschentücher aus dem Mestalla verschwunden, was in erster Linie mit dem Verschwinden von Peter Lim zu tun hat. Valencia startet am Sonnabend gegen Girona (16.15 Uhr/Livestream bei DAZN) als Tabellendritter ins neue Kalenderjahr. Aus dem Abstiegsanwärter ist binnen weniger Monate ein Champions-League-Aspirant geworden.
Was sich nach einem modernen Fußball-Märchen anhört, ist in Wirklichkeit nur ein Beleg dafür, das Fachkompetenz durch finanzielle Möglichkeiten allein nicht ersetzt werden kann. Der alte, bei Fußballern so beliebte Spruch „Geld schießt keine Tore“ mag längst überholt sein, jedoch garantiert Liquidität allein auch in diesen durch kommerzialisierten Zeiten keinen Erfolg. Beim Hamburger SV weiß man, wovon die Rede ist. Oder beim AC Mailand. Dort hatten neue Investoren, ebenfalls aus Asien, im Sommer 194 Millionen Euro für frisches Personal ausgegeben. Die Rendite blieb aus, Milan liegt nur auf Platz elf der Serie A.
Auch Lim, ein erfolgreicher Geschäftsmann ohne jeglichen Fußballverstand, hatte es bis zum vergangenen Sommer mit der finanziellen Brechstange versucht und weit über 200 Millionen Euro in den Kader investiert. Bei der Zusammenstellung vertraute er nicht etwa einem fachkundigen Sportdirektor, sondern Jorge Mendes, dem mächtigsten Spielerberater der Welt. Der hatte eher die Unterbringung von eigenen Klienten als das Wohl des FC Valencia im Sinn. So mutierte die Mannschaft zum Liegesofa für bewegungsunmotivierte, überbezahlte Profis. Weil zur Überraschung Lims der Erfolg ausblieb, hatte er am Ende der abgelaufenen Saison genug, die Zuwendungen wurden gekürzt.
Statt 200 Millionen Euro wurden nur noch 39 Millionen Ausgegeben
Lim ist heute zwar immer noch Besitzer, aber kaum noch in Spanien gegenwärtig. Als Statthalter und neuen Präsidenten hat er seinen einstigen Assistenten Anil Murthy eingesetzt. Der hält sich wie auch Lim neuerdings aus dem operativen Geschäft heraus, die Verantwortung dort trägt Sportdirektor Mateu Alemany. Dessen erste Amtshandlung war die Verpflichtung von Marcelino Garcia Toral als Cheftrainer, einem in Spanien anerkannten Talenteentwickler. Das Duo gab zwar immer noch 39 Millionen Euro für neue Spieler aus, davon entfielen aber allein 16 auf Simone Zaza, der mit zehn Treffern der erfolgreichste Torschütze des Teams geworden ist. Wichtiger als das Einkaufen war das Verkaufen.
Lims Lieblinge wurden verscherbelt. Spieler, die einst für 55 Millionen Euro gekommen waren (Alvaro Negredo, Enzo Pérez), fanden für fünf Millionen neue Arbeitgeber. Torwart Diego Alves, ein sozialunverträglicher Charakter, für den Barcelona ein Jahr zuvor 20 Millionen geboten hatte, wurden für 300.000 Euro nach Brasilien transferiert. Geld war Alemany und Marcelino egal. „Um die Dynamik innerhalb des Kaders zu verändern, mussten einige Spieler gehen“, sagte Marcelino der Zeitung „El Pais“. Die neue Mannschaft sollte charakterlich sauber sein.
Geholt wurden dafür weitestgehend Unbekannte wie Neto, Geoffrey Kondogbia, Jeison Murillo oder Goncalo Guedes. Letzterer, bei Paris Saint- Germain ohne Chance, ist nun die Entdeckung der Saison. Dazu kommen Talente aus der eigenen Akademie, die zu den besten Europas zählt und die Spieler wie Juan Bernat (heute FC Bayern), Isco (Real Madrid) oder David Silva (Manchester City) hervorbrachte. Die neuen Nachwuchshoffnungen heißen Carlos Soler, Toni Lato und José Luis Gaya, die es unter Trainer Marcelino in die Stammelf geschafft haben. Mit einem Durchschnittsalter von 24 Jahren ist der Kader der jüngste der Primera Division. Die Zukunft kann wieder Valencia gehören. Präsident Murthy träumt schon davon: „Wir befinden uns auf einem guten Weg. Unser Ziel muss es auf kurz oder lang sein, immer oben in der Tabelle zu landen.“





