Sechstagerennen

Marcel Kalz und Roger Kluge sind das Traumpaar auf Rädern

Die Lokalmatadoren Marcel Kalz und Roger Kluge begeistern beim Sechstagerennen das Publikum und kämpfen am Dienstag um den Sieg.

 Roger Kluge (l.) und Marcel Kalz drehen in Berlin ihre Runden

Roger Kluge (l.) und Marcel Kalz drehen in Berlin ihre Runden

Foto: Krauthoefer

Berlin.  Trillerpfeifen genießen höchste Priorität beim Sechstagerennen, sie sind der Spaßindikator. Und zwar der ultimative. Wird viel getrillert und gepfiffen, haben die Leute auf den Tribünen ihren Spaß. An die andere Variante möchte der Veranstalter lieber gar nicht denken.

Um die Handhabung des kleinen, aber so wichtigen Gerätes zu forcieren, gibt es ein probates Mittel: Teams mit Lokalkolorit zusammenzustellen, die auch ganz vorn mitfahren können. Wie sich das anfühlt, können gerade Roger Kluge und Marcel Kalz erleben. „Wenn wir losfahren, dann tobt die Halle“, erzählt Kluge vor der enge Koje des Teams im Velodrom. Der Erlebnisfaktor geht dabei über auf die Radprofis: „Das macht ungeheuren Spaß.“

Ein Duo für die ganze Region

Kluge (29) ist Brandenburger, kommt aus Eisenhüttenstadt. Kalz (28) wohnt nur etwa zwei Kilometer von der Halle entfernt am Sportforum Hohenschönhausen. Eine ideale Kombination für das Berlin-Brandenburger Publikum, das sechs Abende an der Bahn verbringt und sich bei der 105. Auflage bestens zu amüsieren scheint. „Wenn es so laut ist, fühlen sich die Beine viel besser an. Da ist so viel Adrenalin da“, erzählt Kalz. Das verdrängt auch die Gedanken an die Schmerzen. Die begleiteten ihn zuletzt regelmäßig.

Beim Sechstagerennen in Bremen, wo er mit Alex Rasmussen Dritter wurde, kämpfte Kalz bis zum Schluss. Große Sitzprobleme plagten ihn da. Er hatte sich im Genitalbereich alles aufgescheuert. Es wurde viel desinfiziert, viel gecremt. Anschließend musste Kalz das Training anpassen, auf ein Liegerad ist er dazu umgestiegen. Denn er mochte das Rennen in Berlin auf keinen Fall verpassen. „Ich will hier vor meinem Publikum eine schöne Show bieten“, sagt Kalz.

Trotzdem er am ersten Abend vom Präsentationsauto in der Halle angefahren worden ist, funktioniert das bislang sehr gut. „Das war unglücklich mit dem Auto, aber es hat sich arg angefühlt“, so Kalz. Viel hätte nicht gefehlt, dann wäre der Fuß, auf den der Wagen drauffuhr, gebrochen gewesen. Mit Salbe und Schmerztabletten setzte er sich wieder aufs Rad. „Wir als Radsportler können auch in Stacheldraht fallen und fahren weiter.“ Kalz lacht.

Harter Kampf an der Spitze

Am dritten Tag holte sich das Duo die Führung, verlor sie aber tags darauf in dem engen Rennen wieder. Einige junges Teams treten recht stark auf, die beiden Niederländer Yoeri Havik und Nick Stöpler entpuppen sich als Sieganwärter. „Das tut uns natürlich weh. Wir haben viel Gegenwind von den Gegnern. Das ist schwer, die alle in Schach zu halten“, so Kluge. Doch er weiß, wie man solche Rennen erfolgreich bestreitet, zweimal war er in Berlin schon Sieger. Kalz gewann einmal in seiner Heimatstadt, er ist Titelverteidiger.

Auch ein schöner Anreiz, zuletzt siegten Rolf Aldag und Silvio Martinello 2002 zweimal in Folge. „Das gab es lange nicht. Und es waren auch nicht viele, die es geschafft haben“, sagt Kalz, der seinen Premierensieg in Berlin vergangenes Jahr mit Leif Lampater (Irschenberg) holte. Gemeinsam sind Kalz und Kluge bislang nur im Nachwuchs unterwegs gewesen. „Wir wollten in den letzen fünf Jahren immer wieder mal zusammenfahren, aber es hat nie gespasst. Ich bin froh, dass es endlich mal geklappt hat“, erzählt Kluge. Meist sah seine Einsatzplanung anders aus, denn er ist hauptsächlich auf der Straße unterwegs. Nach Berlin kam er fast direkt aus Australien, wo er die Tour Down Under gefahren ist.

Kluge fährt viele Straßenrennen

Ganz unproblematisch war das nicht, die Umstellung des Schlafes ist das Schwierigste. „Ich schlafe gut ein, nach so einem Abend ist jeder müde. Aber ich schlafe nicht so lange“, so Kluge. Während die anderen meist von zwei bis elf Uhr im Bett liegen, wird er gegen acht Uhr morgens schon unruhig. Dabei ist Schlaf enorm wichtig für die Erholung. „Der erste Tag war wirklich schwer“, sagt Kluge. Aber die Anpassung schreitet voran.

Würde er nicht mit seinem Team IAM Cycling so auf der Straße eingebunden sein, würden beide wahrscheinlich öfter gemeinsam auf den Sechstagebahnen zu sehen sein. Doch Kluges Saison sieht viele große Rennen vor. In ein paar Wochen Mailand-San Remo, später Paris-Roubaix, die Frühjahrs-Klassiker eben. Mit dem Giro d’Italia als Höhepunkt. Sogar bei der Tour de France ist er schon gefahren. Diesmal läge der Fokus im Sommer auf der Bahn, bei den Olympischen Spielen in Rio. Wenn er denn nominiert wird. Das Straßenrennen dort wäre keine Alternative.

Roger Kluge sagt: „Ich fahre lieber auf der Bahn, da habe ich keinen Berg.“ Das Straßenrennen gilt als überaus schwer in Rio. Um die Bahn-WM herum, in etwa einem Monat, weiß der Brandenburger mehr.

Sie spüren den Rückhalt

Zusammen hätten die beiden wohl das Potenzial, zu Seriensiegern zu werden. „Wir kennen uns schon länger und wissen die Stärken des anderen einzuschätzen. Das kommt uns hier entgegen“, erzählt Kalz, der spürt, dass die Zuschauer im Velodrom hinter ihnen stehen. Immer wenn sie zu einem Rundengewinn ansetzen, pusten besonders viele Leute in die Trillerpfeifen. Genauso, wenn sie eine Wertung gewinnen. Kluge und Kalz sind das Traumpaar auf der Berliner Bahn. Jetzt muss nur noch der Traum in Erfüllung gehen. „Wir geben unser Bestes. Und so lange wir das Publikum auf unserer Seite haben, sind wir positiv gestimmt“, sagt Kluge.