Am 31. Mai 2005 trat Giovanni Bogliolo, seines Zeichens Rektor der Universität Carlo Bo in Urbino, ans Rednerpult. Es galt, eine Ehrendoktorwürde zu verleihen, für einen Mann, dessen Verdienst aus Sicht des Professorenkollegiums darin bestand „Menschen aus den verschiedensten Kulturen und unterschiedlichster Sozialisation gleichermaßen anzusprechen und sogar Vorbild zu sein.“ Der Mann hieß Valentino Rossi.

Zehn Jahre später tut Rossi noch immer das, was er auch zehn Jahre vor dem für ihn „mein ganzes Leben lang bedeutenden und emotionalen“ Ehrentag schon getan hat. Er bestreitet Motorradrennen - am Sonnabend ist Nummer 320 dran, genauer gesagt der 320. Grand Prix, diesmal der der Niederlande in Assen. Bislang 202 Mal kletterte der mittlerweile 36 Jahre alte Italiener auf das Siegertreppchen, allein 110 Mal auf die oberste Stufe, was in der Summe zu neun Weltmeistertiteln geführt hat.

„Ich bin ein hart arbeitender Glückspilz“, antwortet Rossi auf die Frage, wie er sich und seine Karriere kurz beschreiben würde. Glückspilz? „Ja, denn ich hatte gute Startvoraussetzungen. Mein Vater war selbst Motorrad-Profi, hatte gute Verbindungen und ebnete mir den Weg“, bestätigt der „Dottore“ und fügt dann hinzu: „Und er hat mir geholfen, weil er sich rechtzeitig zurückgezogen hat, so dass ich meinen Weg finden konnte.“

Auftritte als Robin Hood und Superman

Graziano Rossi, immerhin dreifacher Grand-Prix-Sieger, war, nachdem er den Job als Grundschullehrer aufgegeben hatte, zu seiner Zeit der Prototyp des exzentrischen Profisportlers. Eine gute Party war ebenso wichtig wie ein gutes Rennen. Und das Leben war zu kurz, um nicht jeden Unsinn mal ausprobiert zu haben. Was bitte soll aus einem kleinen Jungen werden, dessen Vater auf einer belebten Straße in Pescara ein veritables Huhn an einer langen Leine zum Gassi ausgeführt hat?

Valentino Rossi lacht: „Ich finde, das war eine gute Geschichte von ihm. Aber ernsthaft: Er hat mir ein kleines Motorrad mit Stützrädern gebaut und mich üben lassen. Das ist auch das ganze Geheimnis. Jeder Tag auf dem Motorrad bringt dich weiter, auch wenn du schon zwanzig Jahre lang fährst. Und du darfst in der Weltmeisterschaft nicht auf die Uhr schauen, wenn es mal nicht gut läuft. Erst wenn es gut läuft, ist Feierabend.“ An dieser Stelle wandelt sich dann der Glückspilz in den harten Arbeiter.

Den Sinn für Skurriles hat Graziano Rossi seinem Sohn vererbt. Auftritte nach Siegen als verkleideter Robin Hood, als riesiges Huhn oder als Superman haben dem Junior Sympathien eingebracht. Sportlich steht lediglich Rossis Landsmann Giacomo Agostini (15 WM-Titel bei 122 WM-Siegen) noch vor ihm. Geschäftlich ist Valentino unerreicht.

Nachdenken nach Beinbruch

Hauptauslöser für ein Engagement jenseits des Pilotendaseins war sein Unfall 2010 in Mugello, einer Rennstrecke, auf der die Topfahrer der MotoGP-Klasse Geschwindigkeiten von bis zu 350 km/h erreichen. Rossi stürzte, kam mit einem Beinbruch aber glimpflich davon. „Ich hatte viel Zeit nachzudenken“, sagt Rossi, „und mir war klar, dass es mit der Fahrerei auch schnell vorbei sein kann.“ Die Ausrichtung auf eine künftige Daseinsvorsorge ergab sich aus den Erfahrungen mit dem Valentino-Rossi-Fanklub. Die Nachfrage nach Fotos, Autogrammen, Shirts oder Mützen hatte so große Dimensionen angenommen, dass Klub-Chef Cesarino Salucci, Vater von Valentinos bestem Freund Uccio, dazu riet, auch andere Devotionalien ins Programm aufzunehmen.

Aus dem Klub wurde die Firma VR46 - VR für Valentino Rossi und die 46 ist die legendäre Startnummer - geerbt vom Papa. „Die Nummer eins, die mir als Weltmeister ja einige Male zugestanden hätte, war mir nie so wichtig wie die Nummer 46 meines Vaters“, so Rossi, der sie sich vor ein paar Jahren als Markenzeichen hat schützen lassen und auch einen Prozess gegen einen italienischen Textilhersteller um die 46 gewonnen hat.

Richtig gerecht wird man dem Geschäftsmann Valentino Rossi aber erst, wenn man bedenkt, dass er mittlerweile auch Interessen seiner Kollegen und sogar seiner schärfsten WM-Konkurrenten wahrnimmt. Ob Marc Marquez und Jorge Lorenzo (beide Spanien) oder der Brite Cal Crutchlow, der Deutsche Jonas Folger oder Italiens achtmaliger Motocross-Champion Toni Cairoli – Rossi kümmert sich auch um deren Fanartikel. Die Firmenzentrale steht in der 4500-Seelen-Gemeinde Tavullia, Rossis Geburtsort. Dort ist er der größte Arbeitgeber.

Zweites Standbein ist eine Dirt-Track-Bahn, vergleichbar mit einer Motocross-Piste, aber ohne Hügel und Sprünge, auf der Fahrer-Lehrgänge (für Amateure und Profis) abgehalten werden. Nicht selten tummelt sich Rossi mit WM-Kollegen auf dem Terrain. Bei aller Geschäftstüchtigkeit – die VR46-Erlöse (unter anderem in Südostasien) werden schon als wesentlich höher eingeschätzt als Rossis mit etwa 20 Millionen Euro veranschlagtes Jahressalär – ist der Motorrad-Superstar bodenständig. Fernziel: „Wenn ich alt bin, hänge ich nur noch mit meinen Freunden in Tavullia rum.“