André Lackners Talent schlummerte schon länger im Verborgenen. Als er als Jugendlicher mit dem Billardspielen anfing, durfte im Vereinsheim des PBC Wedding noch geraucht werden. An manchen Tagen war es so verqualmt, dass man die hinteren Tische vom Eingang aus nicht mehr erkennen konnte. Mittlerweile herrscht dort zwar Rauchverbot, doch Lackners Fertigkeiten mit dem Queue bekommt auch heute noch kaum jemand mit. Denn der Berliner spielt nicht etwa Snooker, das regelmäßig im Fernsehen übertragen wird. Er hat sich für Poolbillard entschieden.
Schon oft haben ihm Freunde geraten: Mach etwas anderes! Wechsele doch lieber zum Snooker, wo du richtig abkassieren kannst. Doch André Lackner geht seinen Weg. „Es stimmt schon, dass ich beim Snooker mehr Geld verdienen könnte, weil die Preisgelder wesentlich höher sind“, sagt der 26-Jährige. Dafür sei der Weg in die Weltspitze beim Poolbillard kürzer. Bei seiner ersten EM in Portugal erreichte Lackner im März Platz fünf und qualifizierte sich damit als einer von vier Deutschen auch für die Weltmeisterschaft, die am kommenden Wochenende in Katar beginnt. Sein Ziel ist dort zunächst einmal das Erreichen der K.o.-Runde der besten 64.
Ein Training dauert bis zu sechs Stunden
Damit die Kugeln richtig sitzen, übt Lackner fünf Mal pro Woche, manchmal sechs Stunden lang. Er hat das Glück, dass direkt neben seinem Haus in Tegel ein Billardverein eingezogen ist, dessen Tische er mitbenutzen darf, auch wenn er weiterhin Mitglied beim PBC ist. Dabei geht er es auch im Training niemals locker an. „Es geht darum, auch im Training die Wettkampfsituation zu simulieren“, sagt er. Beim Billard sei mentale Stärke gefragt, niemals dürfe man an sich zweifeln. „Sobald man anfängt daran zu denken, dass die Kugel klappern, also nicht reingehen könnte, kommt es meistens genau so. Das ist so eine Art selbsterfüllende Prophezeiung.“
Lackner scheinen solche Gedanken fremd zu sein, sonst hätte er nicht solchen Erfolg. 2012 und 2015 gewann er jeweils das Berlin Masters, das wichtigste Turnier in der Stadt. 2016 wurde er deutscher Meister in der Disziplin 14 und 1 endlos, jeweils Zweiter im 8-Ball und 9-Ball sowie Dritter im 10-Ball, er holte also in jedem Wettbewerb eine Medaille. Seinen 14- und 1-endlos-Titel konnte er in diesem Jahr erfolgreich verteidigen. Inzwischen zählt Lackner auch zum Nationalkader, in dem ansonsten hauptsächlich Spieler aus Bayern und Nordrhein-Westfalen stehen, während es aus Berlin bislang nur wenige Athleten so weit gebracht haben.
Volle oder Halbe
8-Ball ist die Disziplin, die wohl jeder schon einmal in der Kneipe gespielt hat: Jeder Spieler muss seine sieben Kugeln, die entweder ganz („die Vollen“) oder nur zur Hälfte („die Halben“) eingefärbt sind, versenken und anschließend auch noch die schwarze Acht. Beim 9-Ball gibt es statt 15 nur neun Kugeln, nummeriert von eins bis neun, die der Reihe nach eingelocht werden müssen – es gewinnt der Spieler, der die letzte Kugel versenkt. 10-Ball funktioniert ähnlich, bloß dass noch eine Kugel mehr auf dem Tisch liegt. „Theoretisch ist es bei beiden Varianten möglich, dass man die ersten acht oder neun Kugeln trifft, dann aber einen Fehler macht und der Gegner die letzte Kugel versenkt und das Spiel so gewinnt“, erklärt Lackner die Tücken dieser beiden Disziplinen.
Anders läuft es beim 14 und 1 endlos. Dort wird mit 15 Kugeln und einem Spielball gespielt; jede versenkte Kugel bringt einen Punkt, für jedes Foul wird ein Punkt abgezogen. Die Partie endet, wenn ein Spieler 125 Punkte erreicht hat. Immer wenn 14 Kugeln gefallen sind und nur noch eine Kugel auf dem Tisch liegt, bleibt diese liegen und die restlichen werden neu aufgestellt – daher der Name des Spiels. Es ähnelt damit dem Snooker.
Beim Snooker muss man besser zielen
Im Unterschied zum Poolbillard ist beim Snooker der Tisch größer, dafür sind die Taschen kleiner, ebenso wie die Kugeln. „Snooker stellt höhere Ansprüche, was die Genauigkeit beim Zielen angeht“, sagt Lackner. Es sei schwieriger, eine Kugel einzulochen, doch dafür hätten die Spieler wegen des größeren Tisches mehr Platz, um die nächste Kugel zu stellen, was ebenso wichtig ist wie der Punkt selbst. Insgesamt sei Snooker nicht anspruchsvoller als Poolbillard, auch wenn das oft behauptet werde. Dass es trotzdem häufiger im Fernsehen übertragen wird, hat aus Lackners Sicht einen ganz anderen Grund: „Snooker bietet mehr Dramatik. Es kommt dort häufiger vor, dass eine Kugel nicht reingeht und der Ballbesitz wechselt.“ Was im Gegenzug auch bedeute, dass ein Fehler beim Poolbillard schwerer wiegt, weil man danach womöglich nicht noch einmal zum Zug kommt.
Lackner hat sich damit abgefunden, dass er als Poolbillardspieler im Schatten steht. Für seine Schüler ist er trotzdem der Größte. Lackner arbeitet als Erzieher am Diesterweg-Gymnasium. Für den Zeitraum der Weltmeisterschaft hat er frei bekommen; die Abmachung mit der Schule lautet, dass er dafür im Gegenzug in den Winterferien einen Billardkurs anbietet. Vielleicht entdeckt er also selbst bald ein verborgenes Talent.


