Was verbindet Sebastian Vettel aus Heppenheim und den Berliner Mike Szymura? Beide sind Formel-1-Piloten, für beide endet die Saison 2017 in Abu Dhabi. Und – wohl die überraschendste Gemeinsamkeit – beide profitierten im Verlauf ihrer Karrieren von der Fürsprache der Brüder Michael und Ralf Schumacher. Was trennt Vettel von Szymura? Zuallererst die Elemente.

Sebastian Vettel, 30 Jahre alt und viermaliger Weltmeister auf der Straße, will heute im rund 900 PS starken Ferrari mit einem Sieg frische Motivation für 2018 aufbauen. Mike Szymura, mit 24 immerhin dreimaliger Weltchampion der Formel 4, geht, angetrieben von nicht ganz 450 PS, zwischen dem 6. und 15. Dezember gleich zweimal am Persischen Golf an den Start. Als einer von weltweit 22 Formel-1-Motorbootfahrern. Was trennt sie noch? Die Finanzen. Im Gegensatz zu Multimillionär Vettel verdient Deutschlands momentan schnellster Motorbootfahrer seine Brötchen als Bäcker im Stadtteil Moabit.

Erster Kontakt durch den Motor-Yacht-Club Preußen in Berlin

Szymuras Weg in die Eliteklasse auf dem Wasser begann am 14. Juli 2007. „Ich war damals mit meinem Vater als Zuschauer an der Regattastrecke in Grünau und fand das Ganze richtig gut. Das wollte ich auch machen“, sagt Szymura zehn Jahre später. Immerhin: Vater Peter (54) hatte als Importeur für Boote eine innige Beziehung zum Metier und ist bis heute Dreh-und Angelpunkt an der Rennstrecke: als Ratgeber, Mechaniker, Motivator und Tröster. Und als Finanzgenie. Etwa 130.000 Euro kostet ein F1-Boot, gut 30.000 ein Motor (man braucht mindestens zwei) und gut 5000 Euro verschlingt die nach jedem Rennen notwendige Motor-Revision.

Machbar ist das nur, weil sich Szymura als Ausnahmetalent, zunächst in Deutschland, erwiesen hat. Dem Zuschauen folgte die Mitgliedschaft beim Motor-Yacht-Club Preußen in Berlin. Es folgten Siege, nationale Titel und ein Votum von Ralf Schumacher. Der jüngere Bruder (42) von Rekordweltmeister Michael (48) erinnert sich: „Es ging um Förderplätze in der ADAC-Sportstiftung. Ich kannte Szymura nicht, aber er hatte eine sensationelle Saisonbilanz (16 Siege und zwei zweite Plätze bei 18 Rennen, d.Red.). Und die Motorbootfahrer standen nie so sehr im Vordergrund. Es war einfach mal einer von ihnen dran.“

Bekanntheit der Motorboot-Formel 1 steigt

Szymuras nationale Erfolge blieben ebenfalls nicht verborgen. Ausgerechnet ein Konkurrent, Stefan Hagin, gab ihm den Tipp, sich in Richtung des portugiesischen Atlantic-Teams zu orientieren. Dort sei ein Fahrerplatz in der Formel 4 frei. „Das war eine neue Erfahrung. Wir hatten eine noch professionellere Teamstruktur und wir fuhren im Rahmen der Formel-1-WM“, erzählt Szymura. Rennen in Portugal, Frankreich, China und am Persischen Golf folgten. Der Berliner war von 2013 bis 2015 das Maß der Dinge in der F4-Welt. Dabei stets beobachtet von Scott Gillman, Chef des Teams Victory Emirates mit Sitz in Abu Dhabi.

„Gillman hat mich gefragt, ob wir aufsteigen wollen, und da bei Atlantic kein freier Fahrerplatz in der Formel 1 existierte, griffen wir zu.“ Szymura erzählt das sachlich, denn der Amerikaner, dreifacher Weltchampion, hatte klare Vorstellungen. Infrastruktur an der Strecke, Unterkunft, Transport der kompletten Ausrüstung, Betreuung vor Ort durch den veranstaltenden Weltverband UIM, technische Unterstützung durch einen Spitzenmechaniker aus Sydney – alles gegen eine feste Summe pro Rennen.

Bislang rechtfertigt Szymura den Aufwand. Eine Trainingsbestzeit, zwei Top-Ten-Plätze. Zuletzt als Siebter in China, wo er schon wesentlich mehr Autogramme geschrieben habe als jemals in Deutschland.

In fünfeinhalb Sekunden von Null auf Tempo 200

Szymuras Mercury beschleunigt in fünfeinhalb Sekunden von null auf Tempo 200. Je nach Strecke sind die sechs Meter langen, bis zu 2,80 Meter breiten und inklusive Fahrer mindestens 550 Kilo schweren Boote zwischen 230 und 250 km/h schnell. An den Wendebojen treten Fliehkräfte wie im Rennauto auf (bis 5 g). Und das sich auf dem Wasser alles doppelt so schnell anfühlt, ist Szymura wohl rasanter unterwegs als Vettel. Für Havariefälle sind alle Piloten mit tragbaren Sauerstoff-Flaschen ausgerüstet. Dazu kommen Rennanzug, Helm mit Nackenschutz und Schwimmweste. Im Schnitt dauern die Rennen 45 Minuten. „Danach weißt du, was du gemacht hast“, sagt Szymura, der sich oft im Fitness-Studio quält. Auch, um Teamkollegin Marit Stromoy, trotz ihres Erfahrungsvorsprungs, im Griff zu behalten. Die Norwegerin fährt seit 2007 in der Königsklasse, ist die einzige Frau im Starterfeld, 2017 aber noch ohne WM-Punkte.

Auf Szymuras Wunschzettel stehen drei Positionen. Zwei gute Rennen am Golf. Etwas mehr Öffentlichkeit, um Sponsoren an Land ziehen zu können. Und eine Vertragsverlängerung für 2018. In Abu Dhabi kann und will der Berliner die Weichen stellen.