Radsport

Der Bahnvierer ist endlich zurück in der Spur

Der Bahnvierer mit dem Berliner Theo Reinhardt will bei der Weltmeisterschaft in London seine neue Stärke zeigen.

Bei der WM 2015 fuhren die beiden Berliner Theo Reinhardt und Henning Bommel sowie Kersten Thiele und Domenic Weinstein (v.l.) auf Rang vier. Diesmal fehlt Bommel

Bei der WM 2015 fuhren die beiden Berliner Theo Reinhardt und Henning Bommel sowie Kersten Thiele und Domenic Weinstein (v.l.) auf Rang vier. Diesmal fehlt Bommel

Foto: imago sportfotodienst / imago/PanoramiC

Berlin.  Der Termin lag nicht gerade günstig. Am 29. Februar sollte sein Sohn geboren werden. Doch solche Daten sind immer relativ, der Kleine ließ sich nicht so viel Zeit.

Ein Glück, sonst hätte Theo Reinhardt (25) nicht dabei sein können bei der Geburt. Seit Donnerstag ist er in London, mit dem deutschen Bahnvierer möchte der Radprofi bei der Weltmeisterschaft (2. bis 6. März) einen Trend bestätigen.

Im besten Fall könnte der auf den dritten Platz führen. Eine Medaille für den Vierer, das gab es seit 2002 nicht mehr. Allein diese Chance macht alle stolz. „Wir haben etwas geschaffen“, sagt der Berliner Reinhardt.

Nach einer Dekade voller deprimierender Resultate greifen die Umstrukturierungen seit einiger Zeit immer besser. Im Vorjahr in Paris fuhr der Vierer bereits auf Platz vier, mit deutschem Rekord (3:57,116 Minuten). Diese Zeit soll nun auf jeden Fall verbessert werden.

Für Olympia qualifiziert

Der ganz große Druck steckt nicht hinter diesem Ziel, denn für Olympia in Rio ist der Vierer schon qualifiziert. Die Spiele in London 2012 und Peking 2008 fanden ohne ihn statt. Seit vier Jahren arbeiten sie in aller Ruhe daran, endlich wieder an die großen Erfolge deutscher Vierer anzuknüpfen. „Wir haben die Zeit, die wir bekommen haben, sinnvoll genutzt und uns alle weiterentwickelt“, so Reinhardt.

Versuche, das Team wieder in die Spur zu bringen, gab es viele. Von verschiedenen Trainern. „Die haben aber auf veraltete Methoden gesetzt“, so der Berliner. Die Mannschaftsverfolgung hat sich jedoch verändert, ist schnellkräftiger geworden. Gelöst ist das Problem immer noch nicht in allen Facetten.

Zu langsamer Start

„Wir fahren zwar regelmäßig den schnellsten letzten Kilometer, kommen aber zu langsam los“, erzählt Sven Meyer, der Bundestrainer. Würden sie derzeit Rennen angehen wie die alles dominierenden Briten und Australier, wäre das deutsche Quartett nach der Startphase schon zu kaputt, um bis zum Ende gut zu fahren.

Meyer, gerade einmal 30 Jahre alt und seit 2011 in der Verantwortung, geht die Dinge mit Geduld an. „Er ist ein Glücksfall“, sagt Reinhardt. Er ordnete alles neu, modernisierte das Training, veränderte die Strukturen. Alle Fahrer wurden zentral zu einem Team zusammengefasst, um konzentriert und gezielt arbeiten zu können.

„Wir haben mit 15 Sekunden Rückstand auf die Weltspitze angefangen“, erzählt Reinhardt, „die kriegt man nicht so einfach weg.“ Zum Weltrekord der Briten fehlen immer noch fast sechs Sekunden. Irgendwann soll der deutsche Vierer aber wieder um Gold fahren.

Tränen nach der Auswahl für die WM

Fünf Mitglieder zählt das Team in London mit Reinhardt, Domenic Weinstein (Villingen-Schwenningen), Kersten Thiele (Göttingen), Nils Schomber (Neuss) und Leif Lampater (Waiblingen), bei den drei Rennen am Mittwoch und Donnerstag kann jeder eingesetzt werden.

Für die WM musste Meyer seine Mannschaft im Trainingslager in Frankfurt/Oder um drei Athleten dezimieren. „Es waren definitiv die härtesten und schwersten Tage meines Lebens. Wir haben über die Jahre viele harte Zeiten durchgemacht, das hat zusammengeschweißt. Am Ende habe ich alle Sportler in Einzelgesprächen in alphabetischer Reihenfolge informiert. Das war schlimmer als die Trennung von meiner Freundin vor einigen Jahren“, sagt er.

Reinhardt berichtet von vielen Tränen, die da vergossen worden sind nach der Selektion. „Das war für alle hart. Bei uns sind in den Jahren Freundschaften entstanden, die über den Sport hinausgehen“, erzählt er.

Levy kämpft noch um Startplatz bei den Olympischen Spielen

Die Berliner Henning Bommel und Maximilian Beyer durften nicht mit. Für beide dürfte sich damit auch die Chance auf eine Olympiateilnahme fast erledigt haben. Bundestrainer Meyer spricht von einer Vorentscheidung.

Die könnte auch für Maximilian Levy (28) gefallen sein. Der zweite Berliner im WM-Aufgebot startet zwar in London, jedoch im Sprint und im Keirin. Für den Teamsprint ist er nicht vorgesehen.

Bei Olympia aber dürfen nur die drei aus dem Teamsprint auch für die Einzeldisziplinen nominiert werden. „Eine Medaille würde helfen, um mich noch einmal in Position zu bringen“, sagt Levy, der bereits drei Olympiamedaillen (zwei Bronze, eine Silber) gewonnen hat und nicht glücklich ist über die WM-Konzeption von Bundestrainer Detlef Uibel, sich aber kämpferisch gibt für seine Rennen auf der Olympiabahn von 2012.

Normalerweise würde Theo Reinhardt noch etwas zuschauen, wenn sein Wettkampf vorüber ist. Doch der junge Vater darf früher aus London abreisen. „Gern verlasse ich das Team nicht, aber der Bundestrainer hat gesagt, ich soll es ruhig machen.“ Er freut sich natürlich, so schnell wie möglich zurück Frau und Baby zu kommen.

DER ZEITPLAN DER BAHNRAD-WM

Mittwoch, 2. März

18.30 bis 20.54 Uhr: Eröffnung, Finale 3000-m-Einzelverfolgung (Frauen), Finale Scratch 15 km (Männer), Finale Teamsprint (Männer und Frauen).

Donnerstag, 3. März

ab 13 Uhr: Finale 1000-m-Zeitfahren (Männer),

19 Uhr: Finale Scratch 10 km (Frauen), Finale Keirin (Frauen), Finale 4000-m-Mannschaftsverfolgung (Männer).

Freitag, 4. März

14.30 Uhr: 500-m-Zeitfahren (Frauen).

19.00 Uhr: Finale 4000-m-Mannschaftsverfolgung (Frauen), Finale 4000-m-Einzelverfolgung (Männer).

Samstag, 5. März

ab 19.00: Uhr Finale Punktefahren über 25 Kilometer (Frauen), Finale Omnium, sechste Disziplin Punktefahren 40 Kilometer (Männer), Finale Sprint (Männer).

Sonntag, 6. März

ab 14.00 Uhr: Finale Omnium Punktefahren 25 km (Frauen), Finale Keirin (Männer), Finale Sprint (Frauen), Madison 50 km (Männer).

Live bei You Tube In Deutschland sind die 19 WM-Entscheidungen nur über den Youtube-Kanal des Radsportweltverbandes UCI zu sehen, Live-Übertragungen im TV gibt es hierzulande nicht.