Berlin hat sich, wenn man mal von den vorzüglichen Feiermöglichkeiten absieht, bei den deutschen Nationalspielern zuletzt nicht gerade beliebt gemacht. Gegen England hatte das Team des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) hier in acht Versuchen überhaupt noch nicht gewonnen. Und der letzte Auftritt im Olympiastadion vor dreieinhalb Jahren wandelte sich innerhalb von nur 30 Minuten von einer 4:0-Gala zu einem 4:4-Desaster gegen Schweden. Böse Erinnerung.
Am Sonnabend gab es eine ähnliche Geschichte in Berlin zu beobachten: Nach einer 2:0-Führung durch die Treffer von Toni Kroos (43. Minute) und Mario Gomez (57.) schenkte das Team von Bundestrainer Joachim Löw einen sicher geglaubten Sieg noch her und verlor sogar verdient mit 2:3 (1:0). Die Nachspielzeit war schon angebrochen, da schraubte sich Englands Eric Dier bei einer Ecke hoch und köpfte zum Sieg ein (90.+1). Zuvor hatten Harry Kane (61.) und Jamie Vardy (74.) das Spiel gedreht. Löw startet mit einem heftigen Dämpfer in den Endspurt auf die EM in Frankreich (10. Juni-10. Juli). Er sagte: „Die Engländer haben verdient gewonnen. Es hat sich angedeutet, dass wir verlieren würden. Wir hatten große Probleme, von hinten raus nach vorne zu spielen.“
Dass es hier nicht nur um Fußball gehen würde, spürten die 71.413 Fans schon bei der Anreise zum Olympiastadion: Die Terroranschläge von Brüssel am Mittwoch hatten die Angst auch bis in die deutsche Hauptstadt getragen. 1500 Polizisten versuchten für Sicherheit zu sorgen. Sprengstoffhunde untersuchten den Innenraum vor dem Anpfiff. Verschärfte Einlasskontrollen führten zu langen Schlangen beim Einlass. Mit einer Schweigeminute wurde der Opfer von Brüssel gedacht.
Löw hatte angekündigt, beim vorletzten Test vor der Nominierung des vorläufigen EM-Kaders am 17. Mai etwas ausprobieren zu wollen und brachte den in Kreuzberg aufgewachsenen Antonio Rüdiger in der Innenverteidigung. Das deutsche Spiel gleicht mittlerweile einer ausgewachsenen Anakonda: Langsam zieht es sich mit unzähligen Ballstafetten bedrohlich um den Strafraum fest, um dann blitzschnell zuzubeißen und den Gegner zu verschlucken: Geklappt hatte das nach 27 Minuten: Sami Khedira steckte auf Mario Gomez durch, der in der Türkei wiederbelebte Angreifer traf. Doch Schiedsrichter Gianluca Rocchi (Italien) entschied auf Abseits – eine Fehlentscheidung.
So brauchte es einen verunglückten Abschlag des englischen Torwarts Jack Butland, der über Umwege bei Kroos landete. Der Madrilene hob den Kopf kurz und schoss aus 25 Metern flach ins kurze Toreck: 1:0 (43.). Butland, hatte sich zuvor verletzt und musste mit einer Trage vom Feld geholt werden. Forster Fraser kam.
Löw wechselte. Mats Hummels ging, mit Jonathan Tah (20) feierte der 78. Debütant der nun fast schon zehn Jahren langen Löwschen Ära seinen Einstand. Alles schien sich zu fügen: Khedira hob eine Flanke in den Strafraum, Gomez köpfte zum 2:0 (57.) 1382 Tage hatte der Angreifer nicht im Nationaltrikot getroffen. Sein letztes Tor datiert auf den 13. Juni 2012. Damals traf er doppelt bei der EM gegen die Niederlande. Es hätte die Geschichte seiner Auferstehung werden könne – am Vorabend des Ostersonntag. Doch es wurde die der Engländer.
Angefeuert von sangeskräftigen Fans nahm sich Kane von der Strafraumspitze ein Herz und überwand Manuel Neuer im deutschen Tor (61.). Schöner noch war der Treffer des eingewechselten Vardy. Nach einer Flanke drückte der ehemalige Fabrikarbeiter den Ball mit der Hacke zum 2:2 ins Netz (74.). Kane (21 Treffer) und Vardy (19) führen die Torjägerliste in der Premier League an. Löws Team hätte also gewarnt sein sollen. Die Gäste blieben dran, Dier übersprang mühelos Andre Schürrle und köpfte ein, 2:3.
Mario Gomez sagte: „Das ist ein Stück weit unerklärlich. Bis zum 2:0 haben wir ein gutes Länderspiel gemacht. Aber dann waren wir zu weit auseinander.“ Toni Kroos: „Wir haben in der zweiten Halbzeit schlecht verteidigt. Wir können das Spiel nicht so aus der Hand geben.“ Löw kritisierte: „Unsere ganze Mannschaft war trotz der Führung nicht in der Lage, Ruhe reinzubringen. Unsere Organisation war nicht mehr gut.“

