Länderspiel

4:1-Sieg gegen Italien: Die Nationalelf als Wundertüte

Weltmeister Deutschland hat auf die England-Schmach geantwortet - mit dem ersten Sieg gegen Italien seit 21 Jahren.

Mario Götze (hier im Zweikampf mit Matteo Darmian) stand im Mittelpunkt des Spiels

Mario Götze (hier im Zweikampf mit Matteo Darmian) stand im Mittelpunkt des Spiels

Foto: Lennart Preiss / Bongarts/Getty Images,

München. Damit hatte wirklich niemand gerechnet. Keine 20 Minuten war das Länderspiel zwischen Deutschland und Italien alt, da schwappte bereits die erste La Ola durch die Allianz Arena. Dabei gab es zu diesem Zeitpunkt noch gar nichts zu bejubeln. Die 62.653 Zuschauer im nicht ausverkauften Münchner Stadion hatten sich die Diskussion um das Stimmungstief von Berlin drei Tage zuvor offenbar zu Herzen genommen.

Als die Fans in der 65. Minute zur zweiten Welle ansetzten, hatten sie dann reichlich Grund zum Feiern. Nach einer überzeugenden Vorstellung führte der Weltmeister gegen Angstgegner Italien bereits mit 3:0. Toni Kroos (24.), Mario Götze (45.) und Jonas Hector (59.) hatten den Vorsprung herausgeschossen, Mesut Özil (75.) erhöhte später per Elfmeter. Stephan El Shaarawy traf zum Endstand (83.). Das 4:1 (2:0) war der erste deutsche Sieg gegen Italien seit 1995.

"Das brauchen wir, wenn wir im Sommer was gewinnen wollen“

„Wir haben gesehen, was passiert, wenn wir in der Defensive eine andere Herangehensweise zeigen“, sagte Abwehrchef Mats Hummels. „Alle haben gearbeitet. Wir haben das sehr gut umgesetzt. Das brauchen wir, wenn wir im Sommer was gewinnen wollen.“

Bundestrainer Joachim Löw hatte sich schon vor dem Anpfiff überlegt, wie er die Stimmungsdiskussion der heimischen Fans beendet. So setzte der 56-Jährige auf den bajuwarischen Publikumsliebling Thomas Müller als Ersatzkapitän für den kniemaladen Bastian Schweinsteiger und im Sturm auf Bayerns Sorgenkind Mario Götze.

Da Lokalmatador Manuel Neuer wegen eines Magendarmvirus bereits am Vortag abgereist war und durch Barcelonas Marc André ter Stegen ersetzt wurde, beließ es Löw allerdings bei diesem schlanken Zwei-Mann-Bayern-Block. Neben Neuer fehlte auch Turins Sami Khedira (Oberschenkel-Probleme) im Kader.

Schweigeminute für Johan Cruyff

Spätestens mit dem Anpfiff stellte sich aber nicht die Frage nach dem „Wer?“ sondern nach dem „Wie?“. Denn überraschenderweise setzten sowohl Löw als auch sein italienischer Trainerkollege Antonio Conte auf ein klassisches 3-4-3-System. Die Lieblingstaktik des gerade verstorbenen Johan Cruyff, dem vor dem Spiel mit einer Schweigeminute gedacht wurde.

Mit der andächtigen Ruhe von den Rängen war es schnell vorbei. Anders als in Berlin gegen England überzeugte der Weltmeister in München durch einen kontrollierten, konzentrierten Auftritt. Löws neuformierte Dreierkette mit Mats Hummels, Shkodran Mustafi und Antonio Rüdiger ließ im ersten Durchgang nicht eine Chance zu, während sich auf der Gegenseite der 38 Jahre alte Torwart Gianluigi Buffon wie ein junger Knabe austoben durfte. Nach 23 Minuten nutzte allerdings die geballte Erfahrung des Torhütermethusalems nichts, als Toni Kroos aus ähnlicher Distanz wie gegen England abzog. Wieder ein überlegter Schuss, ­wieder ein Tor, das frühe 1:0.

Mesut Özil sicher vom Elfmeterpunkt

Die deutsche Mannschaft machte einfach das, was man vom Weltmeister erwartet: Sie legte nach. Es war Bayerns „Sturmzwerg“ Götze (1,76 Meter), der nach herrlicher Flanke vom Clubkollegen Müller zum verdienten 2:0 einköpfte (45.). Es war Götzes perfekte Antwort auf die lautstarke Kritik, die vor allem ARD-Experte Mehmet Scholl vor dem Partie in einem Satz zusammenfasste: „Der Mario müsste viel, viel mehr trainieren.“ Dass Götze nichts verlernt hat, bewies er in Minute 59. Per Hacke spielte er Doppelpass mit Julian Draxler, der im Strafraum frei vor Buffon quer legte auf Jonas Hecor. Der Verteidiger erzielte aus elf Metern sein erstes Länderspieltor. Es war ein Gesamtkunstwerk.

Damit aber noch nicht genug: 15 Minuten vor Schluss holte Buffon den Hoffenheimer Sebastian Rudy im Strafraum von den Beinen. Den fälligen Elfmeter verwandelte Mesut Özil, der auf der ungewohnten Position im defensiven Mittelfeld spielte, souverän im Winkel (75.). „Oh, wie ist das schön“, sangen die Münchner Fans nun und ließen sich die gute Laune auch nicht durch den italienischen Ehrentreffer durch Stephan El Shaarawy verderben (83.). Am Ende feierte Deutschland den höchsten Sieg gegen Italien seit 1939.

Mario Götze: „Thomas hat die ­Flanke überragend gemacht. Ich finde es super, dass der Trainer mir das Vertrauen gegeben hat. Wir wollten nach dem England-Spiel ein Zeichen ­setzen,das ist uns gelungen.“

Bundestrainer Löw sagte: „Gegen England hat mir am Ende die Überzeugung und die letzte Leidenschaft ­gefehlt. Heute war wichtig, dass wir das auch mal in einem Testspiel zeigen. Ich hoffe, dass dieses Spiel Mario Selbstbewusstsein gibt für die ­nächsten Wochen.“