Vor sieben Jahren stand eine ganze Sportart vor Gericht. Genauer gesagt: Das Urteil des Gerichts machte Tischfußball überhaupt erst zu einer Sportart. 2010 kam das hessische Finanzgericht zu dem Schluss, dass „die Förderung des wettkampfmäßig betriebenen Drehstangen-Tischfußballs Förderung des Sports ist“ und die Vereine deswegen von der Körperschaftssteuer befreit seien. Zwei Jahre später änderte das Bundesfinanzministerium die Abgabenordnung entsprechend – seitdem steht Tischfußball nicht mehr in einer Reihe mit Bridge, Paintball und Tipp-Kick, sondern ist zumindest steuerrechtlich dem echten Fußball gleichgestellt.
Für Oke Harms war diese Entscheidung schon lange überfällig. „Tischfußball hat mit dem Kickern in der Kneipe nicht viel gemein“, sagt er. Während letzteres ein geselliger Zeitvertreib sei, ideal um einfach mal den Kopf auszuschalten, müsse man bei der offiziellen Variante genau das Gegenteil tun, nämlich seinen Kopf benutzen. Der Charlottenburger bezeichnet Tischfußball deshalb auch gern als Hochgeschwindigkeitsschach. „Ich versuche den Gegner zu beeinflussen, und dieser sich nicht darauf einzulassen. Ich zeige ihm also eine Lücke auf, so dass er dort hindurchschießen kann, wobei ich gleichzeitig ahne, dass er wohl nicht darauf reinfallen wird und ich deshalb schon wieder eine Alternative parat habe. Wer gewinnen will, muss immer einen Schritt weiter denken als der Gegner.“
Die Bälle können bis zu 60 km/h schnell werden
In Deutschland beherrscht das kaum jemand so gut wie er. Der 33-Jährige war schon mehrfach deutscher Meister, 2014 wurde er mit Deutschland Mannschaftsweltmeister, im vergangenen Jahr dann Team-Europameister. Bei der Einzel-WM im April 2017 in Hamburg belegte er Platz fünf. Als Jugendlicher hatte er Tennis gespielt, später Fußball, erst mit Anfang 20 entdeckte er seine Leidenschaft für Tischfußball.
Harms stammt ursprünglich aus der Nähe von Oldenburg (Niedersachsen), wo er eines Abends in einer Bar am Kickertisch sein Aha-Erlebnis hatte. „Da waren ein paar Spieler, die haben die Bälle ganz anders geknallt als alle anderen“, erinnert er sich. Harms gesellte sich dazu – und verlor haushoch. Trotzdem attestierten ihm die Gäste großes Talent beim Tischfußball. Es stellte sich heraus, dass sie in einem Verein spielten, dem sich auch Oke Harms kurz darauf anschloss. Er trainierte jeden Tag, „es war wie eine Sucht“, sagt er. Zwei Monate später wollten seine Freunde schon nicht mehr gegen ihn antreten: Er war ihnen einfach zu gut geworden.
„Die meisten Hobbyspieler schießen den Ball immer schnell wieder weg. Die Profis versuchen dagegen, ihn möglichst lange in den eigenen Reihen zu halten“, erklärt Harms, worauf es ankommt. Ziel sei es, die Kugel zum Mittelstürmer zu bekommen – von dieser Position fallen rund 90 Prozent aller Tore. „Das ist quasi der Robert Lewandowski beim Tischfußball“ sagt er. Es existieren verschiedene Schusstechniken: Bei Oke Harms erfolgt die Schussbewegung aus dem Handgelenk; viele andere Spieler führen den Griff der Stange dagegen in der offenen Hand und rollen über die Handfläche ab – der sogenannte Pin-Shot. Dabei können die Bälle eine Geschwindigkeit von bis zu 60 Stundenkilometern erreichen.
Berlin als einer der stärksten Standorte
Gespielt wird beim Tischfußball in der Regel über drei Gewinnsätze. Wer zuerst fünf Tore erzielt und dabei mindestens zwei Treffer Vorsprung hat, gewinnt den Satz. Bei nur einem Tor Differenz wird bis zu einem Zwei-Tore-Unterschied weitergespielt, höchstens aber bis acht. Neben Einzel und Doppel gibt es auch Mannschaftwettbewerbe – von den Weltmeisterschaften bis ganz nach unten zur Kreisklasse. „Das ist eine schöne Kombination, denn dadurch kann man fast jedes Wochenende ein Turnier spielen“, sagt Oke Harms, der seit 2007 in Berlin lebt.
Nirgendwo auf der Welt ist der Spielbetrieb so gut organisiert wie in Deutschland beim Deutschen Tischfußball-Bund (DTFB). Bundesweit sind dort insgesamt 10.000 Spieler versammelt – Tendenz stark steigend. Ein Viertel davon stammt aus dem Saarland, wo Tischfußball fast schon Volkssport ist, doch auch in Berlin, Hamburg und Nordrhein-Westfalen gibt es viele Tischfußball-Spieler. Die meisten sind schon etwas älter, doch in den vergangenen Jahren wurden vermehrt Anstrengungen unternommen, auch schon Jugendliche für den Sport zu begeistern. Es laufen mehrere Schulprojekte, an der FU Berlin ist Tischfußball offizieller Teil des Hochschulsports.
Profi-Klubs wie St. Pauli und Hannover mit eigenen Teams
In der Bundesliga trägt Oke Harms das Trikot von Hannover 96. 2012 gewann er mit den Niedersachsen sogar die Champions League. Mit fünf deutschen Meistertiteln ist Hannover Rekordsieger, zuletzt bezwang man im Endspiel Eintracht Frankfurt. Die Finalpaarung war kein Zufall: Immer mehr Fußballvereine entdecken den Tischfußball für sich, darunter auch Eintracht Braunschweig und der FC St. Pauli, der inzwischen sogar der größte Tischfußballverein der Welt ist.
„Damit erreichen wir eine ganz andere Aufmerksamkeit“, sagt Harms, der in Berlin auch einen Fachhandel zum Thema betreibt. „Die Leute gucken einfach mehr, wenn wir in Bundesligatrikots auftreten.“ Bei Hertha und Union gibt es bislang noch keine Tischfußballabteilung. Das Argument, es würde sich dabei nicht um Sport handeln, sollte als Begründung nicht länger herhalten.





