Auf Unverständnis trifft der Mann wahrscheinlich öfter. „Herr Haase, sind Sie und Ihre Berufskollegen nicht ganz dicht?“, ist zumindest eine Frage, die ihn nicht mehr aus der Fassung bringt. Kai Haase (24) bleibt ganz gelassen, nimmt einen Schluck Tee aus seiner Tasse und antwortet ganz ruhig.

Der gelernte Motorrad-Mechaniker ist einer von lediglich drei Motocross-Freestyle-Profis in Deutschland und hat Verständnis dafür, dass Sprünge weit über die 20-Meter-Marke hinaus, in zehn bis zwölf Meter Höhe, bisweilen per Salto oder kopfüber fliegend, oder sogar unter einem Motorrad hängend, Irritationen bei seinen Mitmenschen auslösen können.

Wenn der Berliner den Zugang zu seinem Sport erklärt, klingt ja auch alles ganz simpel: „Menschen sind Gewohnheitstiere. Erst springst du mit dem Motorrad über eine kleine Rampe. Wenn du es kannst, wird es dir langweilig. Dann steigerst du die Anforderungen: immer ein Stück weiter. Ab einem bestimmten Repertoire ist man oben mit dabei.“ So wie er.

In der Mercedes-Benz-Arena starten alle Stars des Freestyle

Diejenigen, die in Haases Sport ganz oben sind, bestreiten am Freitag (ab 20 Uhr) und Sonnabend (19 Uhr) in der Berliner Mercedes-Benz Arena bei der „Night of the Jumps“ den zweiten Durchgang zur Freestyle-WM 2016.

Haases Sprünge gehen zuweilen bis an die Hallendecke
Haases Sprünge gehen zuweilen bis an die Hallendecke© imago/Eibner | imago/Eibner

Mit dabei sind unter anderem Titelverteidiger Maikel Melero (der Spanier gewann 2015 beide Abende in Berlin), Rekord-Champion Remi Bizouard und sein französischer Landsmann David Rinaldo (Weltmeister 2013), der WM-Dritte von 2015, Rob Adlberg aus Australien, und auch Haases deutsche Kollegen, die Brüder Hannes und Luc Ackermann.

Dazu: Hochsprung-Weltrekordler Massimo Bianconcini aus Bologna, der sich als 36-Jähriger selbst „Opa“ nennt und dessen Bestmarke von 11,50 Meter seit 2012 Bestand hat.

Akribische Vorbereitung von Mensch und Motorrad

20 bis maximal 50 Akteure weltweit, so Haases Einschätzung, bewegen sich derzeit auf dem absoluten Spitzenniveau. Im Vorjahr landete er selbst, nach gleich zwei langwierigen Verletzungen, auf Rang 16. Bleibt nach Stürzen oder Verletzungen eine Blockade im Kopf?

Für Kai Haase ist das nicht so leicht zu beantworten: „Es gibt bei uns verschiedene Typen. Die einen sind eher Draufgänger, machen sich keinen Kopf. Die anderen grübeln schon ein wenig. Am Ende überwiegt aber immer der Spaß am Sport.“ Sich selbst ordnet Hasse eher bei den Grüblern ein.

Bei manchen Stunts ist der Fahrer kopfüber...
Bei manchen Stunts ist der Fahrer kopfüber...© imago/Eibner | imago/Eibner

Was definitiv aber alle Akteure verbindet, ist die akribische Vorbereitung von Mensch und Motorrad. Kein Fahrer verzichtet auf einen eigenen Mechaniker (oder sogar mehrere). Kein Fahrer kommt ohne Fitness und Konditionstraining aus. Haase holt sich die nötige Ausdauer übrigens am liebsten auf dem Rennrad. „Ich mag grundsätzlich zwei Räder“, lautet seine Begründung.

Unternehmer als guter Netzwerker

Mit einer Einschränkung: Kai Haase hat keinen Motorrad-Führerschein. „Das ist mir zu gefährlich. ich lebe in einer Großstadt, wo der Verkehr entsprechend ist. Im Sport bin ich ganz allein für mein Tun verantwortlich, auf der Straße sind zu viele andere.“ An seinen Augen kann man ablesen, dass er gern noch „Idioten“ hinzugefügt hätte. Aber dazu ist er dann doch zu höflich.

Haase, der erst Motocross fuhr und dann in den Freestyle-Sport einstieg, ist genau wie seine Kollegen Unternehmer. Was für den Jungprofi unter anderem bedeutet, dass er ein guter Netzwerker sein muss.

„Ich lebe von Engagements bei Veranstaltungen und von den Wettbewerben wie ,Night of the Jumps’. 2016 werden es so um die 20, eventuell sogar ein paar mehr sein. Momentan gibt es Gespräche sogar für einen Auftritt in Pakistan“, sagt Haase mit einer Spur Stolz. Er kann von seinem Sport inzwischen leben.

Tiefer Respekt vor Valentino Rossi

Ein Leben, dass bei aller Lockerheit („Wir sind schon privilegiert, sehen viele Länder und lernen interessante Menschen kennen“) auch buchhalterische Komponenten aufweist. „Unsere Steuererklärungen sind kompliziert“, erzählt Haase.

...oder auch mal liegend auf dem fliegenden Motorrad
...oder auch mal liegend auf dem fliegenden Motorrad© imago/Lackovic | imago/Lackovic

„Meine Mutter hat mich darauf gedrillt, dass ich jeden Fetzen Papier, jede Quittung oder Rechnung sorfältig aufhebe. Außerdem bin ich gut in den sozialen Netztwerken unterwegs und versuche, Sponsoren so gut wie möglich zu pflegen.“

Extrem wichtig für ihn ist auch die Wahl der Versicherungen. „Teuer ist es immer, also muss man sehen, wo man das komplette Programm, also das für alle Eventualitäten, absichern kann.“

Ein sportliches Vorbild hat der Berliner momentan nicht. „Je näher du an die Weltspitze kommst, desto mehr lässt die Vorbildfunktion eines anderen Fahrers ja nach.“ Großen Respekt empfindet Haase allerdings gegenüber den Fahrern der MotoGP-Klasse wie Valentino Rossi, Marc Marquez, Jorge Lorenzo oder auch Stefan Bradl. „Die sind für mich ein bisschen verrückt. Schneller als Tempo 300, Wahnsinn“, so der Freestyler, der Rossi und Co. am TV-Schirm aber gern zuschaut.

Beim Ausflug zur Motocross-EM belegt er auf Anhieb Rang acht

Wenn es sein Terminkalender erlaubt, misst sich Haase auch noch gern mit gestandenen Motocross-Fahrern. 2015 startete er sogar bei einem EM-Lauf in Belgien, den er auf Rang acht beenden konnte. Was ihm wichtig war. „Einige Motocrosser halten uns Freestyler für Weicheier, die für ein paar Sprünge viel Kohle kassieren. Da ist so ein Top-10-Platz die richtige Antwort“, sagt Haase dazu.

Etwa zehn Jahre sieht er sich noch als Freestyler, danach will er dem Geschäft mit den Zweirädern treu bleiben. Mit eigenem Laden oder als Teilhaber. Vielleicht aber auch im „Night-of-the-Jumps“-Zirkus.

Um die Piste in Berlin aufzubauen, sind 70 LKW-Ladungen Sand und Lehm (1800 Tonnen) nötig. Deren Verteilung schreit nach Baggern oder Radladern. Schweres Gerät, das Haase bisweilen für einen Bekannten mit Baugeschäft bewegt. „Radladerfahren ist geil“, gesteht er . Nur Fliegen sei schöner, vor allem auf dem Motorrad.